Marco Reus im Goal-Interview: "Verletzungen sind für mich Kleinigkeiten"

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Marco Reus spricht im Interview über seine Bindung zum BVB, seine Vertragsverlängerung und sein Idol. Zudem: Welche Lehre er aus Verletzungen zieht.


EXKLUSIV

Überpünktlich erscheint Marco Reus zum Interviewtermin mit Goal. Beim Treffen im Footbonaut auf dem Trainingsgelände in Brackel wirkt der Offensivspieler von Borussia Dortmund glücklich und gelöst. Seit einem Monat ist er nach seinem im DFB-Pokalfinale 2017 erlittenen Kreuzbandanriss wieder am Ball.

"Es war eine sehr lange Zeit, die mich auch geprägt hat. Mir fällt es dadurch inzwischen aber sogar leichter, mit gewissen Dingen umzugehen", sagt Reus im exklusiven Interview über seine lange Ausfallzeit. 

Ein Gespräch über Rückschläge, seine Vertragsverlängerung, die Entwicklung der Gesellschaft und die Nachwirkungen des Bombenanschlags auf die Mannschaft des BVB.

Marco, Sie sind mit sechs Jahren in die Jugendabteilung von Borussia Dortmund gewechselt. Wie würden Sie Ihre Beziehung zum Klub nach inzwischen 15 Jahren Vereinszugehörigkeit beschreiben?

Marco Reus: Ich bin in Dortmund geboren und aufgewachsen, da wird man automatisch Schwarz-Gelber. Ich habe in der Jugend viele Jahre hier gespielt, aber hatte beim BVB zunächst nicht die Chance, Profifußballer zu werden und meinen Traum zu verwirklichen. Anschließend habe ich mich bei Rot Weiss Ahlen und Borussia Mönchengladbach so weiterentwickelt, wie ich mir das vorgestellt und gewünscht habe, und dann kam das Angebot von Dortmund. Es war immer ein Traum, für den Klub zu spielen, da ich mich mit den Fans verbunden fühle. Es macht unheimlich viel Spaß, in unserem Stadion aufzulaufen und insbesondere gemeinsam mit den Fans Siege zu feiern. Von daher ist für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen. 

Also war es nur folgerichtig, dass Sie Ihren Vertrag beim BVB, der noch bis 2019 lief, frühzeitig bis 2023 verlängert haben?

Reus: Folgerichig wäre zu einfach formuliert. Ich bin jetzt 28 Jahre alt, da ging es wahrscheinlich um meinen letzten großen Vertrag. Da habe ich mir schon gut überlegt, was ich in den letzten fünf, sechs Jahren auf höchstem Niveau noch will. Letztlich war für mich zweierlei wichtig: Ein Zeichen zu setzen, dass ich mich diesem Klub verbunden fühle und mit ihm noch viel erreichen will; und ich wollte für mich frühzeitig Klarheit haben, ehe die heiße Phase mit dem Endspurt im Kampf um die Champions-League-Plätze beginnt und dann im Sommer natürlich auch die Weltmeisterschaft in Russland auf dem Programm steht.

Fußballer, die sehr lange für einen Klub spielen oder sogar ihr ganzes Leben wie Francesco Totti für die Roma, werden immer seltener. Ist der damit verbundene Legendenstatus für Sie reizvoll?

Reus: Was heißt Legendenstatus? Ich kann mit solchen Wörtern nicht so viel anfangen. Jeder macht das, was er für das Beste hält, und möchte das Optimum aus seiner Karriere herausholen. Es ist natürlich sensationell und auch ein schönes Zeichen für die Fans und den Verein, wenn man so lange bei einem Klub ist, wie Totti bei der Roma war. Aber grundsätzlich muss das jeder für sich selbst entscheiden.

Gab es in Ihrer Kindheit ein Schlüsselerlebnis, das Sie mit dem Verein verbunden hat?

Reus: Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich als Jugendspieler mit dabei war, als die Dortmunder 1997 den Champions-League-Pokal im Westfalenstadion präsentiert haben. Das war extrem emotional. Damals habe ich erstmals gemerkt, wie groß hier eigentlich alles ist und was für Emotionen in solchen Situationen entstehen. 

