Sie alle haben den gleichen Traum: am 10. Juli in Paris die Coupe Henri-Delaunay in die Luft zu recken. Trotz des Gruppensiegs läuft es bei EM-Gastgeber Frankreich noch nicht so rund, wie Trainer Didier Deschamps es sich wünscht. Zweimal sorgten späte Tore für den Dreier. Der Rhythmus scheint noch nicht so ganz gefunden, was auch die vielen Wechsel des Coaches zeigen.
In der K.o.-Runde sollen drei Männer dafür sorgen, dass die Aktionen auf dem Rasen besser ineinandergreifen. Kurz: dass das Spiel flüssiger läuft. Paul Pogba, Blaise Matuidi und N'Golo Kante heiße die Kommandeure der Grande Nation - sie sollen den Traum von Paris wahr machen. Goal analysiert die Rollenverteilung des Trios genauer.

Dass alle drei auflaufen, scheint gar nicht zu 100 Prozent gesichert. denn nur im ersten Spiel gegen Rumänien bot Deschamps sie alle auf. Gegen Albanien versuchte er sich an einem 4-2-3-1, stellte aber zur Pause wieder auf das 4-3-3/4-1-4-1 der Auftaktpartie um. Gegen die Schweiz wurde dann kräftig rotiert und Yohan Cabaye und Moussa Sissoko standen in der Startelf.
Wenn es ernst wird, scheint aber alles dafür zu sprechen, dass die Equipe im gewohnten 4-3-3/4-1-4-1 aufläuft. N'Golo Kante gibt den tiefliegenden Sechser, Blaise Matuidi den linken und Paul Pogba den rechten Achter. Nominell fungiert Kante als erste Anspielstation, Pogba und Matuidi besetzen die Halbräume und rücken situativ auf die Außenpositionen, wenn die Außenverteidiger anschieben.

SPIELAUFBAU:
Im Aufbau lässt sich Kante tief fallen, um mit klaren, oft horizontalen Bällen das Spiel zu strukturieren. Matuidi ist derweil im linken Zwischenraum postiert, bereit, die erste Pressinglinie des Gegners zu überwinden und die Außen einzusetzen oder selbst Meter zu machen. Pogba auf der anderen Seite agiert in einem Mix aus Fallenlassen und Tiefgehen. Ersteres soll seine Bewacher mitziehen, zweiteres Lücken reißen, Unordnung stiften.
Lange Diagonalbälle werden selten eingeschoben. Wenn dann ist es Matuidi, der einen schnellen und weiten Seitenwechsel einstreut. Kante besticht durch kurze Pässe und Pogba versucht bisweilen, Chancen mit eigenen Dribblings zu kreieren, was bisher bei der EURO aber nicht wirklich gelang. Pogba versuchte zudem, durch Überladungen der rechten Angriffsseite Überzahlspiel zu schaffen.
POSITIONSSPIEL:
Im Spiel selbst gestaltet sich die Anordnung der Drei in der Mitte asymmetrisch. Matuidi rückt mehr ins Zentrum ein, während Pogba sich in die rechte Spielfeldseite begibt. Der Grund: Im Spiel gegen Rumänien agierten auf Dimitri Payet (links) und Antoine Griezmann (rechts) nicht symmetrisch. Griezmann rückte immer wieder rein, sodass Bacary Sagna den rechten Flügel besetzte und Paul Pogba im Rückraum folglich die Lücke im Rücken des Außenverteidigers schloss.
Matuidi auf der anderen Seite besetzte dagegen das halblinke Zentrum, und das offensiver als Pendant Pogba. Denn erstens ist er im Pressing stärker, und so näher am Ort des Gegenpressings, und zweitens kann er durch Payets und Evras Verhalten den Rückraum ganz für sich beanspruchen. Kante bleibt auf seiner zentralen Position im zweiten Drittel, bereit, schnell alle drei potenziell gefährdeten Zonen zu verteidigen.
