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Denilson: Der Samba des Versagens

16:30 MESZ 09.08.17
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Mit unglaublichem Talent gesegnet, avanciert Denilson einst zum teuersten Spieler aller Zeiten. Im Anschluss erlebt er einen beispiellosen Absturz.

HINTERGRUND

Reges Treiben am Flughafen von Rio de Janeiro, Reisende warten auf den dafür vorgesehenen Bänken, andere geben ihr Gepäck auf, geschäftstüchtige Anzugträger eilen zu ihrem Anschlussflug. Inmitten des alltäglichen Trubels sind einige bekannte Gesichter zu erkennen: Ronaldo, damals noch mit der Figur eines Spätneunziger-Mittelstürmers, Cafu, Roberto Carlos und ein schmächtiger Trickser, dem nach Ronaldo die meiste Zeit des anderthalbminütigen Spots zuteil wird: Denilson de Oliveira Araujo, kurz Denilson.

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Leichtfüßig dribbelt sich der Jungspund übers Rollband, vernascht etliche verdutzte Flughafengäste, um seine Show mit einem verschmitzten Lächeln abzuschließen. Untermalt wird das Ganze mit dem brasilianischen Song "Mas que nada", zu Deutsch "Was soll’s?" von Sergio Mendes, der – passend zur Darbietung der brasilianischen Superstars - davon handelt, dass der Lied-Protagonist Samba tanzen möchte. Mehr brauchte es vor rund 20 Jahren nicht, um einen herausragenden Werbefilm zu drehen. Kein Special-Effect-Schnickschnack, nur eine Handvoll namhafter Fußballer, die sichtlich Spaß daran hatten, ihrem Hauptsponsor Nike eine gelungene Marketingmaßnahme zu bescheren.

Insbesondere eben jenem Denilson kauft man die Performance ab. Der Edeltechniker steht sinnbildlich für Spaßfußball, für Samba. Damals, im Jahre 1998, kurz vor der Weltmeisterschaft in Frankreich, ahnte wohl niemand, dass dem wohl größten Versprechen der Selecao keine Weltkarriere bevorstand, sondern vielmehr der Ruf eines Bajazzos anhaften sollte.

Nach dem Turnier in Frankreich, das die brasilianische Nationalmannschaft als Vizeweltmeister abschließt, wechselt Denilson von seinem Heimatklub Sao Paulo FC zum spanischen Erstligisten Real Betis nach Sevilla. Mit einer Ablöse von etwa 62 Millionen Mark avanciert er zum bis dato teuersten Fußballer aller Zeiten. Auch die Laufzeit des Vertrages über zehn (!) Jahre, den Denilson bei den Andalusiern unterschreibt, ist rekordverdächtig. Doch nach nicht mal einer Saison ist bereits klar, dass es sich bei dem Mega-Deal um ein riesiges Missverständnis handelt.

Die renommierte französische Sportzeitung L’Equipe konstatiert schon nach kurzer Zeit, dass oben genannter Werbespot "seine bisher gelungenste Rolle" sei. Der schüchterne Denilson gesteht kurz darauf: "Ich traue mich nicht, meine Mitspieler anzusprechen, weil ich nicht weiß, ob sie Lust haben, mit mir zu reden."

Der Hochbegabte sieht sich vermehrt mit Kritik konfrontiert, will gleichwohl aber nichts an seiner Einstellung ändern. "Ich wurde geholt, um zu zaubern. Das werde ich auch weiterhin tun", gibt Denilson zu Protokoll, nicht gewillt, sich an die harten Gepflogenheiten der spanischen Beletage anzupassen. Seine zweite Saison bei Betis wird zum Desaster, steigen die Südspanier doch aus der Primera Divison ab. Grund genug für den wohl größten Transfer-Irrtum, in seine Heimat zu flüchten und auf Leihbasis bei Flamengo anzuheuern.

Elfmal kommt Denilson beim Traditionsverein aus Rio de Janeiro zum Einsatz, erzielt während seiner Zeit an der Copacabana drei Treffer. Seine anschließende Rückkehr auf die iberische Halbinsel verläuft dann etwas besser, Betis gelingt der Sprung zurück ins Oberhaus, 2005 qualifizieren sich die Verdiblancos sogar für die Champions League. Zu diesem Zeitpunkt ist Denilson allerdings schon längst auf dem Abstellgleis gelandet, hat keinen nennenswerten Anteil am größten internationalen Erfolg der Klubgeschichte.

