GFX Stephan SchröckGetty Images / Goal

Stephan Schröck im Interview: "Wir hatten Angst um unser Leben"


EXKLUSIV


Im Januar 2019 führte Stephan Schröck die Philippinen beim Asien Cup als Kapitän an – eine Tatsache, mit der zu Beginn seiner Karriere wohl niemand gerechnet hätte. Statt für das asiatische Heimatland seiner Mutter spielte er in der Jugend für sämtliche Juniorenauswahlmannschaften des DFB.

Seit inzwischen drei Jahren lebt der gebürtige Schweinfurter mit seiner Frau und seinen zwei Kindern auf den Philippinen und hat dort sowohl sportlich als auch menschlich eine Menge erlebt. Von der veränderten Wahrnehmung der Nationalmannschaft bis hin zu einem Fast-Schiffbruch auf dem Indischen Ozean.

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Im Interview mit Goal und SPOX  spricht Schröck unter anderem über kuriose Auswärtsfahrten auf die Malediven und nach Nordkorea, bei denen er Angst um sein Leben hatte. Zudem äußert er sich zu seinen wilden Zeiten als Jungprofi und seinem Leben in Südostasien.

Stephan, mit 18 waren Sie DFB-Juniorennationalspieler und standen zusammen mit Kevin-Prince Boateng und Manuel Neuer auf dem Platz. Inzwischen sind Sie Kapitän der philippinischen Nationalmannschaft. Wie würden Sie Ihre Karriere in einem Satz beschreiben?

Stephan Schröck: Meine Karriere ist einfach schröckylike. (lacht) Ich bin sehr zufrieden mit dem, was dabei herumgekommen ist, wenn man bedenkt, wie ich gelebt habe und aus welchen Verhältnissen ich komme.

Wie meinen Sie das?

Schröck: In meinen ersten Profijahren habe ich nicht wirklich wie ein Profi gelebt, war viel draußen und habe wenig auf mich geachtet – um es vorsichtig zu formulieren. Ich habe in meiner Jugend viel Mist gebaut, war zu viel feiern und mit den falschen Leuten unterwegs. Rückblickend war ich einfach zu viel Kind, um zu verstehen, was es bedeutet, Fußballprofi zu sein. Es fiel mir als gefeiertes Talent sehr schwer, auf dem Boden zu bleiben.

Gab es einen Wendepunkt?

Schröck: Die Wende kam mit Bruno Labbadia, der mich in Fürth in den ersten Monaten einmal durch die Waschstraße geschickt hat. Er hat mich komplett links liegen lassen und mir knallhart gesagt, dass ich abstürzen werde, wenn ich nicht anfange, den Fußball und mein Leben ernst zu nehmen. Es ging um Dinge wie meine Lebensweise, Ernährung, Ausdauer und Schlafenszeiten. Aus dieser Zeit habe ich sehr viel mitgenommen, was mir auf meinem Weg geholfen hat.

Dieser Weg hat Sie bis auf die Philippinen verschlagen. Wie haben Sie Ihre erste Länderspielreise in Erinnerung?

Schröck: Wir haben in der WM-Qualifikation auf den Malediven gegen Sri Lanka gespielt und es war das totale Kontrastprogramm zur 2. Bundesliga. Die Vorbereitung, Organisation und Bedingungen waren meilenweit vom deutschen Standard entfernt, doch ich habe diesen Schritt nie bereut.

Klingt nach einem echten Kulturschock.

Schröck: Kulturschock trifft es ganz gut. Wenn man gewohnt ist, unter den bestmöglichen Bedingungen zu trainieren, muss man sich an die Struktur auf den Philippinen erst einmal gewöhnen. Doch die Freundlichkeit und die Leidenschaft, die meine Teamkollegen schon damals an den Tag gelegt haben, haben mich von der ersten Minute an gepackt. Deshalb habe ich nie angefangen zu heulen, wenn der Platz scheiße oder der Trikotsatz mal wieder nicht komplett war.

Was genau läuft sonst noch anders als in Deutschland?

