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Sven Bender im Goal-Interview: "Ich wollte diesen Stempel ablegen"


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Dichter Nebel hüllt die BayArena an diesem nasskalten Vormittag ein, der stets perfekt gemähte Rasen der Trainingsplätze ist verwaist. Leverkusen-Trainer Heiko Herrlich hat die Einheit in die Funktionsräume verlegt.

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Sven Bender scheint das triste Wetter nicht aufs Gemüt zu schlagen. Gut gelaunt spricht der Innenverteidiger der Werkself im Goal-Interview über seinen Wechsel von Borussia Dortmund in die Farbenstadt, wo er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Lars die Defensive Bayers stabilisiert, die Entwicklung unter Trainer Heiko Herrlich und seinen hochgelobten Mitspieler Leon Bailey. Außerdem bezieht er Stellung zu den rasant ansteigenden Ablösesummen im Fußball und zu den teils fragwürdigen Methoden, einen Wechsel zu forcieren. 

Sven, Sie kamen im Sommer vergangenen Jahres als gestandener Spieler zu Bayer Leverkusen, galten bei Borussia Dortmund auch als An- und Wortführer. Wie verhält man sich als Arrivierter, wenn man in ein neues Mannschaftsgefüge stößt?

Sven Bender: Vor allem respektvoll. Ich habe nicht viele Vereinswechsel in meiner Karriere erlebt. Ich bin 2009 mit 20 Jahren zum BVB gewechselt. Da ich aber als gestandener Spieler in Leverkusen angekommen bin, habe ich mich auch sofort mit der Rolle als Führungsspieler identifiziert. Vom ersten Tag an habe ich mich mit eingebracht.

Profitieren insbesondere die zahlreichen jungen Spieler bei Bayer von Ihrer Erfahrung?

Bender: Ja, ich habe hier eine sehr junge, ambitionierte Mannschaft vorgefunden. Ich hatte sofort das Gefühl, dass die Jungs das, was ich vermittle, gerne annehmen und auch zuhören wollen.

Viele Experten haben Ihren Wechsel aufgrund Ihrer Verletzungsanfälligkeit kritisch betrachtet. Doch dann haben Sie sich sofort als Stammspieler etabliert und nicht viele Spiele verpasst.

Bender: Ich habe in dieser Saison tatsächlich relativ wenig ausgesetzt. Aber genau das wollte ich auch, ich wollte mit dem Wechsel diesen "Stempel" ablegen und zeigen, dass ich noch der Alte bin. Ich glaube, das ist mir bis jetzt gut gelungen und ich hoffe, dass das auch so bleibt.

Sie sind in Leverkusen wieder mit Ihrem Bruder Lars vereint. Tauschen Sie sich auch privat über die sportliche Situation aus?

Bender: Wir reden neben dem Platz mittlerweile weniger über Fußball. Früher haben wir natürlich über die eigenen Erlebnisse in unseren jeweiligen Vereinen gesprochen. Ich sehe ihn, wenn ich hier bin, wirklich ausschließlich als Mitspieler. Dass die Beziehung dennoch etwas enger ist als mit anderen Kollegen, liegt größtenteils daran, dass wir eine sehr ähnliche Auffassung von Fußball haben und uns immer auf einer Ebene austauschen können. Wir arbeiten das Meiste hier vor Ort auf, es lässt sich aber nicht immer vermeiden, dass man auch im privaten Rahmen mal fünf Minuten miteinander über die Situation spricht.

Kommt es in diesen Situationen auch zu Meinungsverschiedenheiten?

Bender: Eigentlich nicht. Wir sind beide sehr erfolgsorientiert und wollen immer das Bestmögliche erreichen. Natürlich muss man dabei das Ganze realistisch einschätzen. Aber man sollte sich hohe Ziele stecken und hart dafür arbeiten. Wenn man das nicht macht, kann man mit dem Fußballspielen aufhören. Denn es geht nun mal in erster Linie ums Gewinnen.

Das scheint bei Leverkusen in dieser Saison besser zu funktionieren als in der vergangenen Spielzeit.

Bender: Ich kann zur vergangenen Saison selbstverständlich nicht viel sagen, weil ich nicht vor Ort war. Aber, als ich in Leverkusen ankam, hat man eine gewisse Unzufriedenheit bei den Spielern gespürt, die das vergangene Jahr so schnell wie möglich abhaken wollten.

Wie ist es Trainer Heiko Herrlich gelungen aus qualitativ hochwertigen Individualisten eine Mannschaft zu formen?