PSG-Boss telefonierte mit Mbappe

Der einstige Emporkömmling ist bereits in der Versenkung verschwunden, als er sein zweites und vorerst letztes europäisches Abenteuer bei Girondins Bordeaux beginnt. Auch die Franzosen haben schon bald keine Verwendung mehr für den mittlerweile 28-Jährigen. Was nach seinem Intermezzo beim Ligue-1-Klub folgt, liest sich wie eine Chronik des Scheiterns: Al Nasr Riad (Saudi Arabien), FC Dallas (USA), Palmeiras (Brasilien), Itumbiara (Brasilien) – egal, wo Denilson aufschlägt, länger als ein Jahr hält er es nirgendwo aus.

Good Morning, Vietnam

Den traurigen Höhepunkt erlebt die Laufbahn des Brasilianers, die so vielversprechend begonnen hatte, im Jahr 2009. Der 63-malige Nationalspieler heuert dank einer finanzkräftigen vietnamesischen Zementfabrik bei Xi Mang Hai Phong in Südostasien an. Denilson soll gleichermaßen als sportliches sowie wirtschaftliches Aushängeschild dienen. Ein in die Jahre gekommenes Statussymbol in einer Liga, die ihrerseits keinerlei Statussymbolik ausstrahlt.

Selbstverständlich ist sein Engagement in Vietnam eng mit einem lukrativen Vertrag verknüpft. 12.000 Euro pro Spiel sowie 5.000 Euro pro Tor lässt sich Hai Phong seinen Neuen kosten, der über den Wechsel sagt: "Ich weiß nichts über den vietnamesischen Fußball. Ich bin hier wegen meiner Leidenschaft für den Fußball."

Besagte Passion für das runde Leder muss allerdings zunächst ruhen, weil Denilson gleich zu Beginn seines Vietnam-Gastspiels verletzungsbedingt pausieren muss. Der Ausfall animiert die gemeinhin als gewaltbereit geltenden Anhänger Hai Phongs Sitzschalen anzuzünden und diverse Gegenstände aufs Spielfeld zu feuern. Um die Fans zu beschwichtigen verspricht Denilson in einem öffentlichen Statement, dass er "ihnen noch wunderbare Augenblicke und Spiele bringen werde und noch lange in Vietnam bleiben will."

Mangelnder Wille und Karriereende

Nach seiner überstandenen Verletzung oder vorgetäuschten Blessur erzielt Denilson sofort bei seinem ersten Auftritt einen Freistoßtreffer, wird zur Pause aus dem Spiel genommen und löst seinen Vertrag daraufhin auf. Die letzte Station des Weltenbummlers ist der griechische Erstligist AO Kavala, wo es nach vier Monaten zu einer erneuten Vertragsauflösung kommt. Mangelnder Wille, seinen desolaten Fitnesszustand zu verbessern, zwingen die Verantwortlichen der Hellenen Denilson vor die Tür zu setzen, ohne auch nur eine Minute von dem Ex-Superdribbler profitiert zu haben. Gleich darauf beendet Denilson seine Karriere als Profi-Fußballer.

"Wenn alles andere versagt, tanze Samba", lautet ein brasilianisches Sprichwort. Denilson wollte seine Zuschauer immer begeistern, wartete mit Übersteigern und Kabinettstückchen auf, die ihresgleichen suchten. Ist der Leitspruch als Mutmacher zu verstehen, das Leben leicht und locker zu nehmen, schlägt er in Denilsons Fall ins Gegenteil – wenn alles andere versagt, dann reicht es im harten Geschäft namens Profifußball nicht aus, Samba zu tanzen, ausschließlich auf Leichtigkeit zu setzen.

Denn dann bleibt man den Menschen lediglich in Erinnerung als einer, dem alle Türen offenstanden, dessen mangelnde Einstellung aber alle Chancen zunichtemachte. Letztlich tanzte Denilson während seiner Karriere einen ganz speziellen Samba, den Samba des Versagens.