Wales mit Halbfinal-Sensation: Geboren aus einer Tragödie

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Wales feiert sensationell den Einzug ins EM-Halbfinale. Das Märchen in Frankreich begann jedoch mit einer furchtbaren Tragödie.

Wenn man die Bilder, die sich dieser Tage auf deutschen Fanmeilen zutragen, für emotional hält, dann muss man am späten Freitagabend einen Blick nach Cardiff in Wales werfen.

Fremde Menschen liegen sich weinend in den Armen. Biernasse Teenager jubeln ekstatisch mit leuchtenden Augen. Hupende Autos rasen durch die Innenstadt und sogar Rentner laufen Bierflaschen schwenkend mit der walisischen Flagge auf den Wangen durch die Straßen. Der Grund: Wales steht sensationell im Halbfinale der EM.

Sensationell deshalb, weil man trotz frühen Rückstands gegen das millionenschwere Superstar-Team der Belgier eine beeindruckend reife und couragierte Leistung hinlegte und so nach dem peinlichen Aus Englands die Fahne der Briten weiter hochhält.

Es begann mit einem Selbstmord

Die Geschichte der Drachen, die ihrem Spitznamen als bis zur Erschöpfung fightendes Team alle Ehre machten, begann mit genau gegenteiligen Gefühlen derer, die sich nun in den Straßen Cardiffs zeigten. 

Am 27. November erhängte sich der damalige Nationaltrainer von Wales, Gary Speed, in seiner Wohnung und versetzte das ganze Land in Schockstarre. Es übernahm Chris Coleman, ein wenig erfahrener Coach, der schon in Spanien und Griechenland an der Seitenlinie stand.

"Ich hatte immer davon geträumt, Nationalcoach zu werden, aber es wurde ein Albtraum", beschreibt Coleman seinen Start. Das Problem: Er war mit Speed seit seinem zehnten Lebensjahr befreundet, stand selbst unter Schock - und versagte.

"Ich versuchte, genau so zu sein wie Gary und alles genau gleich zu machen", sagt er. Das Team fiel in ein Loch, war "untrainierbar". Nach fünf Pleiten in Folge zum Start sagte seine Frau: "Verlier wenigstens mit deinen eigenen Ideen, du bist nicht mehr du."

Aufstieg der "Familie"

Und so begann nach einem blamablen 1:6 gegen Serbien das Umdenken - und der Startschuss einer märchenhaften Erfolgsgeschichte. Coleman setzte voll auf Identifikation mit dem Land, verbot auch Superstar Gareth Bale besondere Rechte. Und genau das war es, was bei vielen perfekt ankam. Denn der Schock des Ablebens von Speed saß noch tief. 

"Wir wurden wie eine Familie", so Coleman. Und die "Familie" stieg nicht nur aus dem Loch empor, sondern baute auf dem Vermächtnis Speeds auch ein nie dagewesenes Gefühl der Stärke auf.

2012 und 2014 scheiterte man noch in der Quali, 2016 war es dann so weit und Wales qualifizierte sich als Gruppenzweiter zum ersten Mal überhaupt für eine EM. Pikant: Ausgerechnet Belgien war in der walisischen Gruppe und gewann keines der beiden Spiele (0:0 und 0:1). 

Schon jetzt historisch

Der Rest ist Geschichte: Wales spielte sich in die Herzen der Fans und feierte im Regen von Lille die Sensation. "Es ist so schwer zu beschreiben", sagte der überragende Aaron Ramsey. "Wir haben so hart dafür gearbeitet. Jetzt wollen wir noch weiter kommen."

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Dafür muss im Halbfinale Portugal besiegt werden. Keineswegs eine schwerere Aufgabe als Belgien. Zumal sich Superstar Bale im Gegensatz zu Ronaldo nie zu schade ist, wie alle anderen zu fighten und zu grätschen. 

Es wäre eines dieser Märchen, die den Fußball so wunderschön machen, wenn Wales am 10. Juli nach Paris zurückkehrt und wider allen Erwartungen das größte Spiel seiner Geschichte bestreitet. 

Klar ist jetzt schon: Egal, wie es ausgeht für diese furiosen Waliser - Geschichte geschrieben haben sie schon jetzt. Und so werden sie, egal, ob erneut ekstatisch oder traurig nach ihrem letzten Spiel bei dieser verrückten EM auch an Gary Speed denken und stolz sein, nicht nur die Menschen in ihrer Heimat unfassbar glücklich gemacht zu haben.

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