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Bayers neuer Knipser Lucas Alario: Cry Me A River

10:25 MESZ 01.09.17
Lucas Alario Bayer Leverkusen GFX
Das Wechsel-Hickhack um Lucas Alario ist beendet: Der Torjäger wechselt von River Plate zu Bayer Leverkusen - und hinterlässt viele traurige Anhänger.

HINTERGRUND

Leichtfüßig, beinahe federnd kommt eine schlaksige Gestalt aus dem Gebäude gejoggt, nimmt die Treppenstufen, die auf den Bürgersteig führen, gekonnt mit kleinen Stakkato-Schritten. Die Cap ins Gesicht gezogen, hochgerempelte Skinny-Jeans, weißes T-Shirt, ein flüchtiger Blick nach rechts, dorthin, wo keine Handykamera das Geschehen festhält. Ein grauer Toyota wartet am Straßenrand, in Lauerstellung, bereit, sofort ins verwinkelte Straßennetz von Buenos Aires zu verschwinden, sobald der junge Mann sich hineingeschwungen hat.

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Eine Szenerie, die anmutet wie ein Gerichtsprozess von medialem Interesse – oder eben lediglich ein Fußballspieler, der soeben seinen Medizincheck absolviert hat. Nur wenige Minuten später kann man die Sequenz auf Twitter, Facebook, selbst auf diversen argentinischen Sportsendern betrachten. Aufruhr, weil jeder weiß, wer dort soeben – am liebsten inkognito – aus dem "Centro de diagnostico Dr. Enrique Rossi" hinausgelaufen kam: Lucas Alario, Angreifer vom Rekordmeister River Plate.

Seit Tagen war bekannt, dass Bayer Leverkusen Interesse an dem 24-Jährigen bekundet hatte. Nachdem Torjäger Chicharito von Leverkusen in Richtung London abgewandert war, gab Bayer-Sportdirektor Rudi Völler gebetsmühlenartig zu Protokoll, dass man auf der Mittelstürmer-Position nachjustieren wolle. Zumindest vielleicht. Die eklatante Chancenausbeute der Rheinländer in den ersten beiden Bundesliga-Partien verwandelte das "Vielleicht" aber recht schnell in ein Definitivum.

"Hast mir das Herz gebrochen"

Da die anfänglichen Gerüchte um Alario und Leverkusen sich stetig manifestierten, war klar, für welchen Klub der argentinische Nationalstürmer jenen obligatorischen Medizincheck durchlaufen hatte. Die diversen Social-Media-Kanäle liefen heiß, Fans von River Plate schaukelten sich wechselweise mit Hasstiraden auf Alario oder Bayer und sentimentalen Alles-Gute-für-die-Zukunft -Nachrichten hoch. Vor allem aber schienen die meisten der Millonarios-Anhänger ihrem Goalgetter schon jetzt nachzutrauern.

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Traurig dreinblickende, gar weinende Emoticons zierten die meisten Tweets und Facebook-Einträge. "Ich kann mir River ohne Alario gar nicht vorstellen", schreibt beispielsweise ein Fan, eine andere Userin beteuert, der Stürmer habe ihr mit seinem Abgang "das Herz gebrochen". Zu allem Überfluss wurden Fotos enthüllt, die einen offensichtlich gut gelaunten Alario zeigten, stolz das Bayer-Trikot mit der Nummer 13 in die Linse haltend.

Für die emotionale Anhängerschaft war das Desaster perfekt, die eigentliche Posse nahm ihre Entwicklung allerdings hinter geschlossenen Türen, um sich Stunden später Bahn in die Presselandschaft zu brechen. Der Medizintest, der unter Aufsicht der eigens dafür eingeflogenen Leverkusen-Ärzte durchgeführt wurde, sei illegal gewesen, hieß es plötzlich. River Plate habe dem Bundesligisten keine Erlaubnis erteilt, meldeten diverse Medien unisono, um nur kurz darauf mit einem echten Kracher in die Vollen zu gehen: River Plate meldet Leverkusen bei der Fifa!

So schnell die Enttäuschung über den eigentlich feststehenden Abgang kam, so umgehend keimte wieder Hoffnung auf, Alario könne vielleicht doch noch in Buenos Aires bleiben. Einer dieser handelsüblichen Transfers wie man sie dieser Tage zuhauf rund um den Globus beobachten konnte, war zu einem waschechten Sportdrama mit wirtschaftskrimiesken Zügen mutiert.

