PSG: Cavani sollte schnell lernen, dass Neymar der Boss ist

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PSG hat die Entwicklung des Teams umgekrempelt und sich einfach den Brasilien-Kapitän geholt. Jetzt muss der Top-Scorer seinen neuen Platz finden.

HINTERGRUND

Wenn Edinson Cavani Genaueres erfahren möchte, wie es läuft, wenn man sich mit Neymar wegen eines Elfmeters anlegt, muss er einfach nur Dorival Junior anrufen.

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Der war der Santos-Trainer, der im September 2010 dem damals 18-Jährigen in einem brasilianischen Erstliga-Spiel die Ansage machte, dass er den Strafstoß, den er gegen Atletico Goianiense selbst herausgeholt hatte, nicht schießen dürfe. Einige Wochen zuvor, im Finale der Copa do Brasil, hatte Neymar ebenfalls einen Elfmeter herausgeholt und durfte ihn auch selbst ausführen. Doch er scheiterte mit einem völlig unplatzierten und schlecht ausgeführten Panenka-Lupfer an Vitoria-Keeper Lee. 

Das hatte keine schlimmen Konsequenzen, denn Santos holte sich den Pokal trotzdem - und Neymar war einer der Torschützen im Endspiel. Aber als er gegen Atletico den Strafstoß herausholte, wollte er sich erneut den Ball schnappen und auf den Punkt legen. Dorival griff ein und machte klar, dass ein erfahrenerer Spieler in Person von Marcel schießen sollte. Neymar schimpfte heftig in Richtung seines Trainers und in Richtung seines Kapitäns Edu Dracena, der versuchte, ihn zu beruhigen.

Edinson Cavani Neymar PSG

Marcel traf, aber Neymar feierte dieses Tor nicht, auch wenn es den 4:2-Heimsieg im Vila Belmiro perfekt machte. Er schmollte, warf eine Wasserflasche in Richtung der Bank, als der Elfmeter ausgeführt wurde und drehte seinem Trainer demonstrativ den Rücken zu. In den verbleibenden Minuten führte er sich wie ein verzogenes Kind auf, dribbelte mit halber Kraft auf die Goianiense-Abwehr zu und gab sich keine Mühe, nachzusetzen, wenn er den Ball in schöner Regelmäßigkeit verlor.

Rene Simoes, der Trainer des Gegners, merkte hinterher an, dass er in seinem Leben noch niemanden gesehen habe, der sich so wie Neymar verhalten habe. "Jemand muss ihm schnell etwas beibringen, sonst erschaffen wir ein Monster", warnte er.

Dorival probierte die Erziehung mit etwas Härte für den Spieler, der schon zum damaligen Zeitpunkt als einer kommenden Größten aller Zeiten in Brasilien gehandelt wurde. Neymar kassierte eine hohe Geldstrafe und durfte im darauffolgenden Spiel nicht mitmachen. Wenn Dorival den Stürmer zwei Wochen gesperrt hätte, hätte das allerdings bedeutet, dass das Riesen-Talent das Derby gegen Corinthians verpasst hätte - und deshalb griff Präsident Luis Alvaro de Oliveira Riberio ein. Der Verein stellte sich im Streit mit Dorical auf die Seite des Stürmers, der sich daneben benommen hatte, und der Trainer wurde kurz darauf entlassen, weil er vergeblich versucht hatte, das Talent zu bändigen. Das Monster war von der Kette gelassen worden.

Die falschen Lehren gezogen

Neymar lernte aus dieser Geschichte, dass sein Talent jedes noch so fürchterliche Verhalten rechtfertigt und dass die Verantwortlichen im Verein mehr um die Ergebnisse und ihr eigenes Gehalt besorgt waren und ihm deshalb freie Hand ließen.

Inzwischen ist Neymar 25 Jahre alt, steinreich und noch viel mächtiger als damals. Paris Saint-Germain ist nun sein Verein, der ihm in Zukunft jeden Wunsch erfüllen wird, damit er sich wohlfühlt. In der Kabine hat er zahlreiche Verbündete aus dem Nationalteam - ganz im Gegensatz zum FC Barcelona, wo er ohne Spieler, die hinter ihm standen, nicht die Kontrolle übernehmen konnte. Wenn man sich Neymars Instagram-Seite anschaut, gibt es zahlreiche Bilder mit Thiago Silva, Lucas Moura, Marquinhos und Dani Alves.

Es war Alves, der Neuzugang von Juventus, der mithalf, Cavani vor einem Freistoß am vorletzten Wochenende den Ball abzunehmen. Es war der erste Zwischenfall im Spiel gegen Lyon, der später zu den großen Diskussionen rund um die Pariser führte.

