U21-EM - Deutschlands Halbfinal-Gegner Rumänien im Porträt: Das Hagi-Imperium

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Der Name Gheorge Hagi steht stellvertretend für rumänischen Fußball. Der Nationalheld schlechthin gibt sein Erbe weiter - an eine ganze Generation.

HINTERGRUND

Vor 18 Jahren versetzte er sein Land in Trauer, vor zehn Jahren zog er es aus dem Dreck. Gheorghe Hagi rettete den rumänischen Fußball acht Jahre nach seinem Karriereende vor dem Verfall in die Durchschnittlichkeit. Vielmehr stellte er mit seiner gegründeten Fußball-Akademie die Weichen für die nächste goldene Generation. Die nächste nach der, die Hagi selbst geprägt hatte.

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Der "Karpaten-Maradona" führte die rumänische Nationalmannschaft zwischen 1990 und 1998 zu drei Weltmeisterschaften in Folge. Als ehemaliger Star von Galatasaray, Real Madrid und dem FC Barcelona ist er noch immer das Aushängeschild des rumänischen Fußballs. Durch seine Arbeit im Nachwuchsbereich baut er seinen Legendenstatus sogar noch weiter aus. Fußball-Rumänien ist Hagi.

Zehn (!) Spieler aus dem 23-Mann-Kader der rumänischen U21 durchliefen die Academia de Fotbal Gheorghe Hagi. "Die Akademie spielt eine große Rolle. Dort werden Spieler ausgebildet, die den rumänischen Fußball und die rumänische Mentalität - im positiven Sinne - verkörpern", sagte Maximilian Nicu, ehemaliger rumänischer National- und Bundesligaspieler, gegenüber Goal und SPOX.

Rumänien ist Kreativität in jeglicher Hinsicht

Einer dieser Spieler, der Kopf der Mannschaft, ist Ianis Hagi, Gheorghes Sohn. "Das größte Augenmerk liegt auf ihm - auch wegen seines Vaters. Der Name Hagi ist weltbekannt. Ianis trägt auch deshalb die größte Bürde. Er prägt das gesamte Spiel, mit ihm steht und fällt es", erklärt Nicu.

So wie mit Ianis das Spiel der U21 steht und fällt, ist der rumänische Fußball abhängig von Gheorghe und dessen Akademie. Er ist federführend für die Rückkehr zu alter Stärke. "Hagis Philosophie ist die Kreativität. Deutschland war schon immer bekannt für Disziplin und Ordnung. Rumänien ist Kreativität in jeglicher Hinsicht", meint Nicu.

Das trifft den Zahn der Zeit. Der DFB will die Individualität der Nachwuchsspieler wieder mehr fördern, drehte dafür an einigen Stellschrauben und stellte neue Trainerteams für den Nachwuchsbereich zusammen. In Rumänien hat das Gheorghe Hagi gemacht - nahezu im Alleingang.

Rumänien versuchte, den deutschen Fußball zu kopieren

Zehn Millionen Euro investierte er aus eigener Tasche für seine Akademie in Ovidiu, in der Nähe seines Wohnorts Constanta. Sein Name lockte Sponsoren und Talente an. Zehn Jahre später trägt Hagis Arbeit erste Früchte. Der Erfolg der U21 bei der EM ist auch Hagis Zeugnis. Er erkannte die Fehler der rumänischen Nachwuchsarbeit und unternahm etwas dagegen.

"Rumänien hat versucht, den deutschen Fußball zu kopieren, den englischen Fußball, den italienischen. Man hat sich aber nicht mehr auf die eigenen Stärken konzentriert. Wenn mal ein guter Nachwuchsspieler herauskam, wurde er für den erstbesten Preis ins Ausland verscherbelt. Das ist sinnbildlich für den rumänischen Fußball der vergangenen Jahre", erklärt Nicu.

Romania U21 France

Hagi zeigte dem rumänischen Verband eine Alternative auf - trotz der infrastrukturellen Defizite. Mit sportlicher Kompetenz, geduldigem Management und dem Vorleben von Werten brachte seine Akademie etliche Talente heraus. "Wenn man den Weg weitergeht, kann auch die A-Nationalmannschaft sicher wieder eine gute Rolle spielen", meint Nicu.