Bayer hat sich regelgerecht verhalten

Keine große Überraschung hierzulande war, dass es sich bei River Plates Ankündigung lediglich um eine letzte verzweifelte Drohung, ein finales Störfeuer handelte, und Leverkusen sich den entsprechenden Statuten gemäß verhalten hatte. Völler und Kaderplaner Jonas Boldt sind nicht unbedingt bekannt dafür, fadenscheinige Deals abzuwickeln, verfügen zudem über die nötige Expertise, Spieler aus Südamerika unters Bayer-Kreuz zu lotsen.

Dass sich ein Klub aus der "Neuen Welt" querstellt, wenn es darum geht, einen Leistungsträger ziehen zu lassen, war für die Verantwortlichen aus der Farbenstadt obendrein kein Novum. Auch bei Charles Aranguiz, der vor zwei Jahren von Internacional aus Brasilien übersiedelte, gab es Probleme bei der Abwicklung. Am Ende ging doch alles seinen gewohnten Gang.

In der Causa Alario war River Plate von der Bayer-Delegation früh genug darüber informiert worden, dass die Ausstiegsklausel, die sich auf 24 Millionen Euro beläuft, gezogen wird. Mit der Hilfe zweier argentinischer Fachanwälte hatte sich Leverkusen zudem zwecks Rechtmäßigkeit beim Weltverband rückversichert, ehe der aufsehenerregende Medizincheck vonstattenging.

"Wir haben uns wie in all den Jahren, in denen wir schon Transfers in Südamerika gemacht haben, völlig korrekt verhalten", erklärte Völler während die Gemüter in der Wechsel-Saga im Begriff waren, sich abzukühlen. Die Komplexität des Ganzen kommt nur zutage, wirft man einen genauen Blick auf die bisherigen Vertragsmodalitäten Alarios. So hält CA Colon, sein Ex-Verein, 40 Prozent der Transferrechte an dem Offensivspezialisten, was bedeutet, dass rund neun der besagten 24 Millionen auf das Konto von Colon wandern, wovon die Argentinier Leverkusen fünf Millionen im Gegenzug zurücküberweisen.

Warum? Dass der Klub aus Santa Fe ein solches Interesse daran hat, dass Alario noch im Sommer wechselt, ist auf eine weitere Klausel im Vertrag der "Knarre", wie Alario in seiner Heimat genannt wird, zurückzuführen. Im kommenden Winter hätte River Plate Colon die restlichen Transferrechte für den Offensivspezialisten für nur 1,5 Millionen Euro abluchsen dürfen. Mit dem jetzigen Modell generiert Colon also zwei Millionen Euro mehr Gewinn. So weit so kompliziert, in Südamerika aber durchaus gang und gäbe. Insgesamt beläuft sich die Ablösesumme, die Bayer 04 zahlt somit auf 19 Millionen Euro.

"Schaue mir viel von Lewandowski ab"

"Die Bundesliga ist eine Liga, die ich verfolge und mit Leverkusen war ein großer Verein an mir interessiert", sagte Alario jüngst bei FOX Sports. "Es kommt die Zeit, in der man seinen Fähigkeiten vertrauen und wachsen muss." Dabei freut sich der dreimalige Albiceleste-Spieler auf einen Spieler in Deutschlands Beletage ganz besonders: "Ich habe es immer gesagt: Lewandowski ist ein Spieler, der meinen Stil widerspiegelt. Ich schaue mir viel von ihm ab", schwärmte Alario über sein Vorbild vom FC Bayern.

Ein Spieler mit vergleichbaren, vor allem noch ausbaufähigen Qualitäten, kann der Vorjahreszwölfte durchaus gebrauchen, gilt beispielsweise Kevin Volland nicht als Knipser vom Dienst, Edel-Joker Joel Pohjanpalo muss aufgrund eines Muskelfaserrisses einige Wochen pausieren und Stefan Kießling ist in die Jahre gekommen, wird nur als Backup eingeplant. Deshalb setzen sie an der Dhünn große Hoffnung in den Neuankömmling, der die teils sehenswert herausgespielten Chancen zukünftig vergolden soll. 13 Pflichtspieltreffer in 33 Spielen steuerte Alario in der vergangenen Saison für River Plate bei.

Nachvollziehbar, dass die Fans des Traditionsclubs ihrer Nummer 13 nachweinen, dass selbst die Vereinsführung alle Hebel in Bewegung setzte, "El Pipa" irgendwie zu halten. Auch Alarios Mutter kann ihre Tränen nicht verbergen, als sie in einem Interview mit TN über den Abschied ihres Sohnes spricht: "Ich bin unheimlich stolz auf ihn. Aber für eine Mutter ist es schwer, wenn der Sohn so weit weg ist. Er ist eine Mischung aus Freude und Schmerz." Vor allem Letzteres trifft die Stimmung der gesamten River-Plate-Familie wohl am besten.