Tomas Rosicky gilt als Ihr Lieblingsspieler. Er wechselte im Januar 2001 zum BVB und entwickelte sich schnell zum Fanliebling. Was hat Sie an ihm fasziniert?

Reus: Die Art und Weise, wie er Fußball gespielt hat, diese Unbekümmertheit und Leichtigkeit in seinen Aktionen. Ich habe ihn unheimlich gerne spielen sehen, er hat ja auch sehr gute Leistungen gebracht. Vom Charakter her habe ich ihn leider nicht persönlich kennengelernt, aber ich habe mir sagen lassen, dass Tomas auch auf diesem Gebiet 1A war. Es war auf jeden Fall immer ein schöner Anblick, ihn mit seiner spielerischen Klasse und seiner Torgefährlichkeit auf dem Feld zu sehen.

*GER ONLY / NO GALLERY* Tomas Rosicky Marco ReusNovember 2013: Marco Reus (r.) im Duell mit seinem Idol Tomas Rosicky

Wie einst Rosicky sind Sie heute das Idol vieler BVB-Fans. Wie gehen Sie damit um?

Reus: Für mich steht im Vordergrund, einfach Spaß am Fußball zu haben. Grundsätzlich bin ich mir der Verantwortung aber bewusst. Man lernt im Laufe der Jahre, damit umzugehen. Das kann man nicht mit 22 oder 23 Jahren, sondern in einem Alter ab 26 oder 27. Dann weiß man, wofür man gerade stehen muss.

2017 war ein sehr turbulentes Jahr für den BVB: Es gab Theater um die Abgänge von Ousmane Dembele und Pierre-Emerick Aubameyang, es gab ein kurzes Intermezzo mit Peter Bosz und dann war da noch der feige Bombenanschlag auf die Mannschaft. Wie haben Sie dieses Jahr erlebt?

Reus: Wir haben aber auch den DFB-Pokal gewonnen, das haben Sie in Ihrer Aufzählung gerade vergessen. Kein Vorwurf – aber es passt in das Bild unserer Zeit. Die heutige Gesellschaft hat sich leider in diese Richtung entwickelt, dass häufig das Negative zuerst gesehen wird, die Schwierigkeiten, die Probleme. Wir alle sollten zusehen, dass wir positiver an die Dinge herangehen. Auch deshalb sind wir Fußballer als Vorbilder für die Kiddies gefragt, die manche Dinge vielleicht noch nicht begreifen können.

Wie geht die Mannschaft nach zehn Monaten mit dem Anschlag um?

Reus: Ich war nicht im Bus, deshalb kann ich nicht nachempfinden, was meine Mannschaftskollegen erleben mussten und wie das Szenario genau war. Es muss ohnehin jeder seinen individuellen Umgang mit diesem schrecklichen Erlebnis finden. So etwas prägt einen für ein ganzes Leben. Es gab auch Situationen danach, in denen sich viele erschrocken haben, wenn es mal einen lauten Knall gab. Es ist ganz normal, dass so ein Erlebnis nicht von heute auf morgen und auch nicht in den nächsten Monaten verarbeitet ist. Man kann nicht einfach zur Normalität zurückkehren. Das braucht Zeit und kann auch Nachwirkungen haben. Aber der Klub hat das Mögliche getan und zum Beispiel auch externe Hilfe angeboten, die jeder Einzelne bei Bedarf jederzeit in Anspruch nehmen konnte und noch immer kann.

Wenn auch auf eine ganz andere Art und Weise dürften auch ständige Verletzungen eine psychische Belastung darstellen. Sie persönlich kennen sich leider mit körperlichen Rückschlägen aus. Wie schafft man es, immer wieder so stark zurückzukommen?

Reus: Gegenfrage: Was bleibt denn anderes übrig? Natürlich musste ich viele Rückschläge hinnehmen, aber ich konnte deswegen doch nicht einfach sagen: 'Alles klar, jetzt bin ich schon wieder verletzt, dann höre ich halt auf!' Es ist ja nicht so, dass ich aufgrund der Verletzungen keinen Ansporn mehr habe, den Sport auszuüben, den ich so liebe und der mir jeden Tag so viel Freude bereitet. Insofern ist das eigentlich ganz einfach: Du musst dich vom Kopf her neu motivieren. Da ist Geduld gefragt. Man muss sich sagen: 'Alles klar, jetzt ist es eben so, du wirst auch damit fertig.' Es gibt ja viel schlimmere Dinge auf der Welt. Deshalb sind Verletzungen für mich eigentlich Kleinigkeiten.

