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Xhaka vs. Xhaka: Bruder-Duell der besonderen Art

Normalerweise sind die Spieltage der Söhne im Hause Xhaka ein Festtag. Dann sitzen Vater Ragip und Mutter Elmaze vor dem Fernseher in der Basler Wohnung und platzen vor Stolz. Oft sind Freunde der Familie eingeladen, es wird zusammen gegessen, geflucht und gejubelt.

Am Samstagnachmittag aber wird es anders sein. Denn dann treffen die Söhne direkt aufeinander. Der Ältere, Taulant, wird den Platz in Lille mit dem Trikot Albaniens betreten, der Jüngere, Granit, mit dem der Schweiz. Und das nicht in einem Freundschaftsspiel, sondern bei der EM-Endrunde in Frankreich.

Es sei ein "Scheißgefühl“, lief Granit nach der Auslosung verlauten. "Das haben wir uns als Letztes gewünscht.“ Und Taulant: "Natürlich ist das speziell. Da schaue ich schon, falls er sich beispielsweise den Ball zu weit vorlegt, dass ich ihn nicht umfräse oder weiß Gott was."

Die Xhakas schreiben Geschichte

Dass das Umfräsen ausbleibt, hofft man auch bei den Xhakas, die das Spiel nicht wie gewohnt vor dem Fernseher verfolgen werden, sondern vor Ort. Natürlich! Schließlich trägt sich Historisches zu: Zum ersten Mal treffen bei einer Endrunde zwei Brüder mit unterschiedlichen Ländern aufeinander. 2010, bei der WM in Südafrika, duellierten sich die Boatengs, Jerome und Kevin-Prince, die aber nur Halbbrüder sind.

"Wir haben die gleiche Mama und den gleichen Papa. Es wird sicher viele Zweikämpfe zwischen uns geben. Wenn der albanische Coach für Tauli Manndeckung auf mich anordnet, hätte ich keine Freude“, sagt Granit, für den es noch mehr als für seinen Bruder etwas Besonderes ist.

Denn Taulant war immer sein Vorbild. Der Ältere. Und auch der bessere Fußball, wie der Bald-Gunner immer wieder betont. Taulant war es, der seinem Bruder Mut zusprach, als der sich mit 19 das Kreuzband riss. Und Taulant war es, der seinen 18 Monate jüngeren Bruder unter seine Fittiche nahm, als das Duo jung bei Concordia Basel mit dem Fußballspielen begann.

Teuerster Schweizer aller Zeiten

Die 1990 aus dem kosovarischen Pristina geflohenen Eheleuten wollten ihre Jungs "von der Straße weghalten“, wie Elmaze erzählt – und der Plan ging auf. Beide sind heute Profis, Mittelfeldmotoren in ihren Nationalmannschaften. Leistungsträger in den Klubs. Granit gar so sehr, dass Arsenal 45 Millionen Euro für seine Dienste bezahlt und ihn zum teuersten Schweizer aller Zeiten macht.

Und genau hier ist man beim großen Unterschied zwischen den beiden. Granit war der Musterschüler, der hart arbeitete, darauf vertraute, dass die Trainer es besser wussten als er. Taulant dagegen war der Bad Boy, der Aufbrausende. "Ich war ein Problemtyp und ließ mir nichts gefallen“, so der Sechser der Albaner.

Wie wütend er auch heute, längst reifer und erwachsener, noch werden kann, ließ sich in der schlimmen Nacht von Belgrad erahnen, als eine Drohne mit der großalbanischen Flagge auf dem Feld landete, es zu Tumulten auf dem Platz kam und die Spieler schließlich, beworfen mit Flaschen, Stühlen und Feuerzeugen, flüchteten.

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Im Gerangel war es Taulant, der die Fäuste ballte, mittendrin war, schubste und sich auch zu einem Schlag hinreißen ließ. Später postete er ein Video auf Facebook, in dem er albanischen Hip Hop hört, und auf das Wappen auf seinem Trainingsanzug deutet. "Seht her, ich habe keine Angst vor euch“, schien er sagen zu wollen. Und genau diesem Credo wird er auch am Samstag folgen, in diesem so besonderen Spiel.

"Wir spielen kein Schach, sondern Fussball. Es ist eine harte Sportart. Mit dem müssen wir beide umgehen können. Natürlich werde ich hart spielen, aber nicht unfair", macht er klar. Und auch der Schweizer Mittelfeldchef Granit sagt: "Wir werden zu 100 Prozent auf das Spiel konzentriert und fokussiert sein. Wir werden unser Spiel machen und der Bessere soll gewinnen."

Vier Albaner verdienen ihr Geld in der Schweiz, der Freiburger Amir Abrashi durchlief alle Schweizer Jugendteams und Frederic Vesili wurde 2009 mit den Eidgenossen U17-Weltmeister. Kapitän Lorik Cana wuchs, genau wie die Xhakas, in der Schweiz auf. Es ist also nicht nur im Familienkreis von Granit und Taulant ein sehr persönliches Spiel, sondern für viele Tausend Schweizer mit Wurzeln im Kosovo und in Albanien.

Familie über allem

Für 90 Minuten wird die enge Bande zwischen den Brüdern also über Bord geworfen und beide werden einfach Fußballspielen, während die Eltern auf der Tribüne mit beiden bangen werden. Wenn der Abpfiff aber ertönt, werden die Xhakas sich umarmen auf dem Rasen von Lens.

Sie werden nicht an Historisches denken, sondern sich einfach freuen, endlich mal wieder zusammen auf dem Platz gestanden zu haben. So wie einst, als sie mit Freunden auf der Straße kickten. "Früher gönnte man dem anderen beim Kicken nichts, wenn er in mit Freunden in der anderen Mannschaft war", sagt Granit lachend und wird dann ernst. "Das ist heute natürlich anders. Schließlich ist er mein Bruder und Familie ist das Allerwichtigste."

Gewettet wird natürlich trotzdem. "Wir werden uns etwas einfallen lassen“, so Taulant. Darüber lachen können sie später dann zusammen mit den Eltern im Wohnzimmer, wenn sie sich das Spiel gemeinsam noch einmal ansehen und die Anspannung gewichen ist. Wenn das Spiel der Söhne wieder ein Festtag ist. Und wenn dort auf dem Sofa einfach nur eine Familie sitzt und es völlig egal ist, wer welches Wappen auf der Brust trägt.

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