Der frühere nordirische Fußballspieler- und -trainer Danny Blanchflower regte sich einst unvergessen auf. "Bei diesem Spiel geht es um Ruhm und Ehre. Es geht um Stil, darum, Dinge mit Schnörkeln zu versehen, rauszugehen und den Gegner eigeninitiativ zu besiegen. Und nicht darauf zu warten, bis er vor Langeweile stirbt." Polen mag zwar kein Team sein, dass seine Kontrahenten in Grund und Boden spielt. Aber dafür ist es eines, dass nicht als langweilig ausgeschimpft werden darf. Keineswegs.
Was ist der Goal-Begeisterungsindex?
Laut Goals Begeisterungsindex, einem Opta-Ranking, das die Unterhaltsamkeit der europäischen Nationalteams anhand eines torschussbasierten Algorithmus bewertet, ist die Mannschaft von Adam Nawalka aktuell die unterhaltsamste des Kontinents. Um es einfach zu sagen: Die Polen garantieren Tore. Viele Tore.
Die Osteuropäer netzten während der Qualifikation zur EM 2016 in Frankreich am häufigsten ein, trafen 33 Mal in zehn Spielen. Natürlich muss dabei berücksichtigt werden, dass allein 15 Treffer aus den beiden Partien gegen Fußball-Zwerg Gibraltar stammen. Dennoch ist der Schnitt von 2,25 Toren in den acht weiteren Spielen der vermutlich stärksten Quali-Gruppe aller Ehren wert. Nur sieben Punkte trennten Spitzenreiter Deutschland am Ende von den viertplatzierten Schotten - enger ging es in keiner Gruppe zu.
Ballbesitz nicht überbewerten
So erscheint Polens Tor-Rate in einem beeindruckenden Licht, ebenso wie der 2:0-Heimerfolg über Weltmeister Deutschland im Oktober 2014. Es war nicht nur der erste Sieg gegen den großen Nachbarn im 19. Versuch, sondern beendete auch die Serie der DFB-Elf von 33 ungeschlagenen Qualifikationsspielen in Folge. In vielen Aspekten war die damalige Leistung in Polens Hauptstadt bezeichnend für die Spielphilosophie Nawalkas. Für ihn ist nicht entscheidend, wie lange oder wie oft du den Ball hast, sondern was du an Zählbarem aus deinem Ballbesitz machst. "Manchmal wird Ballbesitz überbewertet", sagte er nach einer Partie, in der seine Mannschaft nur 38 Prozent davon hatte.
Robert Lewandowski war einer der überragenden Spieler der EM-Qualifikation
Und genau das ist der Schlüssel, der Grund für Polens Unterhaltsamkeit. Sie glauben nicht an exzessives Passspiel, hatten während der EM-Quali durchschnittlich nur 50 Prozent Ballbesitz. Weniger etwa als die Griechen (59 Prozent), die in ihrer Gruppe Letzter wurden. Alles, worum es Polen geht, ist, den Ball im Tor unterzubringen - darin ist das Team sehr geschickt. Ja, man könnte sogar sagen, eine unglaublich effektive Tormaschine.
Wie Ronaldo Portugal zu einem der langweiligsten EM-Teams macht
Polen schaufelte weniger Torschüsse auf sein Konto als Italien, Holland, Russland, Österreich, Spanien, die Schweiz, Deutschland, Belgien und England - und traf dennoch häufiger als all jene Nationen. Am Ende hatte der EM-Co-Gastgeber von 2012 in ein und derselben Gruppe wie Deutschland neun Tore mehr vorzuweisen als der nominell übermächtige Weltmeister.
Schlüsselspieler Lewandowski
Wenig überraschend: Robert Lewandowski war dabei der Schlüsselspieler, die Personifikation von Polens Kaltschnäuzigkeit vor dem Kasten. 13 Tore gingen auf das Konto des Bayern-Stürmers, die Offensive wird selbstredend auf den aktuell einzigen Weltklasse-Spieler des Landes ausgerichtet. Besonders die Schussgenauigkeit von Lewandowski ist bemerkenswert, er schoss häufiger auf das Tor (25 Mal) als jeder andere Spieler. Ein Vergleich: Gareth Bale feuerte insgesamt zehn Schüsse mehr ab als der Pole, brachte aber einen weniger aufs Tor und erzielte nur sieben statt 13 Treffer.

Polen als Ein-Mann-Armee zu portraitieren, wäre aber dennoch nicht gerechtfertigt. Kein Spieler legte in der EM-Quali mehr Tore auf als Arkadiusz Milik (sechs, alle davon für Lewandowski), dazu traf der 21-jährige Ajax-Angreifer auch selbst sechs Mal. Sevillas Mittelfeldmann Grzegorz Krychowiak stand in jeder Minute der Qualifikation auf dem Platz und Torino-Verteidiger Kamil Glik war hinten ein Fels in der Brandung. Polens Stärke liegt also letztendlich doch im Kollektiv. Einheit ist alles.
Auch Jakub Blaszczykowski, der nach einem Streit um die Kapitänsbinde mit Lewandowski zunächst lange außen vor war, ist nach seinem Formanstieg bei der Fiorentina wieder zurückgekehrt. Nawalka hat es geschafft, dass sich jeder einzelne Spieler in den Dienst der Mannschaft stellt. Sie sind vereint und entschlossen. Sie hören nie auf, zu kämpfen, stecken niemals auf, ungeachtet dessen, wie es steht oder was auf dem Spiel steht. Veranschaulicht wird diese Einstellung durch die acht Tore, die Polen während der EM-Quali in den letzten fünf Minuten eines Spiels erzielte.
"Haben Zenit noch nicht erreicht"
Besonders wichtig war der späte Ausgleich durch Lewandowski beim 2:2 gegen Schottland in Glasgow, der den Gastgebern alle Hoffnungen auf die Endrunde raubte und Polen gleichzeitig in eine gute Ausgangsposition für das "Endspiel" gegen Irland brachte.
Die Polen sind ein Team, das deutlich stärker ist, als seine Einzelteile erscheinen. Klar, die exponierte Stellung von Lewandowski kann nicht geleugnet werden - und doch sind die Osteuropäer vor allem eine starke Gemeinschaft. "Robert hat dieser Elf Glanz verliehen, aber allen Spielern gebührt Ruhm", erklärte Nawalka nach gelungener Qualifikation. "Jede einzelne Zelle hat funktioniert, wir haben ein fantastisches Kollektiv gesehen. Wir entwickeln uns weiter und - das sage ich ganz selbstbewusst - wir haben unseren Zenit noch nicht erreicht."
Dort will man bestenfalls im kommenden Sommer bei der EM sein. Ob Polen dann erstmals bei einer kontinentalen Endrunde die K.o.-Phase erlebt, ist schwer vorherzusagen. Was aber sicher ist: Niemand wird vor Langeweile sterben, wenn er sich die Spiele von Lewandowski und Co. anschaut.