Aber trotzdem sind Verletzungen doch belastend?

Reus: Es war eine sehr lange Zeit, die mich auch geprägt hat. Mir fällt es dadurch inzwischen aber sogar leichter, mit gewissen Dingen umzugehen. Viele Sachen belasten mich nicht mehr so, wie es früher der Fall war. Ich habe jetzt noch mehr Spaß am Fußball. Diese Leichtigkeit gewonnen zu haben, ist ein wichtiger Punkt.

Ist dies für Sie die größte Lehre, die Sie aus den vielen Verletzungen ziehen können?

Reus: Ja, ich glaube schon. Normalerweise geht es im Laufe einer Karriere nicht nur nach oben - außer vielleicht bei Cristiano Ronaldo und Lionel Messi (lacht) -, sondern es gehören auch Stagnation oder gar Rückschläge dazu. Dann ist es wichtig, die Erkenntnis zu haben: Es ist so, wie es ist - kein Problem. Verletzungen gehören eben dazu. Was andere daraus machen, ist deren Sache, aber es ist ganz wichtig, dass man im Kopf stabil ist. Man darf sich nicht nur sagen: Ich muss jetzt Spaß am Fußball haben - man sollte auch wirklich Spaß am Fußball haben.

Marco Reus Borussia Dortmund Goal exclusive interview Niklas KönigIm Footbonaut sprach Goal-Reporter Niklas König mit Marco Reus

Auffällig ist, dass Sie immer auf einem sehr hohen Niveau zurückkamen. Kurieren Sie sich besser aus, indem Sie ein bisschen länger warten als andere?

Reus: Eines können Sie mir glauben: Bei einer Pause von sieben, acht Monaten will man nicht freiwillig noch länger als unbedingt notwendig warten. Andererseits: Wenn man so lange raus ist, muss man berücksichtigen, dass sich der Körper und in meinem Fall das Knie durch die Operation verändert haben. Dadurch braucht man eine gewisse Zeit, um seinen Rhythmus wiederzufinden - nicht nur in den Spielen, sondern auch im Training. Zudem war es wichtig, dass ich in der Verletzungsphase keine Rückschläge erlitten habe. Für mich stand dann irgendwann fest: Ich fühle mich gut, alles ist in Ordnung, los geht's.

Und jetzt sind Sie gleich wieder der Führungsspieler, der die Mannschaft mitreißt und das Gefühl im ganzen Verein positiv beeinflusst.

Reus: Vielen Dank, schön, wenn Sie das so sehen. Mir persönlich geht es nicht nur um Tore oder Vorlagen. Für mich ist es auch wichtig, mich von Spiel zu Spiel weiterzuentwickeln. Auch wenn ich jetzt ganz gut zurückgekommen bin, weiß ich, dass ich noch viel Luft nach oben habe. Mir fällt es aktuell noch schwer, 90 Minuten zu spielen. Das ist ganz normal ist, weil ich nach meiner Rückkehr viele Spiele absolviert habe und man auch nicht vergessen darf, dass ich acht Monate raus war.  Deshalb wird es sicherlich noch ein paar Monate dauern, bis ich wirklich wieder bei hundert Prozent bin. Trotzdem bin ich da locker. Ich freue mich, dass ich der Mannschaft direkt helfen kann. Alles andere als der mannschaftliche Erfolg ist ohnehin zweitrangig.

Einerseits sind Sie in der Bundesliga unter Peter Stöger noch ungeschlagen, andererseits gibt es Kritik an der Spielanlage. Wo liegt die Wahrheit?

Reus: Spielerisch stellen wir uns alle etwas anderes vor, das resultiert aus der Historie der vergangenen Jahre, und dann wird so etwas schnell zum Maßstab. Man muss aber auch sehen, dass jeder Trainer seine eigene Philosophie hat, und die muss er der Mannschaft erst beibringen. Peter Stöger ist jetzt noch nicht so lange dabei und es wird auch noch ein paar Spiele brauchen, bis wir seine Idee komplett verinnerlicht haben.

