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Martin Bengtsson exklusiv: "Gefühle sind im Fußball tabu"


EXKLUSIV

Als Martin Bengtsson 17 war, beschloss er, seinem Leben ein Ende zu setzen. Im Jahr 2003 war das. Der Schwede war eines der größten Talente seines Landes, Kapitän der U17, ein Spielmacher, der den öffnenden Pass spielen konnte. Einer, der wie man hoffte, der neue Tomas Brolin werden könnte. 

Er spielte damals für Inter Mailand, stand auf dem Sprung zum Profi. Er lebte in Italien den Traum Tausender - und wusste doch keinen Ausweg aus der Dunkelheit, als im Bad der legendären Jugendakademie eine Rasierklinge zu nehmen und sich die Pulsadern aufzuschneiden. 

Mit 18 beendete er seine Karriere dann endgültig und lebte ein bewegtes Leben. Er war Leadsänger einer Bänd, Journalist, schrieb die lesenswerte Biografie "Freistoß ins Leben", arbeitete im Fernsehen. Heute lebt er Malmö und inszeniert Theaterstücke. Im Goal -Interview sprach er über seine Depression, Probleme der Branche und den Sinn des Lebens.

Sie sind erst 30 und haben doch schon eine Menge erlebt. Was machen Sie zur Zeit?

Martin Bengtsson: Ich studiere im letzten Semester an der Theater Akademie Malmö Dramaturgisches Schreiben und beende gerade ein Theater-Stück, das im Mai auf der Schwedischen Biennale Premiere feiern wird. Außerdem arbeite ich als Dramaturg für die britisch-amerikanische Filmemacherin und Performance-Künstlerin Paula Varjack und habe hier in Malmö mit zwei Schauspielern und einem Produzenten meine eigene Theater Company Ättestupa gegründet.

Nach Ihrer Karriere gründeten Sie die Band Waldemaar. Was ist aus ihr geworden?

Bengtsson: Die letzten fünf Jahre habe ich mich in den Bildenden Künsten ausgelebt. Erst habe ich meinen Master in Literarischer Komposition an der Valand Academy in Göteborg gemacht und bin nun in den letzten Zügen meines Bachelors in Dramaturgischem Schreiben in Malmö. Die Musik musste ich hinten anstellen, sie wurde quasi vom meinem tiefen Einsteigen in die Künste des Schreibens verschluckt. Im Mai werde ich wieder mehr Musik machen, wenn ich fertig bin mit dem Studium.

Aber Musik ist weiterhin ein wichtiger Part Ihres Lebens, oder?

Bengtsson: Musik war und wird immer ein zentraler Bestandteil meines Lebens sein. Während meiner Arbeit am Theater sind eine Menge Ideen entstanden. Ich arbeite sehr rhythmisch in allen meinen textbasierten Arbeiten. Das verdanke ich auch meiner Erfahrung als Songwriter.

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Springen wir zurück zu den Anfängen in Örebro. Wie war Ihre Kindheit?

Bengtsson: Eine normale Mittelklasse-Kindheit in einer mittelgroßen schwedischen Stadt. Wir waren viele Kinder, dort, wo ich aufgewachsen bin. Es war eine kreative Umgebung, in der wir immerzu spielten und kleine Theaterstücke aufführten. Meine Beziehung zu meinem Bruder Victor hat mich sehr geprägt. Wir konkurrierten und unterstützten uns im nächsten Moment wieder.

Hatten Sie schon als Kind Umgang mit Kultur?

Bengtsson: Mein Vater war ein Theater-Schöpfer und meine Mutter Produzentin einer Tanz-Kompanie. Es ging also zuhause sehr kulturell zu. Bücher und Musik spielten eine große Rolle. Fußball war nur eines von vielen anderen Spielen. Erst neun Jahre später wurde es meine Welt.

Wie wurde Inter Mailand auf Sie aufmerksam?

