Denkt man an den unglaublichen Höhenflug von Leicester City kommen einem sofort Riyad Mahrez und Jamie Vardy in den Sinn. Für viele Experten und auch Coach Claudio Ranieri sind aber nicht etwa die Offensivkünstler der Schlüssel zum Erfolg - der heimliche Held ist Franzose und im defensiven Mittelfeld beheimatet: N'Golo Kante.
Bei seiner Verpflichtung im Sommer 2015 dachte man auf den ersten Blick, Kante sei ein typischer Premier-League-Transfer: Viel Geld für einen Mittelklasse-Spieler. Die Leute, die am 1,69 Meter großen Neuzugang zweifelten, wurden schnell eines Besseren belehrt. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass der 24-Jährige mit neun Millionen Euro Ablöse wohl der beste Transfer der Liga war.
Schon zu seiner Zeit in Frankreich beim SM Caen fiel er nicht etwa durch seine Torgefahr oder seine Kopfballstärke auf, vielmehr war es der unbändige Einsatz, der ihn auszeichnete. In der Saison 2014/15 machte Kante die meisten Tacklings der Ligue 1 und war gleichzeitig der Spieler mit den meisten Ballgewinnen.
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Herzstück der Leicester-Pressing-Maschine
Bei Leicester bekam das in erster Linie Gökhan Inler zu spüren. Als einer der großen Namen im Team der Foxes muss sich der Kapitän der Schweizer Nationalmannschaft hinter Kante mit einem Bankplatz begnügen. Die beiden Positionen der Doppel-Sechs sind fest an Kante und seinen kongenialen Partner Danny Drinkwater vergeben.
Zusammen sind beide das Herzstück der Leicester-Pressing-Maschine. Statt auf Individualisten und Einzelkönner baut man in den East Midlands aufs Kollektiv. Dass es spielerisch zumeist nicht sehr schön anzusehen ist, stört beim einstigen Abstiegskandidaten niemanden: Hauptsache die Ergebnisse stimmen. Und mit ihrem unkonventionellen Stil stellen die Foxes die Premier League auf den Kopf. Ihr Höhenflug ist eine der größten sportlichen Überraschungen der letzten Jahre.
Kante steht dabei nicht nur räumlich im Zentrum, sondern auch taktisch. "The rash", zu Deutsch Hautausschlag, wie er von Kollege Drinkwater liebevoll genannt wird, ist dabei mehr als ein reiner Zerstörer. Nach Balleroberung im aggressiven Pressing tritt Kante in Erscheinung, der das Spielgerät dank seiner Schnelligkeit entweder selbst ins gegnerische Drittel treibt, oder auf besser postierte Kollegen weiterleitet.
GoalClaude Makelele 2.0
"Er kann ein Liebling werden, nicht nur für die Fans, sondern auch für seine Mitspieler. Wenn wir uns Videos ansehen, in denen er den Ball jagt, sagt jeder nur 'Wow'", adelte Coach Claudio Ranieri seinen Schützling. Womöglich auch weil er in die Fußstapfen einer seiner ehemaligen Schützlinge in Diensten des FC Chelsea treten könnte.
Seine kraftvolle Spielweise und starke Übersicht erinnert an einen gewissen Claude Makelele. Der ehemalige Profi von Paris Saint-Germain, Real Madrid und eben den Blues feierte mit Frankreich 1998 den WM-Titel, zwei Jahre später den Gewinn der Europameisterschaft. Wie Kante stand auch Makelele in den Medien immer im Schatten der großen Namen, doch für Mitspieler und Trainer war er stets der Star im Team.
"Makelele war einer der wichtigsten Spieler bei Real, nur die meisten haben es einfach nicht geschnallt. Wir im Team wussten es. Er war die Basis, der Schlüssel zum Erfolg. Sein Verlust war der Anfang vom Ende für die Galaktischen", sagte der ehemalige Mitspieler Fernando Hierro über den heute 43-Jährigen.
Als Inbegriff des zuverlässigen Abräumers mit gutem Auge für den Nebenmann soll Kante seinen Landsmann nun in der Nationalmannschaft beerben. Für die Länderspiele gegen die Niederlande (Freitag, 20.45 im LIVE-STREAM) und Russland steht er erstmals im Aufgebot von Nationalcoach Didier Deschamps. Eine EM-Teilnahme, von der der gebürtige Pariser noch vor einem Jahr nicht zu träumen gewagt hat, scheint nun die logische Konsequenz zu sein.
Geht es nach verschiedenen spanischen und englischen Medien, könnte die unglaubliche Reise des Leicester-Profis auch nach der Europameisterschaft weitergehen. Real Madrid und Chelsea sollen sich die Finger nach dem Defensivmann lecken und sind wohl bereit, tief für ihn in die Tasche zu greifen.
Renaissance der Grande Nation?
Dass ausgerechnet Chelsea und die Königlichen scharf auf "Claude Makelele 2.0" sind ist dabei die Ironie des Schicksals. Mit beiden Klubs feierte Makelele seine größten Erfolge. Neben Titeln im Verein sammelte der 43-Jährige allerdings auch mit Les Bleus wichtige Trophäen.
Auf eben diese Triumphe wartet man in Frankreich seit der goldenen Generation um Thierry Henry, Patrick Viera und Makelele vergeblich. Nachdem es bei der Equipe Tricolore in den letzten Jahren mehr um Skandale als um Fußball ging, will die Grande Nation sich nun wieder auf das wesentlich besinnen.
Bei der EM im eigenen Land soll der große Coup gelingen und Spanien vom Thron gestoßen werden. Dank hungriger Spieler wie Dimitri Payet oder Yoan Cabaye, sowie hoffnungsvoller Talente wie Kingsley Coman oder Raphael Varane zählt Frankreich zu den Geheimfavoriten auf den Titel – und vielleicht wird Kante zum heimlichen Helden.




