HINTERGRUND
Mon Dieu, sah das übel aus. Es lief die 61. Minute im Bundesligaspiel zwischen Hertha BSC und dem FC Bayern München, da versuchte Franck Ribery den Ball zu kontrollieren. Er trat nicht neben, sondern auf den Ball und verdrehte sich dabei unglücklich das Knie. Mit schmerzverzerrtem Gesicht lag auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions, und eigentlich war allen Beobachtern schon in dieser Sekunde klar, dass es keine Lappalie war, die Ribery gerade erlitten hatte.
FC Bayern: Nur noch ein fragiles Gebilde
Am Montag herrschte schließlich Gewissheit: Ribery hat sich einen Riss des Außenbandes im linken Knie zugezogen und wird den Münchnern in den kommenden Wochen fehlen. Zwei bis drei Monate könnte der Franzose ausfallen, die Hinrunde dürfte für ihn also gelaufen sein.
"Wenn wir Titel gewinnen wollen", hatte Arjen Robben noch zwei Wochen zuvor gesagt, "dann brauchen wir Franck Ribery." So gesehen haben die Bayern Glück im Unglück, dass Titel nicht im Oktober, nicht im November und auch nicht im Dezember vergeben werden. Und doch wiegt Riberys Verletzung schwer. Zudem untermauert sie eine Problematik, die lange bekannt ist. Für die es aber noch immer keine Lösung gibt.
Rummenigge vermeidet Statement zu Robbery
Robben, 34, und Ribery, 33, galten lange Zeit als unersetzbar. Sie prägten das bayrische Offensivspiel in den vergangenen Jahren wie kein anderer. Robben zog von rechts in die Mitte und suchte den Torabschluss, Ribery ging von links zur Grundlinie und spielte den Ball in die Mitte - seit fast einem Jahrzehnt ist das Usus beim FC Bayern. Mit Philipp Lahm und David Alaba bildeten sie kongeniale Gespanne auf ihren Seiten. Sie narrten ihre Gegenspieler mit flinken Dribblings und technischen Finessen. In der Bundesliga, im DFB-Pokal und in der Champions League, auf allerhöchstem Niveau.
Flügelspieler verkommen zur Rarität
Vieles davon klappt noch heute. Ihre Bewegungen mögen nicht mehr ganz so rasant aussehen und womöglich auch nicht mehr ganz so wirkungsvoll sein. Eins-zu-eins ersetzen können die Bayern ihre beiden Flügelspieler mangels Alternativen allerdings nach wie vor nicht.
Weihnachten 2015 dachten die Verantwortlichen noch, sich selbst beschenkt zu haben. Damals wirbelte ein Brasilianer in München und der war tatsächlich richtig gut. Einige glaubten bereits, dieser Douglas Costa sei sogar besser als Ribery, vielleicht sogar besser als Robben. Die Bundesligaprofis wählten ihn zum besten Feldspieler der Hinrunde, doch heute spielt Costa in Turin. Er konnte das Niveau nicht halten, er gab vorlaute Interviews und war letztlich doch nur ein kurzweiliger Hoffnungsschimmer auf die Lösung des R-Problems.

Und so ist Kingsley Coman neben Robben und Ribery der letzte verbliebene Akteur der Marke echter Flügelspieler im aktuellen Bayern-Kader. Die Münchner haben James Rodriguez verpflichtet, den Wunschspieler des geschassten Trainers Carlo Ancelotti. Der Kolumbianer ist naturgemäß allerdings eher ein Zehner, ein Zentrumsspieler.
Vor diesem Hintergrund ist Riberys Ausfall bitter für die Bayern. Weil er einer Spezies angehört, die in Vollkommenheit nur selten zu finden ist in der Fußballwelt und auch deshalb beim FC Bayern recht limitiert vertreten ist.
Ribery statistisch schwach wie nie zuvor
Gleichzeitig ist Riberys Fehlen weitaus verkraftbarer, als es noch vor einiger Zeit der Fall gewesen wäre. Wie viele seiner Kollegen steckte er zuletzt im Formtief, das untermauern auch die Zahlen. Ribery hat in der laufenden Saison in nur 31 Prozent seiner Dribblings Erfolg - es ist die schwächste Quote in seiner Zeit bei den Bayern. Ribery geht nur in vier Dribblings pro 90 Minuten – einen solch niedrigen Wert hatte er nur in seiner Premierensaison bei den Münchnern. Ribery benötigt 596 Minuten pro Treffer – nur 2015/16 hatte er eine schwächere Quote. Und Ribery benötigt ebenso viele Minuten pro Torvorlage - sein schwächster Wert in seiner Bayern-Zeit.
Angesichts seines Alters ist das kaum überraschend. Wenn man seine Leistungen mit denen aus dem Jahr 2016 vergleicht, ist es das allerdings schon. "Ribery ist ein Top-Spieler. Ihn kann niemand ersetzen. Wenn Franck auf dem Platz steht, ist es ein ganz anderes Spiel", hatte der heutige Sportdirektor Hasan Salihamidzic im März vergangenen Jahres noch im exklusiven Goal-Interview gesagt. Zu Beginn der vergangenen Saison war Ribery dann Münchens Bester, statistisch gesehen sogar der effektivste Spieler Europas.
Zuletzt war davon nur noch wenig zu sehen. Stattdessen fiel der zuweilen hitzköpfige Franzose mit einem undisziplinierten Trikotwurf nach seiner Auswechslung im Champions-League-Spiel gegen den RSC Anderlecht auf. Auch er soll zunehmend seine Probleme gehabt haben mit jenem Trainer, den er vor einem Jahr noch als "Champ" bezeichnete .
Riberys Knie wird nun konservativ behandelt und zunächst für einige Wochen mit einer Schiene ruhiggestellt. Die Verantwortlichen sind derweil damit beschäftigt, in Kürze einen neuen Fußballlehrer für die zuletzt fragile Bayern-Mannschaft zu präsentieren, erst dann werden sie sich wieder dem R-Problem annehmen. Aktuell ist noch unklar, wie es mit Robben und Ribery, deren Verträge 2018 auflaufen, weitergehen soll. Auch weil immer noch keiner so recht weiß, wie es eigentlich ohne die beiden beim FC Bayern funktionieren soll.
Derzeit befasse man sich noch nicht mit Dingen, "die nächstes Jahr im Sommer zu entscheiden sind. Wir machen das in aller Ruhe", erklärte Karl-Heinz Rummenigge zuletzt gegenüber der SportBild . Auf Nachfrage vermied er ein klares Bekenntnis zu den beiden Superstars. So oder so: Die Bayern werden sich etwas einfallen müssen, um die nahenden Abgänge ihrer langjährigen Vorzeigeflügelspieler nur annähernd zu kompensieren.