Schröck: Wenn man beispielsweise auf Sri Lanka spielt, kann man davon ausgehen, dass auf dem Platz normalerweise Cricket gespielt wird, was bedeutet, dass die Mitte des Feldes eher an Beton als an Rasen erinnert. Es gibt noch hunderte weitere Kleinigkeiten, die anders sind als in Deutschland, aber darüber habe ich nie wirklich nachgedacht.

Collage PhilippinenGoal

Gibt es dennoch eine besonders kuriose Geschichte?

Schröck: Erst Ende 2018 haben wir im Südostasien Cup gespielt. Beim ersten Training in der Vorbereitung hatte unser Mannschaftsbus mitten auf dem Highway eine Panne und wir mussten mit Taxis zurück zum Hotel fahren. Zwei Tage später wurden wir auf dem Weg zum Training informiert, dass das Flutlicht am Trainingsplatz nicht funktioniert. Wir sind trotzdem zum Platz gefahren, haben 15 Minuten vor Sonnenuntergang trainiert und sind bei Einbruch der Dunkelheit zurück zum Hotel gefahren. Stellen Sie sich das mal beim DFB vor.

Wie präsent ist Fußball auf den Philippinen in den Medien und der Gesellschaft?

Schröck: Seit dem Südostasien Cup ist die Nationalmannschaft im Fernsehen wieder präsent. Die politische Lage im Land ist kompliziert, weshalb zwischenzeitlich regelmäßig über die Liga berichtet wird, dann aber monatelang gar nicht, obwohl die Finalspiele stattfinden. Die genauen Gründe kann niemand von uns nachvollziehen. Während des Asien Cups im Januar war der Fußball auf den Philippinen aber allgegenwärtig.

Wie populär ist man als Fußballer auf den Philippinen?

Schröck: In Bacolod City auf Negros, wo ich lebe und spiele, sind wir Lokalhelden und werden erkannt. In einer 20-Millionen-Metropole wie Manila hat man als Fußballer aber seine Ruhe, was allerdings nicht immer so war. Als ich 2011 für die Nationalmannschaft debütiert habe, waren wir Nationalspieler wie Popstars. Wir wurden von Fans belagert, egal wo wir waren. Im Starbucks mussten wir den Notausgang nehmen, damit wir diesen Laden irgendwann wieder verlassen konnten. Es war unbeschreiblich. Zu dieser Zeit waren unsere Spiele ausverkauft und es standen zusätzlich tausende Fans ohne Ticket vor dem Stadion. Doch dann kam der Bruch.

Inwiefern?

Schröck: Ich weiß nicht genau, woran es lag. Nachdem ich rund sechs Monate verletzt ausgefallen bin, interessierte die Nationalmannschaft plötzlich fast niemanden mehr. Die Ticketpreise wurden angehoben und das Team wurde medial nicht mehr vermarktet, sodass kaum noch jemand ins Stadion ging. Statt 20.000 Zuschauern waren sechs Monate später nur noch 150 Zuschauer im Stadion.

Obwohl Sie nur 33 Länderspiele gemacht haben, waren abenteuerliche Reisen nach Indien, Malaysia, Singapur oder Nordkorea dabei. Was haben Sie dort erlebt?

Schröck: Als mich der Verband für ein Spiel in Indien nominiert hat, stand auf der Einladung dick und fett, dass ich unbedingt Malaria-Tabletten mitbringen muss, falls ich dort gestochen werden. Was auf den Malediven passiert ist, werde ich allerdings nie vergessen. (lacht)

Was ist dort passiert?

Schröck: Dort ist es ganz normal, dass wir mit dem Boot zum Stadion fahren. Vor unserem ersten Gruppenspiel im Südostasien Cup sind wir in einen Sturm geraten und unser Boot war zu klein, sodass wir mitten auf dem Ozean auf ein größeres Boot umsteigen mussten. Es war wie im Film und wir hatten Angst um unser Leben. Bei Sturm, Blitz und Donner sollten wir dann einzeln auf das größere Boot übersetzen, doch hatten keine Chance, da jeder von uns bei diesem Wellengang ins Wasser gefallen wäre. Als wir dann endlich angekommen waren, konnten drei von uns nicht spielen, weil sie sich die ganze Zeit übergeben mussten.