Bei eigenem Ballbesitz stehen alle drei sehr hoch und engmaschig. Pogba ist allerdings der Einzige, der mit seinen raumgreifenden Schritten immer wieder in die Spitze stößt und im Strafraum auftaucht. Gegen Albanien verpasste er so nach einer Payet-Flanke von links am zweiten Pfosten nur knapp. Der Juve-Star sucht zudem immer wieder den Weg auf die Zehnerposition, um mit seinem tollen Schuss abzuschließen oder einen Doppelpass zu suchen.
ABSICHERN:
Der Gastgeber versucht bei Ballverlusten, das Leder so schnell wie möglich wieder zurück zu erobern. Hierzu rückt das Mittelfeldtrio weit auf und macht die Spielfeldmitte eng. Gerade Kante ist mit seiner Antizipation Gold wert. Wird er allerdings überspielt, bieten sich dem Gegner weite Räume (siehe Probleme).
Matuidis hervorragendes Raumverständnis auf der linken Seite sorgt dafür, dass viele Aktionen des Kontrahenten schon im Keim erstickt werden können. Pogba hat den Rückraum oft im Blick und kann erste Pässe des Gegners nach Ballverlusten mit seinem großen Radius früh abfangen.
GoalIn der 54. Minute der Partie sahen die Zuschauer im Stade Velodrome eine Szene, wie sie Deschamps von seinen Mittelfeld-Chefs sehen will. Nachdem Albanien den Ball erobert hatte, machte Frankreich das Spiel sofort eng. Kante eroberte mit toller Antizipation etwa 15 Meter vor dem albanischen Tor den Ball und hatte so plötzlich die entblößte Kette der Gäste vor sich.
Matuidi legte den Ball sofort wieder ab auf Kante, was zwei Albaner aus der Kette zog, die Matuidi und Kante gemeinsam unter Druck setzen und den Raum engstmöglich machen wollten. Das entblößte aber den linken Flügel, auf dem Kante Kingsley Coman genau im richtigen Moment bedient, der plötzlich Platz hatte. Seine Flanke setzte Olivier Giroud in der Mitte nur knapp rechts neben das Gehäuse.
Pogba lauerte derweil in perfekter Position im Rückraum, um einen etwaigen abgewehrten Ball abzufangen oder gar von Coman bedient zu werden. Auch wenn die Aktion nicht von Erfolg gekrönt war, einte sie starkes Gegenpressing, gute Raumbesetzung und schnelles Umschalten, also drei Eigenschaften, die moderne Mittelfeldzentren ausmachen.
GoalWie bereits oben beschrieben, gestaltet sich die hohe Ausrichtung im Gegenpressing von Kante bisweilen als Risiko. Hinter ihm gibt es keine Absicherung mehr. Verschätzt er sich - was zugegeben selten vorkommt - hat Frankreich ein Problem. Problematisch sind zudem die Ausflüge Pogbas, der dann oft zu langsam wieder hinter dem Ball ist und sein Team so in die Bredouille bringt.
Schwierigkeiten bereitete zudem die Abstimmung mit den offensiven Außenverteidigern. Gerade Pogba rückte entweder zu spät oder zu schnell auf den rechten Flügel, ohne das Geschehen in seinem Rücken im Blick zu behalten. Im Aufbauspiel fehlt es zuweilen an Ideen und an Tempo. Pogba ist kein klassischer Passspieler und die anderen beiden keine Männer für die besonderen Momente.
GoalFrankreich hat mit Pogba, Matuidi und Kante eines der weltweit besten Mittelfeldtrios in den eigenen Reihen. Die Abstimmung allerdings ist ausbaufähig. Auch die Rückwärtsbewegungen bereiten Deschamps noch Kopfschmerzen.
Das Potenzial, die Grande Nation zum Titel zu führen, hat man aber auf jeden Fall. Denn mit Kante als aggressivem Antizipations-Monster, Matuidi als dynamischem Raumdeuter und Pogba als Mann für das Besondere ergänzen sich die Drei gut und sind in ihren Stärken jeweils zu den Weltbesten zu zählen.