Bei Barca war Lionel Messi der Chef und nun gibt es keine Zweifel mehr, wer im Parc des Princes der Chef ist.

Ici, c’est Neymar.

Neymar PSGEdinson Cavani Neymar PSG

Er bekommt nicht nur mehr Geld als seine Teamkollegen, sondern auch mehr als jeder andere Spieler auf der Welt. PSG hat Neymar nicht geholt, um eine Lücke im Team zu schließen. Ihm ist stattdessen aufgetragen worden, dass der Klub von einem Champions-League-Mitläufer aus der internationalen Bedeutungslosigkeit zum wichtigsten Verein der Welt gemacht wird.

Aus dem Schatten Messis herausgetreten

Einer der Hauptgründe, warum Neymar Barcelona verließ, war die Möglichkeit aus dem Schatten Messis herauszutreten. Barca ist Messis Team und wird es auch solange bleiben, bis der Argentinier abtritt. Diese PSG-Mannschaft gehört nun Neymar. Es ist für ihn die Möglichkeit, im Mittelpunkt zu stehen, die Offensive zu lenken und die Nummer eins aller Optionen zu sein.

Und das muss doch eigentlich auch Cavani mitbekommen haben, oder? Wenn PSG mit den Ergebnissen zufrieden gewesen wäre, die Cavani als Hauptdarsteller in der Offensive dem Klub lieferte, dann hätten sich die Pariser gar nicht um Neymar und Kylian Mbappe bemüht. Mit Cavani als Top-Star und ohne weitere Superstars landete PSG in der vergangenen Saison in der Ligue 1 nur auf dem zweiten Platz und in der Champions League wurde das Team auf peinliche Art und Weise von Neymar und Barcelona im Viertelfinale rausgeworfen.

Drei lange Jahre spielte Cavani hinter Zlatan Ibrahimovic nur die zweite Geige, wurde auf den Flügel abgeschoben und musste dort die Drecksarbeit für den Schweden verrichten. Wenn er nun bei PSG noch eine Zukunft haben möchte, muss er sich wieder mit dieser Rolle anfreunden - und zwar schnell. Wenn das bedeutet, dass Neymar die Elfmeter schießt, sollte er Neymar die Elfmeter schießen lassen. Trainer Unai Emery muss jedenfalls klar Stellung zu dieser Problematik beziehen.

"Der Trainer entscheidet", sagte Simoes Goal. "Wenn er entschieden hatte, dass Cavani schießt, ist Neymar schuld. Wenn er sich für Neymar entschieden hatte, ist Cavani schuld. Und wenn er sich gar nicht entschieden hatte, trägt er für das, was passiert ist, die Schuld", fügte er hinzu.

Zweifelsohne hat der Streit mit Neymar nicht gerade für mehr Selbstvertrauen gesorgt. Er verschoss den Elfmeter gegen Lyon - und die einfachste Lösung, dem nächsten Streit aus dem Weg zu gehen, dürfte für ihn sein, seinem Rivalen die Ausführung der Elfmeter zu überlassen. Cavani wird nie denselben Respekt und dieselbe Aufmerksamkeit wie Neymar einfordern, auch wenn er der drittbeste PSG-Torschütze aller Zeiten ist. Mario Balotelli traf die allgemein herrschende Stimmung ganz gut, als er schrieb, dass Neymar nicht einmal fragen sollte, ob er den Elfmeter für PSG schießen darf. Er sollte das einfach als Tatsache ansehen.

Den Status des Weltbesten garantiert?

"Ich glaube, jemand hat ihm versprochen, dass er bei PSG zum weltbesten Spieler gemacht wird", sagte Simoes. "Und der Weltbeste machte es so wie Cristiano Ronaldo: Er macht alles - Ecken, Kopfbälle, Elfmeter, Freistöße, einfach alles", ergänzte der Trainer. "Genau das Gleiche gilt für Messi. Ich glaube, dass Neymar jemand versprochen hat, dass er für alles bei PSG verantwortlich ist", so Simoes.

PSG hat das Mannschaftsgefüge radikal verändert, damit Neymar reinpasst und sich wohlfühlt. Wenn das der Weg ist, den der Verein gehen möchte, muss er auf diesem Weg bleiben. Damit alles klappt, muss Neymar seinen Status behalten. Er ist nicht in die Ligue 1 gewechselt, um mitanzusehen, wie Cavani die Elfmeter ausführt.

Brasiliens Fußball hat vielleicht ein Monster erschaffen, aber durch das viele PSG-Geld und dadurch, dass jetzt schon an seinem Denkmal in Paris gearbeitet wird, ist dieses Monster weiter gefüttert worden und gewachsen. Je eher Cavani lernt, dass man sich nicht mit dem Chef anlegt, desto besser für alle Beteiligten.

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