Frankfurt/Main. Selten war Wrestling so präsent in den deutschen Medien wie aktuell. Und der Grund dafür heißt Tim Wiese. Ob es nun lediglich eine PR-Aktion ist oder wirklich mehr hinter den Plänen des 32-Jährigen steckt, ist angesichts des ausgelösten Hypes in Deutschland um die Entertainment-Veranstaltung schon fast zweitrangig.
Das Interesse der deutschsprachigen Fans am Produkt WWE wuchs bereits in den vergangenen Jahren immer mehr. Den Offiziellen ist das nicht verborgen geblieben und so öffnete vor gut einem Jahr das erste Büro in München seine Pforten. Ein direkterer Zugang zu den Zuschauern sollte geschaffen werden.
Deutschland soll erobert werden
Außerdem wurde 2011 der Schweizer Claudio Castagnoli, der heutzutage unter dem Namen Cesaro bekannt ist, verpflichtet. Er gab nach einem Jahr bei der Farmliga FCW letztendlich im April 2012 sein Debüt bei SmackDown. Im Jahr 2014 führte er in den deutschen Übertragungen Interviews mit seinen amerikanischen Kollegen und übersetzte diese auch in die deutsche Sprache.
Nach einem Schattendasein in der Vergangenheit erlebt das Profi-Wrestling eine zunehmende Renaissance in der Bundesrepublik. Die ProSiebenSat.1 Media AG sicherte sich im März die Rechte an RAW, SmackDown, NXT und den monatlichen PPVs (pay-per-view) und stellte die wöchentlichen Sendungen der Masse zur Verfügung. SmackDown läuft ebenso wie RAW und NXT in gekürzter Fassung im Free-TV. Kürzlich wurde bekannt, dass auch WWE Main Event, eine wöchentliche B-Show, künftig eine Sendeplatz bekommen soll.
Beim Summerslam, einer der größten PPVs des Kalenderjahres, waren im August des Weiteren wieder deutsche Kommentatoren bei einer Großveranstaltung vor Ort und nahmen am Ring Platz. Es war das erste Mal seit Wrestlemania XI im Jahre 1995.
Auch die immer größer werdende Kooperation mit der Bild wirkt sich sicherlich positiv auf die Zuschauerzahlen des Branchenprimus in den deutschsprachigen Ländern aus. Die legitime Erbin des McMahon - Vermächtnisses, Stephanie McMahon, gab der Zeitung vor einiger Zeit bereits ein Interview. Die Bilder und der Hype um Tim Wiese, die im selbigen Printmedium veröffentlicht wurden, blieben auch den WWE -Verantwortlichen nicht verborgen. Sie sahen in dem Ex-Nationalkeeper eine gute Bezugssperson für die deutschen Fans, die bislang erst einen ihrer Landsmänner in der größten Promotion der Welt begrüßen konnten.
Die Bemühungen der Promotion, in Deutschland Fuß zu fassen, sind also nicht zu leugnen und spätestens mit dem Auftritt Wieses bei der WWE "Live" Houseshow in Frankfurt ist der Plan voll aufgegangen. Das Wrestlingfieber hat auch hierzulande die Massen gepackt, doch was darf bei einer Vertragsunterzeichnung von dem ehemaligen deutschen Nationalkeeper erwartet werden?
Alex Wright, der 1994 den Sprung in die damalige Konkurrenz-Promotion WCW schaffte, spricht im Interview mit FOCUS-Online über die Show-Qualitäten des Ex-Bremers: "Da mache ich mir bei ihm gar keine Sorgen." Er fügt jedoch hinzu, dass die athletische Ausbildung "ein bis drei Jahre" benötigen könnte: "Das ist ein ganz harter Sport mit unheimlich viel Energie. Da sind Würfe und Sprünge dabei, die gefährlich sind und hartes Training erfordern."
In die gleiche Kerbe schlägt auch Rapper Eko Fresh, der den Wrestler Murat Bosporus in der deutschen Promotion GSW regelmäßig zum Ring begleitet und darüber hinaus ein großer Wrestling-Fan ist: "Du musst mindestens ein Jahr durch eine ganz harte Schule gehen."
Wiese bekommt keine Geschenke in Amerika
Tim Wiese muss sich vor allem bewusst werden, dass er den Status eines gefeierten Helden und einer großen Nummer nur hier in Deutschland innehat. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wäre er nur einer von vielen. Hierzulande mag er als kräftigster ehemaliger Torhüter bekannt sein, doch in der Wrestling-Liga wird er weder der größte noch der stärkste oder der technisch beste Wrestler sein.
Er wird in Amerika ebenso wie alle anderen Neuzugänge erst unzählige Trainingseinheiten in dem im letzten Jahr eröffneten Performance Center absolvieren müssen, bevor er dann letztlich in den Ring geschickt wird. Besonders die Ausdauer wird bei Kämpfen von längerer Dauer beansprucht und deshalb müssen die Athleten topfit sein, um eine längere Auseinandersetzung durchzuhalten. Ein prominentes Beispiel ist hierbei The Rock .
