Die Bundesliga gilt seit Jahren als eine der besten Ligen der Welt, wobei man in den letzten Jahren den Globalisierungsprozess vorangetrieben hat. Im exklusiven Interview mit Goal in New York spricht DFL-Geschäftsführer Christian Seifert über die Stärken und Schwächen der höchsten deutschen Spielklasse und mögliche Wege, noch weiter zu wachsen.
Herr Seifert, national ist die Bundesliga die favorisierte Sportliga, international herrscht jedoch ein großer Wettbewerb. Sehen Sie im Verhältnis zur Premier League im globalen Ranking für die Bundesliga noch Nachholbedarf?
Christian Seifert: Wir konzentrieren uns weniger darauf, wo die Premier League oder LaLiga stehen, sondern vielmehr auf unsere eigenen Stärken. Unsere Strategie basiert nicht auf dem, was andere tun. Wir fokussieren uns darauf, was wir den Fans und Medienpartnern bieten können.
Wie sieht das konkret aus?
Seifert: Was den Zuschauerschnitt pro Partie anbelangt, sind wir die Nummer eins in Europa. Auch was die Tore anbelangt, sind wir nun 25 Jahre in Folge die Liga mit den meisten Treffern pro Spiel. Und wir liegen im UEFA-Ranking auf dem zweiten Rang. Als diese Liste 2006 ins Leben gerufen wurde, lagen wir noch auf dem fünften Platz. Mittlerweile haben wir die Premier League sogar überholt. In ein paar Ländern mag die sehr populär sein, doch laut Studien einer chinesischen Firma ist die Bundesliga in China die Nummer eins.
Was hat die Bundesliga darüber hinaus zu bieten, um sich von anderen Ligen abzuheben?
Seifert: Wenn es beispielsweise um das Median-Know-How geht, steht die Bundesliga mit Abstand an der Spitze. Wir haben im Jahr 2006 das Tochterunternehmen Sportcast gegründet und alle 306 Ligaspiele selbst produziert. In zwölf Jahren haben wir so mehr als 7500 Live-Spiele in den Stadien produziert, womit wir die größte Erfahrung haben, was Live-Fußballproduktionen vor Ort anbelangt.
Wie kann die Bundesliga davon profitieren?
Seifert: In der Vergangenheit haben wir die Medienrechte an die Sender verkauft, und sie wollten Fans, welche die Spiele sehen. Doch die Zeiten ändern sich und in der Zukunft kommt es eher auf die technische Umsetzung für unsere Medienpartner an, wobei wir genau wissen, was sie tun.
Bayern München steht vor dem Gewinn der fünften Meisterschaft in Folge. Ein derart erfolgreicher Klub dient einerseits als Aushängeschild, mindert auf der anderen Seite aber auch den internen Wettbewerb. Bereitet Ihnen dies Kopfzerbrechen?
Seifert: Im Moment ist Bayern München eine sehr starke Mannschaft - Sie können bei Arsenal nachfragen, wie stark sie ist. Diese Diskussion ist etwas amerikanisch geprägt. Es gibt nur einen Super-Bowl-Sieger, nur einen Stanley-Cup-Sieger, nur einen NBA-Champion. Chelsea hat in der Premier League beispielsweise einen Vorsprung von sieben Punkten, aber die Fans von Arsenal, Liverpool oder Manchester United und Tottenham schauen sich die Spiele trotzdem weiter an. Sie fiebern mit, ob sich ihre Mannschaft für die Champions League qualifiziert. Das Gleiche gilt für Leicester, deren Fans hoffen, dass man den Abstieg ein Jahr nach der Meisterschaft vermeiden kann.
Somit kommt es auch in der Bundesliga mehr auf die Nebenschauplätze an.
Seifert: In der Bundesliga ist es das Gleiche. Wir haben mehr als 30.000 Spiele in den europäischen Top-Ligen analysiert, wobei die Bundesliga die am wenigsten vorhersehbare der europäischen Top-Ligen ist. Etwas genauer betrachtet, passieren in dieser Liga unglaublich viele Dinge, das müssen die Fans verstehen. In jeder Liga dieser Welt steht in erster Linie der Wettbewerb im Mittelpunkt und nicht nur der Meistertitel. Aus heutiger Sicht ist Bayern München sehr dominant. Wir werden sehen, was in Zukunft passiert, aber wir als Liga können uns nicht verändern.
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RB Leipzig wurde erst vor sieben Jahren gegründet und ist aktuell erster Bayern-Jäger. Der Klub wird seit jeher heftig für seine Besitzerstruktur und die Kommerzialisierung des Fußballs kritisiert. Schadet der Verein dem deutschen Fußball?
Seifert: Zunächst möchte ich betonen, dass Leipzig alle Anforderungen erfüllt hat und allen nötigen Verpflichtungen gemäß den Statuten nachgekommen ist. Deshalb haben sie ihre Lizenz bekommen. Darüber hinaus hat der Klub in den letzten Jahren sehr guten Fußball gespielt und deshalb den Aufstieg in die Bundesliga geschafft.
Wie würden Sie die allgemeine Meinung gegenüber Leipzig einschätzen?