Bender: Er hat vom ersten Tag an versucht, uns Sicherheit zu geben. Nicht nur in der täglichen Arbeit auf dem Platz, sondern auch in unseren Abläufen. Dazu zählt die Art und Weise, wie wir spielen möchten, dass wir weitestgehend auf lange Bälle verzichten und stattdessen Ballbesitzfußball spielen wollen. Das sind wichtige Punkte, mit denen sich jeder identifizieren kann. Der Umgang miteinander ist sehr respektvoll, aber auch wenn nötig kritisch. So, wie es ja auch sein muss. Ich denke, dass wir ein gutes, zielorientiertes Klima in der Mannschaft haben. Das ist ganz wichtig, um erfolgreichen Fußball zu spielen und daran hat der Trainer einen sehr großen Anteil. Er hat vom ersten Tag an vorgelebt, wie wichtig Werte im Miteinander sind.

Leverkusen wurde in der Vergangenheit dafür kritisiert, dass ein "Plan B" gegen tiefstehende Mannschaften fehle. Hat das Team dahingehend Fortschritte gemacht?

Bender: Der Trainer zeigt uns unabhängig von der Herangehensweise des Gegners immer mehrere Möglichkeiten auf. Ich glaube, dass wir eine große Bandbreite an Plänen haben. Man sieht in diesem Jahr, dass wir mit den unterschiedlichen Ausrichtungen der jeweiligen Mannschaften umzugehen wissen und Lösungen finden können.

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Sven Bender (l.) mit Goal-Redakteur Dennis Melzer

Laut einer Spiegel-Analyse spielt Leverkusen nach dem FC Bayern den attraktivsten Fußball der Liga. Warum schleichen sich dennoch regelmäßig schwächere Spiele wie gegen Hertha, Schalke oder Köln (allesamt 0:2, Anm. d. Red.) ein?

Bender: In erster Linie sollte Fußball nicht nur schön, sondern erfolgreich sein. Das ist uns in dieser Saison nicht immer gelungen. Das Ziel ist, die beiden Komponenten schön und erfolgreich zusammenzubringen. Mir persönlich macht es nichts aus, wenn wir mal nicht so sehr glänzen, aber am Ende gewinnen. Es ist uns bewusst, dass wir auch Rückschläge hinnehmen müssen, haben es aber bislang geschafft, im Anschluss an die angesprochenen Spiele gegen Hertha und Schalke direkt wieder Siege einzufahren. Trotzdem gab es in der Rückrunde Schwankungen, die wir in der Vorrunde nicht hatten. Damit sind wir nicht zufrieden. Wenn wir das wären, dann hätten wir sicherlich unseren Beruf verfehlt.

In den letzten Monaten kam wieder vermehrt das Thema auf, dass die Diskrepanz zwischen Bayern und den ambitionierten Teams der Bundesliga zu groß ist. Die potenziellen Bayern-Verfolger schieben sich ein wenig die Karten der Verantwortung hin und her. Sollten Klubs wie Bayer 04, Dortmund, Schalke oder Leipzig nicht offensiver das Ziel ausrufen, Bayern gefährlich werden zu wollen?

Bender: Ich glaube, dass es nach der letzten Saison der falsche Weg für Leverkusen gewesen wäre, zu sagen, wir wollen Meister oder Bayern-Jäger werden. Ich habe aber nichts dagegen, wenn man sagt, dass man oben rankommen will. Die Gruppe hinter München zeigt auch, dass Qualität da ist und wie eng diese Mannschaften letztlich beieinander liegen. Bayern ist weit voraus, dann müssen sich die Vereine dahinter mehr und mehr pushen, um den Abstand zu verringern. Wenn man ehrlich ist, muss man aber sagen, dass Bayern in einer Saison, sofern sie normal verläuft, die Nase vorn hat. Sollten sie mal in eine schwierige Phase geraten, muss man die Konkurrenten im Rennen um die Spitze schlagen und präsent sein. Ich habe auch in Dortmund immer gesagt: "Wenn Bayern strauchelt, musst Du da sein!"

Im Zuge dieser Debatte wurde das Bild der Bundesliga insgesamt sehr schwarz gemalt, was vor allem mit dem schlechten Abschneiden im Europapokal zu tun hat. Ist dieser Pessimismus angebracht?