Wie war es in Nordkorea?

Schröck: Es war verrückt. Es gab kein Internet und man hatte praktisch keinen Kontakt zur Außenwelt. Nach unserer Ankunft haben wir uns als Mannschaft zusammen für 100 Dollar einen 15-Minuten-Zugang zum Internet gekauft, damit wir alle Lebenszeichen an unsere Familien senden konnten. Als wir zweieinhalb Stunden vor unserem Spiel im Stadion in Pjöngjang ankamen, war es mit 50.000 Menschen schon komplett voll und die Zuschauer probten Choreografien auf der Tribüne.

War es beängstigend, sich in Nordkorea aufzuhalten?

Schröck: Die ersten Stunden hat man sich dort wirklich sehr fremd gefühlt. Wir wurden an der Grenze komplett kontrolliert und mussten sogar unsere Handys und Laptops anschalten und zeigen, was für Dateien darauf sind. Es war sehr streng, doch die Nordkoreaner waren alle sehr freundlich zu uns. Aber natürlich hat man Angst, einen Fehler zu machen und in ein Fettnäpfchen zu treten.

Mussten Sie dort spezielle Verhaltensregeln beachten?

Schröck: Ohne Begleitung durften wir das Hotel nur in einem Umkreis von 100 Metern verlassen. Bei weiteren Ausflügen mussten wir einen nordkoreanischen Begleiter an unserer Seite haben. Ob es jedoch nur zu unserem Schutz oder eine Anweisung des Staates war, weiß ich nicht.

Neben Ihrem Engagement in der Nationalmannschaft spielen Sie seit 2016 auch auf den Philippinen. Wie kam es dazu?

Schröck:  Im Jahr 2015 stand ich noch drei Jahre in Fürth unter Vertrag, aber der Verein und ich hatten komplett andere Vorstellungen, was meine Rolle betrifft. An Silvester wurde ich darüber informiert, dass der Klub nicht mehr mit mir plant und ich mir einen neuen Verein suchen soll. Mein Ziel war dann, mich ausleihen zu lassen, um sechs Monate regelmäßig auf gutem Niveau zum Einsatz zu kommen. Es waren die verrücktesten Anfragen aus Thailand, Australien und den Emiraten dabei und ich wusste nicht, was am besten zu mir passt. Ich habe meine Situation damals mit einem Freund besprochen, der auf den Philippinen spielt. Er hat daraufhin die Verantwortlichen seines Klubs angesprochen und sie davon überzeugt, mir ein Angebot zu machen.

Stephan Schröck Philippines Asia Cup 2019getty Images

Sie waren sofort Feuer und Flamme für die Idee?

Schröck: Ich wusste, dass es nur um vier Monate geht, aber am Anfang war ich skeptisch. Ich wusste aus der Nationalmannschaft, dass die Bedingungen dort nicht sehr professionell sind. Schließlich habe ich den Schritt gewagt, mit der Option, schon nach wenigen Monaten wieder wechseln zu können. Rückblickend habe ich die Entscheidung nicht bereut, und das Abenteuer hat sich ausgezahlt.

Inzwischen leben Sie seit drei Jahren dort und haben schon Einiges erlebt. Bei einem Land mit über 7.000 Inseln klingen vor allem Auswärtsreisen problematisch.

Schröck: (lacht) Problematisch ist ein gutes Wort. Vor zwei Jahren wurde hier eine neue Liga gegründet, die Heim- und Auswärtsspiele vorschreibt. Der asiatische Fußballverband verlangt dies, damit wir in der Champions League und dem AFC-Cup antreten dürfen. Weil man auf den Philippinen fast keine Reisen mit dem Bus zurücklegen kann, bin ich im Jahr 2018 84-mal geflogen. Viele der Teams stehen wegen dieser immens hohen Reisekosten vor dem Bankrott. Es könnte sich in Deutschland nicht einmal eine Zweitligamannschaft leisten, alle drei Tage rund 40 Personen umherzufliegen.