Der Publikumsliebling schickte sich 2011 nach sieben Jahren Abstinenz vom Seilgeviert an, das WWE-Universum erneut zu erobern. 2012 und 2013 kam es dann zu Aufeinandertreffen mit dem heutigen kommerziell erfolgreichsten Wrestler John Cena. In den Matches, die jeweils 30 beziehungsweise 24 Minuten dauerten, war Dwayne Johnson die fehlende Kondition deutlich anzumerken. Trotz der vergangenen Ringerfahrung konnte sich der Hollywood-Star nicht gänzlich in Topform bringen.
Einen schnellen Aufstieg ins Titelgeschehen bei den Hauptshows RAW und SmackDown wird es auch für Tim Wiese nicht geben, denn jeder neuverpflichtete Wrestler fängt nach den angesprochenen Trainingseinheiten und der Gewährleistung einer sicheren Move-Ausführung in der eigenen Entwicklungsliga, namentlich WWE NXT, an. Nur die Wrestler, die sich dort beweisen, schaffen den Sprung in die Hauptshows.
Kassius Ohno beispielsweise, besser bekannt unter seinem vorherigen Ringnamen Chris Hero, war ein gefeierter Independent-Wrestler, der sich bei NXT trotz großer Zustimmung der Fans nicht durchsetzen konnte. Gute Technik und viel Charisma zeichneten ihn aus, doch den Verantwortlichen fehlte bei ihm der unbedingte Wille und die Motivation.
Manager für Wiese?
Es ist also deutlich erkennbar, dass die seit 1952 bestehende Corporation nicht davor zurückschreckt, beliebte Wrestler wieder zu entlassen, sofern sie sich nicht den Erwartungen entsprechend verhalten. Nichtsdestotrotz passt Wiese genau ins Profil, denn die Liga und nicht zuletzt Besitzer Vince McMahon bevorzugen große und muskulöse Wrestler, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Wrestling besteht aber nicht nur aus dem körperlichen Aspekt, sondern auch die Fertigkeit am Mikrofon ist ein wesentlicher Bestandteil. Fehlende Micwork-Fähigkeiten sind in der WWE aber zu verkraften, denn oftmals werden Wrestlern sprachgewandte Manager an die Seite gestellt, die anstelle ihres Schützlings das Wort ergreifen und die Promos halten.
Beste Beispiel dafür ist der Titelträger der WWE World Heavyweight Championship Brock Lesnar, der mit einer imposanten Statur und Brutalität einzuschüchtern weiß und mit Paul Heyman einen der wortgewandtesten Männer im Profi-Geschäft als Unterstützung bei sich hat.
Der deutsche Hulk Hogan?
Sollte sich Wiese allen Widrigkeiten zum Trotz in der Liga etablieren und sich einen festen Platz in der Mid-Card sichern können, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine oftmals verwendete Storyline auf ihn zugeschnitten. Ins Titelgeschehen um den WWE United States Championship, dem zweit- bzw. drittwichtigsten Titel der Promotion, greifen immer wieder Nicht-Amerikaner ein, die sich negativ über die USA äußern. Der Hass der patriotischen Fans ist dem Fremdling gewiss und so zieht die Geschichte große Pops. Momentan wird genau so etwas mit dem dem Wrestler Rusev, der als Russe und Verehrer Putins dargestellt wird, gemacht.
Als Deutscher ist der gebürtige Bergisch-Gladbacher somit eigentlich prädestiniert, sich das US-Gold als Heel um die Hüfte zu spannen und mit fragwürdiger Charakterzeichnung seitens der Company viel Heat auf sich zu ziehen.
Mit aller Vorsicht und dem Hinweis auf ein Hinken des nachfolgenden Vergleichs bleibt zu erwähnen, dass Tim Wiese eine Art "Deutscher Hulk Hogan“ werden könnte. Er wird zwar niemals den Stellenwert eines Hogans erreichen, aber auf Deutschland bezogen könnte er als Identifikationsfigur dienen. Der Hulkster war in den USA insbesondere während der 80er/90er-Jahre ein Idol für das gesamte Land und als einer der wenigen, wenn nicht als einziger Wrestler, größer als die Company beziehungsweise die Unterhaltungsart an sich.
Dass Wiese höchstwahrscheinlich kein Idol der Massen wird, ist absehbar, aber sein Stellenwert in Deutschland könnte bereits über dem des Wrestling liegen. Die Antwort auf die Frage nach der Kenntnis von Wrestling könnte nach einer Etablierung Wieses in der WWE demnach ungefähr so lauten: "Wrestling? Ist das nicht das, was Tim Wiese macht/gemacht hat?"
Und vielleicht sind in einigen Jahren bei den Veranstaltungen der Promotion dann folgende Worte aus dem Ring zu vernehmen: "Whatcha gonna do, Brother, when Wiesemania runs wild on you?"
