Bei der WM 2002 in Japan und Südkorea hütete Ruslan Nigmatullin das Tor der Sbornaja, wurde 2001 zum Spieler des Jahres in Russland gewählt.
Exklusiv für Goal analysiert er die Chancen der russischen Nationalmannschaft in Frankreich, spricht über Stärken und Schwächen und wagt eine Bestandsaufnahme des russischen Fußballs.
Herr Nigmatullin, in Russland ist die grandiose EM 2008 in der Österreich und der Schweiz, als die Sbornaja bis ins Halbfinale vorstieß und die bis dato spektakulär aufspielende Niederlände im Viertelfinale mit 3:1 besiegte, noch sehr präsent. Glauben Sie, dass die Mannschaft acht Jahre später das Zeug dazu hat, solch ein Resultat zu wiederholen?
Ruslan Nigmatullin: Ja, die EM 2008 war in den letzten Jahren unser bestes Ergebnis. Vielleicht spielt die Sbornaja in der letzten Zeit nicht so konstant, wie wir uns das alle wünschen würden. Aber wir müssen realisieren, dass wir nicht Brasilien sind, wo solche Leistungseinbrüche mit Verwunderung zur Kenntnis genommen werden. Unsere Fans sind auf der großen Weltbühne des Fußballs ja nicht daran gewöhnt, jedes Mal bis ins Finale zu kommen. Wenn wir die Vorrunde überstehen, wäre das bereits ein zufriedenstellendes Ergebnis. Ob es danach weitergeht, muss man sehen.
Wie schätzen Sie die russischen Gruppengegner England, Wales und die Slowakei ein?
Nigmatullin: England ist mit seinem starken Kader der leichte Favorit dieser Gruppe. Ich denke aber, dass jede Mannschaft das Potential hat, weiterzukommen und sich einiges ausrechnet. Wales, Russland und die Slowakei haben die gleichen Chancen aufs Achtelfinale.
Was ist die Stärke der russischen Nationalmannschaft?
Nigmatullin: Zweifelsohne sind die Fähigkeiten unseres Trainers Leonid Slutsky eine wesentliche Stärke dieser Mannschaft. Nachdem es unter Fabio Capello überhaupt nicht mehr lief und der Skandal um sein üppiges Gehalt an die Öffentlichkeit gelangte, übernahm Slutsky die Mannschaft und führte sie aus einer sehr kritischen Lage mit vier Siegen sicher zur EM in Frankreich. In allen Bereichen hat er der Mannschaft neue Impulse gegeben. Slutsky ist der beste Trainer Russlands, hat in diesem Jahr dank seiner Doppelfunktion auch noch die Meisterschaft mit ZSKA Moskau gefeiert. In ihn setzen wir unsere größte Hoffnung.
Und auf dem Platz? Gibt es einen Spieler, dem Sie eine Schlüsselrolle zutrauen?
Nigmatullin: Wichtiger als die individuelle Klasse einzelner Spieler ist in diesem Team das hervorragende Mannschaftsspiel. Für sehr wichtig halte ich dennoch unseren Stürmer Artem Dsyuba. Er hat in der Qualifikation eine wichtige Rolle gespielt und war mit seinen acht Toren das Gesicht der Offensive.
GoalInwiefern ist das hohe Alter der Mannschaft ein Problem? Mit Sergey Ignaschewitsch (36 Jahre), den Zwillingsbrüdern Beresutzki (33 Jahre) und Roman Schirokov (34 Jahre) gehört Russland zu den ältesten Teams bei dieser EM.
Nigmatullin: Eigentlich betrifft dieses Problem nur unsere Defensivabteilung. Tatsächlich befinden sich die Innenverteidiger Sergey Ignaschewitsch und die beiden Beresutzkis bereits in einem soliden Alter. Ich traue ihnen dennoch zu, die EM auf hohem Niveau zu bestreiten. Dass sie gezwungen sind, in diesem Alter weiterhin Top-Leistungen zu bringen, liegt an den mangelnden Alternativen in der Defensive. Es gibt einfach zu wenige Abwehrspieler, die auf hohem Niveau agieren und ins Profil der Nationalmannschaft passen. Ich erwarte daher, dass der frisch eingebürgerte Roman Neustädter vom FC Schalke 04 die Defensive verstärken und etwas verjüngen wird. Er spielt auf ausreichend hohem Niveau. Allerdings muss er sich in kürzester Zeit in einem völlig neuen Team zurechtfinden.
