HINTERGRUND
Ist das gerade wirklich passiert? Auch Stunden nach Abpfiff des 173. Revierderbys zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 verspürte man immer wieder das Bedürfnis, sich verwundert die Augen zu reiben. Egal ob die 82.000 Zuschauer im Stadion, Millionen vor den Bildschirmen oder die Protagonisten auf dem Rasen, so ganz konnte niemand glauben, was sich am Samstagnachmittag im Ruhrpott abspielte. Doch was für manch einen Schalker wirkt wie ein alkoholisierter Traum, ist wirklich Realität.
Die Analyse: Derby-Wahnsinn! Schalke holt beim BVB nach 0:4 ein 4:4
"Hätte man die Geschichte des Spiels in einem Buch niedergeschrieben, hätte sich jeder nur an den Kopf gegriffen und gefragt, was das für ein Schwachsinn ist", verglich der strahlende Ralf Fährmann, der wie alle anderen Schalker nicht mit Superlativen geizte und vom "puren Wahnsinn" sprach. Anders kann man den irrwitzigen Spielverlauf tatsächlich nicht erklären, schließlich gelang den Gelsenkirchenern etwas, das in den letzten 41 Jahren niemandem in der Bundesliga gelang: Sie holten einen 0:4-Rückstand auf.
Geläufige Floskeln wie "das hat niemand für möglich gehalten" hört man in den Interview-Zonen der Bundesligaspiele an jedem Wochenende, doch selten steckte in dieser Aussage so viel Wahrheit wie am Samstagnachmittag in Dortmund. "Nach einer halben Stunde habe ich mir gedacht 'mein Gott, lass es endlich vorbei sein", gab S04-Sportvorstand Christian Heidel nach Schlusspfiff zu und gestand, nicht im Entferntesten damit gerechnet zu haben, die Partie noch zu drehen.
"Wir geben niemals auf, egal was passiert"
Ähnlich sah es auch Trainer Domenico Tedesco, der während der Pausenansprache gar nicht daran dachte, vorgetäuschten Optimismus in Bezug auf einen Punktgewinn zu verbreiten. "Ich hätte niemals daran geglaubt", gab er zu. "Das ausgesprochene Ziel war, die zweite Halbzeit zu gewinnen. Wenn man bei einer solchen Atmosphäre 0:4 zurückliegt, kann man charakterlich nur wachsen. Das macht dich stark."
Motiviert und auf Schadensbegrenzung aus, kamen die Knappen mit einer komplett anderen Körpersprache aus der Kabine als noch im ersten Durchgang. Während vor der Pause noch die Mehrzahl an Zweikämpfen verloren ging, entschied Schalke in der zweiten Halbzeit rund zwei Drittel der Duelle für sich und zeigte dabei vor allem eines: Charakter. "Wir geben niemals auf, egal, was auf dem Platz passiert", machte auch Matija Nastasic klar, der zur Pause für den Gelb-Rot-gefährdeten Thilo Kehrer ins Spiel gekommen war.
Neben der Einwechslung des serbischen Innenverteidigers zeigte auch Tedescos außergewöhnliche Maßnahme, bereits in der 32. Minute doppelt auszutauschen, Wirkung. Denn vor allem Amine Harit legte eine Galavorstellung hin. Es ist nur eine von vielen Geschichten, die diese außergewöhnliche Partie schrieb, doch gerade die Leistung des jungen Franco-Marokkaners zeigt, wie aufopferungsvoll Königsblau für das Comeback kämpfte. "Wir haben ihn gebracht, obwohl er noch nicht bei 100 Prozent war. Bei Stand von 0:4 reinzukommen ist nicht einfach – Riesenkompliment", lobte Tedesco.
Goal
Amine Harit und Naldo werden zu Derbyhelden
Denn obwohl Harit von seiner Statur eher an einen Schüler als einen Bundesligaprofi erinnert, war sich der technisch versierte Mittelfeldspieler für keinen Zweikampf zu schade und entschied bärenstarke 63% seiner direkten Duelle für sich – sechs Mal wurde er zudem strafwürdig von den Beinen geholt, was weitreichende Folgen hatte. Zum einen im Notizblock des Schiedsrichters, da beispielsweise Pierre-Emerick Aubameyang nach seinem Einsteigen gegen den 20-Jährigen Gelb-Rot sah, zum anderen auch an den Knochen des Schalkers.
Besonders böse erwischte ihn Gonzalo Castro an der Wade, was zur Folge hatte, dass der Nationalspieler Marokkos minutenlang behandelt werden musste. "Die Wade sieht fürchterlich aus", bestätigt Heidel, doch trotz Schmerzen und einer schweren Prellung schleppte sich Harit in der Schlussphase zurück auf den Platz und half nicht nur wegen seines Treffers zum zwischenzeitlichen 2:4 dabei mit, das Comeback noch zu schaffen. "Die letzten zehn Minuten waren sehr hart für mich, da ich meine beiden Beide nicht mehr gespürt habe", erklärte der 20-Jährige. "Doch ich wusste, dass wir nicht mehr wechseln durften. Ich konnte zwar nicht mehr viel laufen, aber für die Mentalität ist war es ungemein wichtig, denn mit mir waren wir wieder in Überzahl."
Diese Überzahl wurde schlussendlich durch die Treffer von Daniel Caligiuri (86.) und Naldo (90.+4) ausgenutzt, was eine königsblaue Eskalation im Feindesland zur Folge hatte. "Es wird in die Geschichte eingehen. Einen solchen Tag werde ich nie wieder vergessen", kam Goalgetter Naldo nach seiner Gefühlsexplosion vor dem Gästefanblock ins Schwärmen.
"Es war mein 50. und mein verrücktestes Derby", gestand auch S04-Vorstandsboss Clemens Tönnies, der während der gesamten 90 Minuten im Fanblock zusammen mit Nachwuchsstürmer Fabian Reese im Fanblock stand. Spätestens in einer ruhigen Minute während der von Tönnies angekündigten Feier, wird sich auch der Fleischfabrikant kneifen müssen und sich fragen: Ist das wirklich passiert?