Maximilian Nicu: "Ianis ist der elegantere Spieler"

Einige Spieler des U21-EM-Kaders spielten bereits für die Tricolorii. Dennoch ist der Halbfinaleinzug eine Überraschung. "Der Hype in Rumänien ist aktuell riesig", erzählt Nicu. Fußball habe einen extrem hohen Stellenwert in Rumänien. "Die Leute identifizieren sich mit der Nationalmannschaft, für sie ist es eine Frage des Stolzes", erklärt er. Entsprechend groß ist der Druck auf die Mannschaft, entsprechend hoch ist die Erwartungshaltung. Und sie wird durch den Teilerfolg bei der U21-EM - unabhängig vom Spiel gegen Deutschland - nicht kleiner.

Ianis Hagi schultert diese Last in großen Teilen selbst, schlüpft in gewisser Weise also in die Rolle seines Vaters. Ohnehin werden die beiden Spielmacher gern verglichen, was auch nachvollziehbar ist. In Nuancen unterscheiden sie sich aber doch.

"Gheorghe war ein Edeltechniker, ein richtig guter Fußballer, der aber auch mal dazwischengegrätscht und einen umgelegt hat. Ianis ist der elegantere Spieler, der versucht, auch unauffälliger das Spiel zu übernehmen", erklärt Nicu. Gheorghe selbst sagte einst, sein Sohn spiele eher wie Zinedine Zidane, sei vielmehr ein Spielgestalter.

"Von meinem Vater habe ich das gute Spielverständnis geerbt", sagt Ianis, "aber ich spiele einen besseren tödlichen Pass". In der Gruppenphase schoss Hagi bereits zwei Tore. Ein Assist gelang ihm noch nicht, obwohl sein Pass über 50 Meter auf George Puscas wohl das Highlight des Spiels gegen Frankreich war. Doch Puscas vergab.

Ianis Hagi Romania

Diese Genialität, aus dem Nichts etwas kreieren zu können, entspringt der von Hagi Senior gepredigten Philosophie. Diesen Freigeist, den nicht nur Hagi an den Tag legt, zu bündeln ist die schwierige Aufgabe des Trainers, Mirel Radoi. Und es gelingt ihm. "Er spielt eine entscheidende Rolle, ist ein positiv autoritärer Typ, kann sehr gut motivieren und kann gute Ansprachen halten", sagt Nicu.

Rumänien bei der U21-EM: Die Zukunft ist jetzt

Rumänien besticht durch seinen Teamgeist, Unterschiedsspieler wie Hagi oder Florinel Coman und hat als Überraschungsmannschaft des Turniers das Momentum auf seiner Seite. Zudem werden sich im Stadio Renato dall'Ara in Bologna tausende rumänische Fans die Seele aus dem Leib brüllen, um ihre nächste goldene Generation nach vorn zu peitschen.

Die deutsche Mannschaft ist gewarnt, zumal die rumänische Elf schwer zu greifen ist. "Um ehrlich zu sein, kannte ich vor dem Turnier keinen Spieler, mittlerweile kenne ich drei", sagte Nadiem Amiri vor dem Beginn der Vorbereitung auf das Halbfinale. Das dürfte sich mittlerweile geändert haben.

Das dürfte sich auch auf europäischer Ebene ändern. "Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, in dem ihr euch außerhalb von Rumänien nicht mehr für eure Herkunft schämen braucht, ihr braucht euch nicht mehr verstecken. Ihr könnt jetzt wieder stolz darauf sein und es ist euer Verdienst", sagte Rumäniens Trainer Radoi nach dem 0:0 gegen Frankreich in seiner Kabinenansprache.

Das Verdienst der Spieler - und in Teilen auch von Gheorghe Hagi. 2009 gründete er seine Akademie und seinen Verein FC Viitorul Constanta. Viitorul, das heißt "Zukunft". Zehn Jahre später ist die Zukunft eingetreten.

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