Bender: Natürlich war das kein besonders gutes Abschneiden. Aber das sollte man nicht an einem Jahr festmachen. Noch vor fünf Jahren standen zwei deutsche Mannschaften im Champions-League-Finale und der deutsche Fußball galt als der beste überhaupt. Man hat ja beinahe das Gefühl, das sei schon 20 Jahre her und das stimmt eben nicht. Sollte die jüngste Entwicklung aber auf lange Sicht so weitergehen, dann hätte man etwas falsch gemacht und sollte schauen, dass der deutsche Fußball schnellstmöglich wieder aufholt.

Leon Bailey wird als der nächste Spieler gehandelt, der die 100-Millionen-Marke knacken könnte. Hat sich seine rasante Entwicklung schon abgezeichnet, als Sie das erste Mal mit ihm auf dem Trainingsplatz standen?

Bender: Er besitzt besondere Fähigkeiten, das hat man sofort gemerkt. Er ist unglaublich schnell und dribbelstark. Dass er dann entwicklungstechnisch so explodiert, konnte man aber nicht erwarten. Dieses Beispiel zeigt auch, wie schnell es im Fußball gehen kann.

Wie äußert es sich bei einem jungen Spieler, derart im Rampenlicht zu stehen?

Bender: Wichtig ist, dass er mit dem Hype um seine Person richtig umgeht und nicht zu schnell zu viel will. Das stürzt ja jetzt alles auf den Jungen ein. In der Rückrunde der vergangenen Saison wurde spekuliert, ob er Anpassungsschwierigkeiten hat und jetzt kommt jeder auf ihn zu und will plötzlich etwas von ihm. Er ist erst 20 Jahre alt und hat dementsprechend immer noch Entwicklungspotenzial. Ich hoffe, dass er weiterhin so klar bleibt, wie er ist und sich nicht verrückt machen lässt. Er ist ein toller Spieler und wird auch irgendwann voraussichtlich für eine hohe Summe gehen, aber ich wünsche mir, dass er uns noch lange erhalten bleibt, vor allem aber, dass man ihm Zeit gibt, sich zu stabilisieren.

In den vergangenen Jahren sind die Ablösesummen explodiert. Wie bewerten Sie diese Tendenz?

Bender:  Das ist die Branche. Da gehen sehr hohe Summen über den Tisch. Wenn jemand bereit ist, dieses Geld für einen Fußballer in die Hand zu nehmen, dann ist das aber okay. Man kann dem Spieler keinen Vorwurf machen, dass er viel Geld kostet. Das ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Natürlich ist das Ganze etwas unwirklich und realitätsfern.

Glauben Sie, dass diesbezüglich das Ende der Fahnenstange irgendwann erreicht ist?

Bender: Die Ablösesummen sind zuletzt extrem schnell gestiegen. Ich hoffe, das findet bald ein Ende. 

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Im vergangenen Sommer haben Sie das Transfer-Hickhack um Ousmane Dembele hautnah miterlebt. Sind den Vereinen in solchen Fällen die Hände gebunden, wenn Spielerberater immer mächtiger werden und Profis sich zu ihrem potenziell neuen Arbeitgeber streiken?

Bender: Der Fußball entwickelt sich mitunter in eine falsche Richtung. Natürlich haben diese jungen Spieler den großen Traum, für einen absoluten Top-Klub zu spielen. Und vielleicht sehen sie ihre einzige Chance darin, diesen Schritt so schnell wie möglich zu machen. Aber man selbst hat den Vertrag bei seinem aktuellen Verein unterschrieben. Deshalb hat das auch etwas mit Fairness und Respekt dem Klub gegenüber zu tun, bei dem man unter Vertrag steht. Da werden Maßnahmen ergriffen, wie beispielsweise Streiks, die da nicht hingehören.

Während Dembele Dortmund im Streit verließ, ging Ihr Wechsel makellos über die Bühne. Wie genau lief das damals ab?

Bender: Übel nehmen mir die Fans das wahrscheinlich nicht, weil ich ein aufrichtiger Spieler war und jahrelang meine Leistung gebracht habe. Außerdem habe ich immer mit offenen Karten gespielt. Ich habe den Verein darüber informiert, dass das Interesse besteht und dass ich das gerne machen würde. Ich bin aber jemand, der weiß, wer am längeren Hebel sitzt, nämlich der Arbeitgeber. Ich habe einen Vertrag bei Borussia Dortmund unterschrieben, der bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gültig war. Hätte der Klub darauf bestanden, dass ich diesen erfülle, dann hätte ich das auch gemacht. Ich bin sehr froh, dass wir offene Gespräche hatten und uns darauf einigen konnten, dass ich gehen durfte. Das war fair und geradlinig von beiden Seiten.

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