Wie können sich das die Teams auf den Philippinen leisten?

Schröck : Der Fußball auf den Philippinen ist noch nicht auf einem Level, auf dem er Geld generieren kann. Es läuft bislang über Privatpersonen, die fünf Millionen Dollar pro Jahr übrighaben. Durch diese Hilfen versucht man, den Fußball auf den richtigen Weg zu bringen.

Wie viel verdient ein Durchschnittsfußballer auf den Philippinen?

Schröck: Es kommt darauf an, wie gut man ist. (lacht) Ohne genau zu wissen, was ein Drittligaspieler in Deutschland tatsächlich verdient, würde ich schätzen, dass die meisten Profis auf den Philippinen in etwa so viel verdienen, wie in Top-Vereinen der 3. Liga.

Wie schätzen Sie das Niveau der philippinischen Liga ein?

Schröck: Der Fußball auf den Philippinen ist komplett anders als in Deutschland. Die Dinge, die mich in Deutschland ausgezeichnet haben, kann hier praktisch jeder. Jeder ist wendig, schnell und technisch gut ausgebildet. Gerade, was die Qualität am Ball angeht, ist das Niveau wirklich in Ordnung. Hier gibt es keine Spieler mit Lederallergie. (lacht) Das Spiel ist allerdings viel unruhiger als in Europa und dadurch weniger taktisch geprägt. Auch das Wetter hat einen riesigen Einfluss aufs Spiel.

Wie genau beeinflusst das Wetter den Fußball?

Schröck: Auf den Philippinen ist es entweder heiß oder es regnet so stark, dass der Platz unter Wasser steht und quasi unbespielbar ist. In den vergangenen drei Jahren gab es keinen Tag, an dem ich vor die Tür gegangen bin und dachte, es sei angenehmes Fußballwetter. Selbst wenn die Sonne nachts weg ist, herrschen meist noch 30 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent. Durch diese Verhältnisse wird das Spiel langsamer und unruhiger.

Hätte Sie es auch ohne den Fußball einmal auf die Philippinen verschlagen?

Schröck: Bevor ich mein erstes Länderspiel auf den Philippinen gemacht habe, war ich nur einmal dort. Für unsere Familie war ein Flug nach Asien in meiner Kindheit zu teuer. Die 800 Euro, die ein Flug pro Person kostet, hatten wir für zwei Monate zum Leben. Letztendlich bin ich sehr froh, dass ich das Heimatland meiner Mutter durch die Nationalmannschaft kennenlernen durfte. Dauerhaft hätte ich sonst wohl nie hier gelebt.

Wie unterscheidet sich das tägliche Leben in Deutschland von dem auf den Philippinen?

Schröck: Ich bewundere, dass die Filipinos mit den wenigen Dingen, die sie haben, glücklich sind. In einem Land, indem das monatliche Durchschnittseinkommen bei etwa 120 Euro liegt, trifft man auf den Straßen nur freundliche und gutgelaunte Menschen. Sie haben nichts, aber fühlen sich, als wären sie reich. Diese Lebensfreude ist ansteckend. Das merke ich besonders, wenn ich aus Deutschland zurückkehre.

Ist es Ihr Plan, nach der Fußballkarriere auf den Philippinen zu bleiben?

Schröck: Ich habe die Verträge auf den Philippinen immer so kurz wie möglich gehalten, sodass ich stets die Option habe, nach Deutschland zurückzukehren, doch aktuell fühlen meine Frau und ich uns wohl. Wir haben ein Haus in Schweinfurt gekauft und planen, dort irgendwann einzuziehen, aber wann genau wissen wir nicht. Erst vor wenigen Wochen habe ich meinen Vertrag auf Negros um ein weiteres Jahr verlängert. Einen genauen Plan haben wir noch nicht.

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