HINTERGRUND
Die Brüsseler U-Bahn ist am Morgen des 22. März 2016 prallgefüllt. Pendler wollen pünktlich an ihrem Arbeitsplatz erscheinen, Studenten rechtzeitig in die Vorlesung gelangen, Touristen haben sich auf den Weg gemacht, um die Sehenswürdigkeiten der belgischen Hauptstadt zu erkunden. Niemand von ihnen ahnt, dass sich ihr Leben nur wenige Augenblicke später schlagartig und irreversibel ändern wird. Als die Metro um 9.11 Uhr in die Station Maalbeek nahe der Europäischen Kommission einfährt, explodiert ein Sprengsatz, der 20 Menschen in den Tod reißt, unter denen sich auch der Attentäter befindet, 130 weitere Insassen werden teils schwer verletzt. Minuten zuvor hatten zwei selbsternannte Gotteskrieger am Flughafen Zaventem bereits elf Menschen mit einer Nagelbombe getötet.
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Bei den drei Selbstmordattentätern, so stellt sich später heraus, handelt es sich um Najim Laachraoui sowie das polizeibekannte Bruder-Duo Ibrahim und Khalid El Bakraoui. Von Letzterem kursierte bereits lange vor den verübten Anschlägen ein von Interpol herausgegebenes Foto im Internet. Schon damals wurde Khalid wegen Terror-Verdachts gesucht, 2011 verbüßte er eine mehrjährige Haftstrafe wegen Autodiebstahls. Der gebürtige Brüsseler mit marokkanischen Wurzeln soll sich zu Beginn des vergangenen Jahres eine Schein-Identität zugelegt haben. Die Identität des ehemaligen Inter-Mailand-Profis Ibrahim Maaroufi, ebenfalls Belgier marokkanischer Abstammung, der sechs Tage nach Khalid in Brüssel auf die Welt kam.
Zweitjüngster Inter-Spieler der Geschichte
Maaroufi wird in der Jugend des RSC Anderlecht ausgebildet, ehe er sich dem niederländischen Spitzenklub PSV Eindhoven anschließt. Bis 2006 kickt der talentierte Mittelfeldmann für die U-Auswahl, wechselt später zu Inter Mailand nach Italien. Noch im gleichen Jahr gibt Maaroufi, der sich zunächst für die Nachwuchs-Nationalmannschaft Marokkos entscheidet, sein Debüt in der Serie A und avanciert nebenbei hinter Goran Slavkovski zum zweitjüngsten Spieler in der Geschichte der Nerazzurri.
ImagoIbrahim Maaroufi im Duell mit Barcelona-Star Lionel MessiRichtig Fuß fassen kann der Youngster in der Modemetrople allerdings nie. Inter verleiht Maaroufi zu Twente Enschede, ein Jahr später schließt sich der Linksfuß dem Zweitligisten Vicenza Calciao an, ebenfalls auf Leihbasis.
Im Sommer 2009 unterschreibt er einen Dreijahresvertrag bei der AC Bellinzona in der Schweiz, wo man offenbar aber keine Verwendung für den Belgier findet, geht es doch schon im darauffolgenden Winter weiter zu MVV Maastricht in die Niederlande. Auch in der holländischen Universitätsstadt hält es Maaroufi nicht lange. Es folgen Intermezzi bei Wydad AC in Marokko, KAS Eupen, RC Mechelen und beim iranischen Vertreter Damash Gilan. Nachdem Maaroufi diverse Male komplett ohne Verein dasteht, sich mit weiteren Kurzengagements in der Heimat über Wasser hält, zieht es ihn im Februar dieses Jahres von Schaerbeek zum französischen Fünftligisten Toulouse Rodeo.
Auf sportlicher Ebene also sorgt der einst so verheißungsvolle Jugendspieler schon seit geraumer Zeit nicht mehr für Schlagzeilen, vielmehr rückte die vom Brüssel-Attentäter gestohlene Identität im letzten Jahr Maaroufi zurück in den medialen Fokus. Er selbst hatte längst geahnt, dass etwas nicht stimmt, eigenen Angaben zufolge sogar die Polizei über seine Vermutung informiert, die ihn allerdings vertröstete und dem Fall nicht weiter nachging. So kam im Zuge der Ermittlungen nach den Terroranschlägen zutage, dass das Apartment, aus dem die Zelle operierte, auf Maaroufis Namen angemietet wurde.
"Das sind keine Muslime, das sind Barbaren"
"Ich habe vorher noch nie von Khalid El Bakraoui gehört“, gibt das Identitätsklau-Opfer später gegenüber Sky TG24 zu Protokoll. Maaroufi weiter: "Ich habe nichts zu tun mit diesen Kamikaze. Das sind keine Muslime, das sind Barbaren." Informationen der Welt zufolge beschaffte sich Khalid den gefälschten Ausweis in der italienischen Hafenstadt Bari, die nicht erst seit den Angriffen von Brüssel als logistisches Drehkreuz für Terroristen aus Syrien und dem Irak gilt.
Anderthalb Jahre nach den schrecklichen Attacken auf das Herzstück Europas ist die Normalität zurückgekehrt. Menschen fahren längst wieder mit der U-Bahn zu ihrer Arbeit, in die Universität oder auf Erkundungstour, Reisende fliegen von Zaventem in alle Ecken der Welt. Was bleibt, ist die Erinnerung an das Geschehene, das Böse - eine Erinnerung, die niemals verblassen wird. Warum die Terroristen ausgerechnet den gescheiterten Fußball-Profi Maaroufi als kleines Puzzleteil auswählten, um ihren perfiden Plan in die Tat umzusetzen, wird indes wohl nie geklärt werden.