Sie erwähnen Roman Neustädter. Er ist der einzige Profi im Kader der russischen Mannschaft, der außerhalb der Heimat spielt. Ist es ein Nachteil, dass nicht mehr Nationalspieler Erfahrung in den Top-Ligen Europas gesammelt haben?
Nigmatullin: Nein, darin sehe ich kein Problem. Die russische Liga muss sich im internationalen Vergleich nicht verstecken. Dass alle Nationalspieler in unserer heimischen Liga spielen, ist doch ein Zeichen dafür, dass sie stark ist. Momentan verlassen vor allem ältere Spieler wie der langjährige Nationalspieler Alexander Kerzhakov (Grasshoppers Zürich) die russische Liga, um ihm Ausland mehr Spielpraxis zu bekommen. Das zeugt davon, dass die Konkurrenz in russischen Klubs sehr groß ist.
Immer wieder wird beklagt, es gäbe im Land zu wenige junge Spieler, die für die Nationalmannschaft in Frage kommen würden. Fehlen Russland aufstrebende Talente?
Nigmatullin: Junge Spieler mit großem Potential kann es nie genug geben. Das gilt für jede Mannschaft auf dieser Welt. Was die Sbornaja angeht, wird der 19-jährige Alexander Golovin zur EM fahren. Im letzten halben Jahr hat der Mittelfeldspieler von ZSKA einige tolle Spiele abgeliefert, auch wenn es ihm noch auf Grund seines jungen Alters an Stabilität mangelt. Dennoch hat er sich sein EM-Ticket verdient. In naher Zukunft wird er eine feste Größe in der Nationalmannschaft.
Denys Cheryshev, einer der talentiertesten russischen Fußballer, fällt verletzt aus. Auch wenn es bei Real Madrid nicht für einen Stammplatz gereicht hat, bewies er seine Klasse beim CF Villarreal und dem FC Valencia. Wie schwer wiegt der Verlust?
Nigmatulin: Ohne Frage, Cheryshev hat großes Potential und war besonders beim Gelben U-Boot stark. Allerdings spielte er in der Nationalmannschaft nie eine wirklich wichtige Rolle. Weder unter Capello noch unter Slutsky war er Stammspieler. Inwieweit er der Sbornaja also fehlen wird, ist schwer zu beurteilen. Ich hoffe dennoch sehr, dass Cheryshev seine Verletzung bald auskuriert und bei der Heim-WM 2018 für Russland brillieren kann.
Wie bewerten Sie als ehemaliger Torhüter die Entwicklung der russischen Nummer eins Igor Akinfeev? Viele Experten kritisieren ihn, meinen, er hätte zu wenig aus seinem riesigen Talent gemacht. Bei der letzten WM in Brasilien hat er gegen Südkorea und Algerien spielentscheidend gepatzt und auch bei ZSKA war er bisweilen ein Unsicherheitsfaktor.
Nigmatullin: Ich muss ehrlich gestehen: Was seine Fähigkeiten als Torwart angeht, bin ich kein großer Fan von ihm.
Wie würden Sie die Stimmung in Russland beschreiben? Blicken Medien und Fans der EM eher optimistisch oder doch mit leichtem Pessimismus entgegen?
Nigmatullin: Wissen Sie, skeptische Fans, die über ihre Nationalmannschaft nur mit ironischem Unterton sprechen, gibt es in jedem Land der Welt. Insgesamt blicken die Menschen in Russland der EM aber mit Optimismus und Hoffnung entgegen, anders macht es in meinen Augen auch keinen Sinn. Wir freuen uns auf ein großes Fußballfest und sind bereits sehr froh, dass Russland an diesem Turnier teilnehmen wird.
Wie wichtig ist ein erfolgreiches Resultat bei der EM in Hinblick auf die anstehende Heim-WM 2018?
Nigmatullin: Positive Ergebnisse sind immer fördernd. Aber natürlich haben wir bis zur WM 2018 eine Entwicklung zu bestreiten, ein erfolgreiches Abschneiden in Frankreich würde positiv dazu beitragen. Die Erkenntnisse, die aus dieser EM gezogen werden, sind sehr wichtig. Im schlechtesten Fall wird man gewisse Aspekte überdenken müssen. Falls Slutsky die Mannschaft zu einem guten Resultat führt, bin ich überzeugt, dass er bis zur WM 2018 bleiben und die Mannschaft erfolgreich auf das Turnier vorbereiten wird.