Spielen abgesehen von der Zeit auch andere Faktoren eine Rolle?

Reus: Auf jeden Fall. Da es speziell im Offensivbereich viele Veränderungen gab und wir außerdem große Verletzungsprobleme hatten, konnten wir uns kaum einspielen. Natürlich wollen wir ganz woanders hin. Wir müssen einfach weiter an uns arbeiten. Es ist wichtig, dass wir über 90 Minuten kontinuierlich gut spielen. Das wird kommen, da habe ich keine Zweifel.

Es ist kein Geheimnis, dass Sie mit Mario Götze und Andre Schürrle befreundet sind. Meistens hat mindestens einer gefehlt, seit einigen Wochen stehen Sie als Trio gemeinsam auf dem Platz.

Reus: Das freut uns auch wirklich ganz besonders. Wir haben schon darüber geschmunzelt, dass wir zwar schon seit fast zwei Jahren zusammen sind, aber noch nie über mehrere Spiele hinweg zusammen spielen konnten. Umso mehr freue ich mich, dass wir jetzt gemeinsam auf dem Platz stehen und unsere Fähigkeiten unter Beweis stellen können. Aber auch so etwas braucht ein bisschen Zeit. Nur weil man sich privat gut versteht, heißt das nicht, dass man sich deshalb auch auf dem Platz bombastisch versteht. Ich denke, dass es Schritt für Schritt besser werden wird.

Schürrle hatte als Rekordtransfer beim BVB einen schweren Start und galt schon als Transfer-Flop, inzwischen wird er von den Fans mit Sprechchören gefeiert, wirkt gelöst. Wie nehmen Sie das wahr?

Reus: Das ist unheimlich wichtig für ihn. Man darf bei der ganzen Sache nicht vergessen, dass auch er zwischenzeitlich ein paar Monate raus war und deshalb seinen Rhythmus nicht hatte. Spieler wie Mario, Schü oder ich brauchen aber Rhythmus, um richtig in Fahrt zu kommen. Natürlich ist es bei dem engen Terminplan, den vielen Spielen und den wenigen Trainingseinheiten nicht vorteilhaft für uns. Aber das gehört einfach dazu, damit müssen wir umgehen können, und das ist auch kein Problem. Unter Peter Stöger hat Schü die Chance bekommen, über mehrere Spiele hinweg seinen Spielrhythmus zu finden. Dann hat man auch gesehen, dass er ein super Fußballer und wichtig fürs Team ist. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er noch besser werden wird.

Marco Reus Borussia Dortmund Goal exclusive interview Niklas KönigBVB-Profi Marco Reus (r.) mit Goal-Reporter Niklas König

Welche Ziele verfolgen Sie in dieser Saison?

Reus: Grundsätzlich liegt das Hauptaugenmerk auf der Qualifikation für die Champions League. Das ist unser großes Ziel, das wir erreichen müssen – koste es, was es wolle. Wir gehören in die Königsklasse, aber das müssen wir jetzt auch unter Beweis stellen. Darüber hinaus ist es für mich persönlich selbstverständlich ein großes Ziel, bei der Weltmeisterschaft in Russland dabei zu sein.

Gerade, weil Sie die beiden jüngsten großen Turniere verpasst haben?

Reus: Das ist Vergangenheit, das kann ich nicht mehr ändern. Ich bin auch niemand, der so weit in die Zukunft schaut. Es kann sich jeden Tag etwas verändern, es kann jeden Tag etwas passieren. Wenn alles normal läuft und ich meine Leistung zeige, denke ich aber, dass ich gute Chancen habe, dabei zu sein.

Sie werden vom Bundestrainer als ein Spieler wahrgenommen, der den Unterschied ausmachen kann.

Reus: Es ist natürlich schön und wichtig, die Rückendeckung vom Bundestrainer und vom Verein zu haben, obwohl ich so lange raus war. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass man so gut zurückkommt, wenn man so lange verletzt war. Das kann auch mal anders sein und es wird wahrscheinlich auch irgendwann mal Phasen geben, in denen ich nicht die Leistung abrufen kann, die ich mir wünsche. Aber jetzt gerade genieße ich es einfach, dass ich nach so langer Zeit wieder auf dem Fußballplatz stehen kann.

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