INTERVIEW
Thomas Müller hat gute Laune mitgebracht. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen erscheint der Offensivspieler des FC Bayern München am eigentlich trainingsfreien Sonntag an der Säbener Straße. Mit Goal spricht er zum Jahresabschluss über die vergangenen Monate, eine verrückte Hinrunde und Jupp Heynckes' Fingerspitzengefühl.
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Thomas, mit welchen Gefühlen blicken Sie auf das durchaus turbulente Fußballjahr 2017 zurück?
Thomas Müller: Wir haben eine ordentliche letzte Saison gespielt, in der wir unglücklich gegen Real Madrid ausgeschieden sind. Wir hatten vor dem Duell nicht die besten Voraussetzungen, weil wir kurz zuvor ein paar Spieler durch Verletzungen verloren hatten, die dann zwar gespielt haben, aber nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte waren. Trotzdem haben wir in Madrid die Verlängerung erzwungen. Dort nach 90 Minuten 2:1 zu gewinnen, hat vorher auch kaum einer geschafft. Hinzu kommt, dass die ersten beiden Real-Treffer in der Verlängerung leider Abseitstore waren. Von daher war das schon sehr bitter.
Eine Woche später sind Sie aus dem DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund ausgeschieden.
Müller: Genau, dabei hatten wir die Dortmunder selten so gut im Griff wie in dieser Partie. Wir müssen eigentlich das 3:1 und das 4:1 machen und verlieren stattdessen noch 2:3. Das hat in diese verflixte Woche reingepasst. Trotzdem war es nicht so, dass wir schlechten Fußball gespielt hätten. Wir sind dann noch mit 15 Punkten Vorsprung Meister geworden. Es war in Summe keine Glanzsaison, aber wir hatten auch nicht das nötige Quäntchen Glück.
Für Sie persönlich war es kein einfaches Jahr.
Müller: Es ist sicher nicht perfekt für mich gelaufen, das ist richtig. Vor allem im Frühjahr habe ich nicht die Rolle gespielt, die ich spielen wollte. Trotzdem war ich in der Rückrunde ziemlich gut dabei. Wenn ich gespielt habe, dann habe ich ganz ordentliche Partien gemacht. Ich habe nicht so viele Tore erzielt, sondern eher Treffer vorbereitet. Ich hatte in der Spielzeit zuvor 20 Saisontore erzielt, dieses Mal waren es 15 Torvorlagen. Ich definiere mich als Spieler nicht rein über Tore, sondern auch über den Wert fürs Team.
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Haben Sie sich viele Gedanken gemacht und gehadert, als es nicht rund lief?
Müller: Man muss in solchen Situationen ruhig bleiben und sich ins Mannschaftsgebilde einfügen, aber man darf auch die Gier und seinen eigenen Anspruch nicht vergessen. Ich habe immer das Vertrauen des Trainerstabs und der Mitspieler gespürt.
Was ist zwischen der Meisterschaft und der Entlassung von Carlo Ancelotti passiert?
Müller: Die Vorbereitung war nicht ganz leicht. Wir sind nie in den Rhythmus gekommen und haben nicht den Fußball gespielt, den wir spielen wollten. Das hat sich in der Anfangsphase durchgezogen. Und dann hat der Verein nach dem 0:3 in Paris reagiert. Wobei wir selbst in Paris keinen so schlechten Fußball gespielt haben.
Mit dem Trainerwechsel zu Jupp Heynckes kam die Kontinuität zurück.
Müller: Da ist schon ein Ruck durch die Mannschaft gegangen. Ich weiß nicht, ob Jupp Heynckes gezaubert hat, aber es ist natürlich so, dass die Verantwortung durch den Trainerwechsel bei der Mannschaft lag. Wir haben davor auch zu viele individuelle Fehler gemacht, da hilft selbst die beste Taktik der Welt nichts. Jupp Heynckes hat es dann mit seiner Erfahrung und seinem Fingerspitzengefühl geschafft, dass immer eine Einheit auf dem Platz steht. Trotzdem spazieren wir gerade nicht durch die Liga. Wir haben jetzt dreimal 1:0 gespielt ohne den Gegner an die Wand zu spielen. Es gibt also noch deutliches Steigerungspotenzial in der Rückrunde. Denn in den großen Spielen müssen wir an unser Leistungsoptimum ran.
GoalWo sehen Sie die Mannschaft auf dem Weg zur größtmöglichen Stabilität?
Müller: Diese Stabilität gibt es ja nicht. Es gibt nicht diese eine Phase, in der man sagt: Jetzt haben wir’s und gewinnen jedes Spiel 4:0. Der Fußball hält immer Überraschungen in der Hinterhand bereit, deswegen schauen wir ihn uns ja so gerne an.
Überraschungen gab es vor allem in der Hinrunde. Wie haben Sie die vielleicht verrückteste Halbserie Ihrer Karriere erlebt?
