*NO GALLERY* FC Bayern Real Madrid 20170412Getty Images

FC Bayern: Die Hoffnung lebt weiter


HINTERGRUND

Joshua Kimmich hatte sein Leibchen bereits ausgezogen. Er bekam von Carlo Ancelotti gerade die finalen Instruktionen, als Spieler und Trainer von der Seitenauslinie gemeinsam mit ansehen mussten, wie Marco Asensio ungehindert flanken durfte, wie Jerome Boateng das Abseits aufhob, Juan Bernat zu spät kam und Cristiano Ronaldo den Ball nach 77 Minuten zum zweiten Mal an diesem Abend über die Linie bugsierte.

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Wenige Sekunden später hatte Kimmich sein Leibchen wieder übergestreift, stattdessen stand nun Kingsley Coman zur Einwechslung bereit. Ancelotti entschied sich für einen Impulsgeber für die Offensive und gegen eine zusätzliche Absicherung. Er ging Risiko, aber es half nichts. In der zweiten Halbzeit des Viertelfinalhinspiels der Champions League gegen Real Madrid lief beim FC Bayern München einfach nichts mehr, wie es laufen sollte.

Genau genommen hatte das Unheil schon kurz vor der Pause seinen Lauf genommen. Da nämlich vergab Arturo Vidal, der die Münchner nach 25 Minuten per Kopf in Führung gebracht hatte, fahrlässig die große Chance, den Vorsprung nach einem unberechtigten Handelfmeter auszubauen.

"Es hat etwa zwischen der 40. und der 60. Minute mehrere Knackpunkte gegeben", sagte Thomas Müller treffend. Konkret waren es neben dem vergebenen Elfmeter (45. +1) Ronaldos erster Treffer zum Ausgleich (47.) und die Gelb-Rote Karte gegen Javi Martinez (61.) sowie die daraus resultierende Unordnung. 

Neuer verhindert ein Debakel

"In der ersten Halbzeit hatten wir das Spiel eigentlich im Griff. Kurz nach der Pause kassieren wir dann das 1:1, da war definitiv ein Bruch drin, von dem wir uns nicht so schnell erholt haben. Der nächste Bruch kam, als wir den Platzverweis bekommen haben", so Philipp Lahm. Der Kapitän wusste: "Gegen eine spielstarke Mannschaft in Unterzahl zu sein, ist schwierig. Man muss sagen: Da hat uns Manu im Spiel gehalten, sodass wir jetzt noch alle Möglichkeiten im Rückspiel haben." Man muss aber auch sagen: Eine Top-Mannschaft sollte auch mit nur zehn Spielern auf dem Feld in der Lage sein, weitaus besser zu verteidigen, als es die Münchner am Mittwochabend getan haben.

Immer wieder klafften große Lücken im Defensivverbund, die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen waren viel zu groß. Die Folge: Bayern musste so viele Torschüsse des Gegners hinnehmen wie noch nie in der Königsklasse seit Beginn der detaillierten Datenerfassung. Satte 23 Mal kamen die Gäste zum Abschluss, elf Versuche davon fanden ihren Weg aufs Tor. Die irrwitzige Torschussbilanz im zweiten Durchgang: 16:2 für Real. 

Tatsächlich war es nur der fahrlässigen Chancenverwertung der Königlichen sowie dem bei seiner Rückkehr glänzend aufgelegten Manuel Neuer zu verdanken, dass der Abend für den deutschen Rekordmeister nicht in einem Debakel endete. Mehrfach parierte der weltbeste Keeper stark, etwa gegen Karim Benzema (8., 73.) und Gareth Bale (56.). Besonders in Erinnerung blieb der Schuss von Ronaldo, den Neuer mit einem geradezu surrealen Reflex seiner rechten Pranke entschärfte (75.).

Ancelotti hofft auf Lewandowski und Hummels

"Wir können von Glück reden, dass wir nicht noch mehr Tore kassiert haben", sagte der 31-Jährige und bemängelte: "In der ersten Halbzeit hat es nicht danach ausgesehen, dass wir dieses Spiel mit 1:2 verlieren. Wären wir ein bisschen cleverer und cooler aufgetreten, hätten wir auch schon zur Halbzeit 2:0 oder 3:0 führen können."

Dafür allerdings fehlte vorne Robert Lewandowski, den Müller nicht annähernd gleichwertig ersetzen konnte. Genau das vom deutschen Weltmeister zu verlangen, wäre aber auch nicht fair. Bloß spielten die Bayern, als stünde Lewandowski und eben nicht Müller vorne drin. Die defensive Anfälligkeit wiederum war neben der temporären Unterzahl dem Ausfall von Mats Hummels geschuldet. "Meiner Meinung nach lag es daran, dass wir nicht die einhundertprozentige Überzeugung hatten, dass wir die bessere Mannschaft sind", meinte indes Müller. 

Die mit Abstand beste Nachricht für die Münchner ist somit, dass es bei dem mit 1:2 nur mittelschweren Resultat geblieben ist. "Die erste Halbzeit macht auf jeden Fall Hoffnung", sagte Neuer: "Wir wissen, dass wir gegen Real Tore erzielen können. Die Möglichkeiten waren ja auch heute da. Wir haben immer noch alles in der eigenen Hand." Trainer Carlo Ancelotti hoffte derweil, im Santiago Bernabeu wieder auf Hummels und Lewandowski zurückgreifen zu können. Auch er gab zu bedenken: "Es sind noch 90 Minuten zu spielen, in denen wir alles probieren werden. In Italien sagt man: 'Wir leben noch.'"

Die Chancen der Bayern sind aufgrund der beiden Auswärtstore zwar gefallen, trotzdem brauche es "am Dienstag kein Fußballwunder", sagte Müller: "Im Fußball gab es schon größere Geschichten. Natürlich brauchen wir eine überragende Leistung: Es ist nicht einfach, mit einem Rückstand in Madrid zu spielen. Aber wenn wir die paar Prozent, die uns heute gefehlt haben, aufbringen können, ist auf jeden Fall noch etwas drin."

Wie groß der Glaube ans Weiterkommen denn nach der ernüchternden Pleite tatsächlich sei, wollte ein Reporter noch wissen. "Sehr groß", erwiderte Müller entschlossen, "sonst wären wir ja nicht beim FC Bayern."

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