FC Bayern München: Nur noch ein fragiles Gebilde

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Die Krise ist handfest: Bayern verspielt auch in Berlin eine 2:0-Führung und ist damit seit drei Partien sieglos. Es schreit nach Runderneuerung.

HINTERGRUND

Vor dem Spiel machte Hasan Salihamidzic das, was er ziemlich häufig macht, seit er beim FC Bayern München das Amt des Sportdirektors inne hat. Er redete schnell und viel, ohne dabei etwas zu sagen. Salihamidzic stand am Spielfeldrand des Berliner Olympiastadions und druckste herum. Man müsse "mal sehen", ob es eine Option ist, bis zum Saisonende mit Interimstrainer Willy Sagnol weiterzumachen. Immerhin bestehe diese Möglichkeit also, schlussfolgerte Sky-Moderatorin Esther Sedlaczek. "Ich habe nicht ja oder nein gesagt", entgegnete Salihamidzic nebulös. In den darauffolgenden 90 Minuten war dann deutlich zu erkennen, warum die Münchner vielleicht doch eher die andere, die schnelle Lösung präferieren werden.

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"Es ist nicht zu übersehen, dass sich etwas ändern muss", hatte Joshua Kimmich vier Tage zuvor im Pariser Prinzenpark gesagt. Salihamidzic forderte im Vorfeld des Bundesliga-Spiels bei der Hertha "eine ganz klare Reaktion der Mannschaft" und Vorstandsboss Karl-Heiz Rummenigge wollte ein Team sehen, das dem FC Bayern München ähnelt, jenem erfolgreichen Verein also, "der in den letzten Jahren in Europa und auch national für Furore gesorgt hat". Gelungen ist das nicht. Im Gegenteil.

In Spiel eins nach Carlo Ancelotti, der am Donnerstag in Folge der 0:3-Pleite in der Champions League bei Paris Saint-Germain entlassen worden war, offenbarten die Münchner abermals eklatante Schwächen. Und wie schon vor gut einer Woche gegen Wolfsburg verspielten sie am Ende erneut eine 2:0-Führung. Das war ihnen in ihrer Klubgeschichte noch nie zuvor zweimal in Folge passiert.

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"Für uns ist es ein bisschen ärgerlich. Wir müssen mit mehr Konzentration und Disziplin spielen, dafür haben wir schwer bezahlt", sagte Sagnol hinterher. Ein Fazit, das auch von Ancelotti hätte kommen können. Eines, das angesichts des Spielverlaufs sogar noch ziemlich beschönigend ausfiel. Die Bayern spielten schließlich nicht nur unkonzentriert, sie agierten auch erschreckend hektisch und ziemlich planlos, ohne jegliche Struktur und Kontrolle. Selbst die beiden Tore von Mats Hummels (10.) und Robert Lewandowski (49.) fielen nach improvisierten Angriffen der Marke Zufallsprodukt.

Nur noch ein fragiles Gebilde

Die beiden Gegentore durch Ondrej Duda (51.) und Salomon Kalou (56.) zeigten dagegen, welch ein fragiles Gebilde der FC Bayern derzeit doch ist. Als Neymar am Mittwoch wiederholt mit verblüffender Leichtigkeit durch die Münchner Abwehrreihen gedribbelt war, da konnte man das angesichts seiner Klasse noch irgendwo nachvollziehen. Mit ihm haben schließlich auch die besten Verteidiger des Planeten ihre Probleme. Der Japaner Genki Haraguchi dagegen war bislang nicht als großer Abwehrschreck bekannt. Doch der kleine Japaner vernaschte sie alle. Wie Slalomstangen ließ er Joshua Kimmich, Jerome Boateng und Hummels stehen, bevor er den Ball zu Duda in die Mitte passte.

*GER ONLY* Hertha BSC FC Bayern Sagnol

*GER ONLY* Hertha BSC FC Bayern Rummenigge Hoeneß

Beim 2:2 segelte ein eigentlich recht harmloser Freistoß von Marvin Plattenhardt in den Münchner Strafraum, den Corentin Tolisso verpasste, wodurch die ganze Münchner Hintermannschaft relativ bescheiden aussah, als die Berliner plötzlich zu dritt vor Sven Ulreich auftauchten. "Berlin hat sich diesen Punkt verdient und war dem 3:2 gefühlt näher, da wir es verpasst haben, noch Torchancen zu haben", sagte Hummels später. "Es ist nicht nur die Abwehr, es ist ein Problem der gesamten Mannschaft. Wir müssen besser zusammenspielen und eine gute Balance finden", befand Sagnol. Balance war übrigens Ancelottis Lieblingswort. Auch der Italiener hatte sie oft gesucht, aber selten gefunden, die richtige Balance.

"Ohne Konzentration", resümierte der Interimstrainer, "sind wir nicht mehr die stärkste Mannschaft Deutschlands." Die stärkste Mannschaft Deutschlands ist aktuell Borussia Dortmund, und die ist den Münchnern nach nur sieben Spieltagen bereits fünf Punkte enteilt.

"Wir werden wieder Erfolg haben"

Drei sieglose Pflichtspiele gab es für die Bayern zu einem so frühen Zeitpunkt der Saison zuletzt vor über sieben Jahren. Selten dürften sie sich derart über eine Länderspielpause gefreut haben. "Wir sind in einer schwierigen Phase, aber wir werden wieder Erfolg haben", prophezeite Sagnol. Auch Salihamidzic hatte auf der Pressekonferenz am Freitag versprochen: "Sie brauchen sich um den FC Bayern keine Gedanken zu machen. Wir werden stark aus der Situation herauskommen." Nur wie? Und mit wem? Sagnol beteuerte jedenfalls am Sonntagabend, dass es mit ihm bislang keine Absprache über das weitere Vorgehen gebe.

Julian Nagelsmann gilt derweil als Wunschkandidat von Uli Hoeneß. Weil die TSG 1899 Hoffenheim ihren Trainer während der laufenden Saison aber wohl nicht freigeben wird, bräuchten die Münchner Geduld. Geduld, die sie aktuell nicht haben. Zwar muss man Sagnol zugestehen, in der Kürze der Zeit gar keine echte Chance gehabt zu haben, das Team großartig zu reformieren. Es scheint aber, als bräuchte die Münchner Einheit, die derzeit gar keine Einheit ist, dringend eine Runderneuerung. 

So könnte der mutmaßliche Wunschkandidat von Karl-Heinz Rummenigge den Zuschlag bekommen. Thomas Tuchel wäre sofort frei, er könnte sofort helfen. Dabei, all die Probleme, die der FC Bayern derzeit hat, anzupacken und gute Lösungen zu finden, wie es sich Salihamidzic wünscht. Dabei, aus dem fragilen Gebilde, aus den vielen herausragenden Einzelkönnern wieder eine echte Mannschaft zu formen.

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