Müller: Es war auf jeden Fall eine turbulente Hinrunde. Wenn man den Verlauf sieht, war es schon extrem. Borussia Dortmund ist in den ersten sieben Spielen richtig marschiert, während wir Probleme hatten. Zwischenzeitlich hatten wir fünf Punkte Rückstand. Und dann haben wir mit dem Trainerwechsel angefangen, regelmäßig zu gewinnen, während die Dortmunder wochenlang nicht mehr gewonnen haben. Das war schon verrückt und gibt’s wahrscheinlich nur im Fußball. Dass wir jetzt mit elf Punkten Vorsprung in die Winterpause gehen, hätten wir im September sicher nicht gedacht.
Ein besonderes Spiel war die geglückte Revanche gegen Paris Saint-Germain und der letztlich souveräne 3:1-Sieg.
Müller: Was heißt souverän? In Paris haben wir 0:3 verloren und es wurde groß aufgebauscht. Dann haben wir 3:1 gewonnen und es wurde wieder groß aufgebauscht. Fußball ist leider ein reiner Ergebnissport und die Berichterstattung wird in beide Richtungen leider immer extremer. Dazu kann ich Ihnen eine Geschichte erzählen.
Gerne.
Müller: Irgendwo wurden mal versehentlich zwei Artikel zum U21-Finale online gestellt, das wir gewonnen haben: Ein kompletter Abgesang auf den deutschen Nachwuchs und eine exorbitante Lobhudelei. Das ist ja ein Witz. Daran sieht man, dass das, was dem Fan präsentiert wird, an der wirklichen Fußballrealität aus Spielersicht oftmals weit vorbeigeht. Natürlich wissen wir auch, dass am Ende das Ergebnis zählt. Aber ich kann nicht verstehen, dass der Spielverlauf oft komplett ignoriert wird.
Heynckes hat von Ihnen nach seiner Rückkehr viel eingefordert und Sie zuletzt auch nach dem Stuttgart-Spiel gekitzelt. Er sagte, es sei an der Zeit gewesen, dass Sie mal wieder treffen und sprach von Ihrem linken Bein, das Sie eigentlich nur zum Stehen hätten. Stachelt Sie so etwas an?
Müller: Wir befinden uns gerade in einer positiven Phase, da gehst du in Interviews anders rein als in einer Situation, in der es nicht läuft. Jupp Heynckes ist ein Mensch, der lebt und Freude versprüht, der immer bereit ist, Ironie und Witz an den Tag zu legen. Das war kein top seriöses Gespräch, aber natürlich will er mir damit auch sagen, dass ein gewisser Anspruch da ist - aber das weiß ich auch. Es ist immer Zuckerbrot und Peitsche, das kenne ich schon von meinen anderen Trainern.
Heynckes schwärmt oft von seinem Trainerteam und insbesondere von Peter Hermann. Es gibt die Peter-Hermann-Tabelle. Da kann man schon einen Zusammenhang zum Erfolg des FC Bayern herstellen.
Müller: Man kann überall einen Zusammenhang herstellen. Es gab auch Spiele, die gewonnen wurden, weil Trainer gewisse Pullover getragen haben. Man kann sich im Nachhinein alles ein bisschen zusammenreimen.
Also hat Peter Hermann gar keinen so großen Anteil am sportlichen Höhenflug?
Müller: Doch, das schon. Er ist ein Co-Trainer, der sehr leidenschaftlich agiert, der in jedem Training bei jedem Pass mit dabei ist, und auch bei jedem Pass etwas einfordert, nämlich Qualität. Er trainiert dabei Formen, die von der Intensität her dem Maß entsprechen, wie es im Spiel verlangt wird. Es wird viel mit dem Ball gearbeitet, der Fokus liegt auf dem Pass- und Positionsspiel. Es sind Trainingseinheiten, die Spaß machen, aber auch technische Fähigkeiten und die eben angesprochenen Qualitäten im Passspiel einfordern. Peter Hermann ist auf eine gute Art und Weise fordernd, sodass jeder mitzieht und keiner in der Nase bohren kann.
Sie treffen am Mittwoch im DFB-Pokal auf Borussia Dortmund. Ist die größte Gefahr eine mögliche Nachlässigkeit wie beim von Ihnen schon angesprochenen 2:3 in der vergangenen Saison?
Müller: Natürlich haben wir in den letzten Wochen erfolgreicher Fußball gespielt und haben durch den Heimvorteil einen kleinen Vorteil. Es werden auf beiden Seiten Top-Spieler auf dem Platz stehen und beide Teams wollen das letzte Spiel des Jahres gewinnen.
Welche Ziele haben Sie fürs kommende Jahr?
Müller: Ich will so viel Spaß und Erfolg wie möglich haben. Es gibt riesige Möglichkeiten, sowohl mit Bayern als auch mit der Nationalmannschaft. Wenn man bedenkt, dass wir in der Bundesliga fünf Punkte Rückstand hatten, befinden wir uns jetzt in einer vergleichsweise extrem luxuriösen Situation. Wir müssen auf jeden Fall schauen, dass wir zur Rückrunde gut aus den Startlöchern kommen, um zu zeigen: Wir sind da, wir lassen nicht locker. Ich bin heiß auf Titel und werde mit meinen Kollegen gemeinsam Vollgas geben, damit wir kommendes Jahr vielleicht das nötige Quäntchen Glück auf unsere Seite ziehen.