Seifert: Das kommt darauf an, mit wem man spricht. Ich habe mit vielen Journalisten gesprochen, die in Leipzig waren. Sie waren sehr überrascht, denn die Leute sind stolz und glücklich und die Stadt steht voll und ganz hinter dem Konzept. Spricht man auf der anderen Seite mit kritischen Fangruppierungen, kommt dieses Konzept nicht sonderlich gut an. Spricht man wiederum mit den Managern der Bundesligisten, respektieren die meisten das, was in Leipzig passiert, denn dort wird einfach richtig gute Arbeit geleistet. Insofern ist es nicht entscheidend, ob die Leute dieser Idee positiv oder negativ gegenüberstehen. Leipzig hat alle Lizenzierungsanforderungen erfüllt, sie spielen guten Fußball und sind deshalb zurecht in der Bundesliga.
Zuletzt kamen Gerüchte auf, wonach RB Leipzig und Red Bull Salzburg aufgrund der UEFA-Regularien in der kommenden Saison nicht beide in der Champions League antreten dürfen, da sie den gleichen Besitzer haben.
Seifert: Ich weiß, dass die Statuten der UEFA sehr klar sind und ich denke, dass das Management von Leipzig komplett mit der Sache vertraut ist, dass es nicht erlaubt ist, zwei Mannschaften in der Champions League zu kontrollieren. Ich denke, das ergibt Sinn, denn es ist sehr wichtig, die Integrität dieses Sports zu bewahren. Treffen zwei Mannschaften, die von einer Firma oder einem Besitzer kontrolliert werden, in einer bestimmten Situation aufeinander, wirft dies natürlich einige Fragen auf.
Sie sind also der Meinung, dass nur eine Mannschaft spielberechtigt ist, sollten sich beide qualifizieren?
Seifert: Das ist eine Frage, die Sie der UEFA stellen müssen. Ich kann nicht sagen, ob dies möglich ist, denn es ist Sache der UEFA, wie sie die Beziehung zwischen Leipzig und Salzburg bewertet.

Die 50+1-Regelung dient dazu, um sicherzustellen, dass Vereine mehrheitlich von den Fans und nicht von Firmen kontrolliert werden. Mit Leverkusen und Wolfsburg fallen jedoch zwei Vereine aus diesen Vorgaben heraus, auch Hoffenheim und Leipzig stellen Ausnahmen dar. Können Sie sich eine Aufhebung der Regelung in absehbarer Zeit vorstellen?
Seifert: Ich denke, die Bundesliga hat einige Besonderheiten, die bei den Leuten, den Fans und der Gesellschaft einen hohen Stellenwert genießen. Und es ist es definitiv wert, daran festzuhalten. Ich denke da beispielsweise an die relativ niedrigen Ticketpreise sowie an die Tatsache, dass man Klubs nicht einfach so kaufen und verkaufen kann, indem man sie wie eine Ware behandelt. Deshalb ergibt es Sinn, die Situation zu regulieren. Ich bin nicht davon überzeugt, dass der komplett freie Markt die Antwort auf alles ist.
Welche Bedenken sehen Sie?
Seifert: Wir müssen an das legale Fortbestehen dieser Regelung denken. Was würde passieren, wenn jemand diese Regelung hinsichtlich des Europäischen Rechts vor einem Gericht anfechten würde? Das ist der Grund, warum ich bereits öffentlich gesagt habe, dass die Bundesliga gefestigt genug sein sollte, über die Zukunft dieser Regelung völlig unvoreingenommen zu diskutieren.
Inwiefern stellen oben genannte Klubs eine Ausnahme dar?
Seifert: Zwei der 18 Bundesliga-Klubs unterliegen nicht der 50+1-Regelung, denn sie waren Ausnahmen. Leipzig hat eine sehr kreative Herangehensweise, um mit der 50+1-Regel umzugehen. Hoffenheim ist ebenfalls eine Ausnahme, nachdem der Klub von Dietmar Hopp - einem der Gründer von SAP - übernommen wurde und man nach mehr als 20 Jahren auch die Mehrheit der Anteile übernehmen darf. Die Diskussionen darüber reißen nicht ab und wir werden sehen, wo sie hinführen. Aber wie ich bereits gesagt habe, sollte die Liga stark genug sein, um solchen Diskussionen Stand zu halten. Wir sollten diese völlig vorurteilsfrei von einem pragmatischen und realistischen Gesichtspunkt aus angehen, weniger von einem ideologischen.
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Die Bundesliga hat in den letzten Jahren einige große Talente hervorgebracht, gleichzeitig wurden große Stars aus dem Ausland verpflichtet. Wie wahrt man dort die Balance?
Seifert: Dies zeigt zunächst einmal, dass die Bundesliga eine sehr starke Liga ist, in der viele großartige Spieler aus der ganzen Welt spielen. Darüber hinaus kommen die Spieler in die Bundesliga, weil der Spielstil und die Tatsache, dass vier Mannschaften in der Champions League spielen, einen großen Vorteil für ihre Karriere darstellen. Seit der WM 2006 hat sich die Einstellung der Bundesliga-Klubs gegenüber der Jugend dahingehend geändert, dass die jungen Spieler mehr Spielzeit bekommen und sich langsam entwickeln können. Immer mehr junge Spieler machen hier ihre erste wirkliche Erfahrung auf hohem Niveau, deshalb können sie in der Bundesliga vielleicht besser werden als irgendwo anders.