Bengtsson: Inter besuchte wie viele andere Vereine die Jugend-Länderspiele. Ich weiß nicht, wann sie mich das erste Mal spielen sahen, aber 2003 traten sie dann an meinen Berater heran, als ich mit Örebro in der ersten schwedischen Liga spielte.

Hatten sie keine Angst davor, Ihre Heimat so jung zu verlassen?

Bengtsson: Nicht wirklich. Inter war damals einer der größten Klubs der Welt. Ich war super glücklich, als ich die Chance bekam und obwohl ich mir der Schwierigkeiten, die es mitbrachte, so jung in ein anderes Land zu gehen, bewusst war, war die Entscheidung letztlich einfach.

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Wie war die Anfangszeit bei Inter?

Bengtsson: Der Anfang war toll, aber auch verwirrend und neu. Wir hatten ein tolles Team mit einer ganzen Reihe toller Jungs wie Marino, Lombardi, Adeshokan, Eliakwu, Valeri, Coe, Laribi und einigen anderen. Ich wurde toll angenommen von ihnen und auch dem ganzen Personal. Erst später, während meiner Knieverletzung, verfiel ich in meine Depression.

Weil Sie plötzlich Zeit hatten, nachzudenken?

Bengtsson: Die Krankheit warf existenzielle Fragen auf: Wer bin ich, wenn ich nicht Fußball spiele? In der Sommerpause entdeckte ich auf einem Festival Musik, die mich tief berührte. Der Konflikt zwischen meiner künstlerischen und meiner Seite als angehender Fußballprofi wuchs anschließend immer weiter, bis er in einem Wendepunkt endete und ich mir im Bad die Pulsadern aufschnitt.

Ein Faktor war sicher auch die Ausgangssperre, die damals herrschte.

Bengtsson: Das Jugendhaus, in dem wir lebten, war wie ein Gefängnis zu dieser Zeit, was den heftigen Ausgang meiner Depression sicher begünstigte. Es herrschten rigide Kontrollen durch den Verein, weil es einen Monat zuvor einen Vorfall mit neuen Spielern gegeben hatte, weshalb das Jugendhaus abgeriegelt und unser Freiraum stark eingegrenzt wurde.

Kann man als angehender Fußballprofi seine wahren Gefühle überhaupt zeigen?

Bengtsson: Das war auch ein Grund für die Katastrophe. Ich konnte meine Gefühle nicht ausdrücken, da ich wusste, dass es in dieser Umgebung als Mann ein Tabu war. Dieses Tabu bestand zu großen Teilen aufgrund der Gepflogenheiten junger Männer, aber auch durch eine generelle Kumpel-Kultur, die herrscht, wenn Männer in einer Gruppe aufeinandertreffen. Dieses Problem geht über den Sport hinaus, aber speziell beim Fußball existiert Nährboden für Dummheit, Sexismus und Homophobie. Inzwischen gibt es eine Tendenz zu einer besseren, bewussteren Fußballwelt, aber es gilt noch, einen weiten Weg zu beschreiten.

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Hatten Sie keine Menschen, denen Sie Ihre Probleme erzählen konnten?

Bengtsson: Es gab natürlich Leute, mit denen ich sprechen hätte können. Meine Eltern, meine damalige Freundin, mein Berater. Aber ich hatte Angst, mein Problem anzusprechen, aus Angst, dadurch als schwach zu gelten. Inter hatte keine eigene Teampsychologin. Generell würde ich das auch nicht als notwendig erachten, aber es wäre eine sinnvolle Ergänzung. Denn vieles, was auf dem Platz passiert, hängt vom mentalen Zustand der Spieler ab.

Was bot Ihnen in dieser Zeit einen Ausweg?

Bengtsson: Die Musik hielt mich davon ab, verrückt zu werden. Es war hart, nach diesem Vorfall im Trainingslager permanent kontrolliert zu werden. Musik wurde für mich der Weg, meinen Frust abzubauen.

Sie sagten einmal: "Ich wollte beides sein, Roberto Baggio und Kurt Cobain." Was meinen Sie damit?

Bengtsson: Der Satz beschreibt den Konflikt, der in mir vorging. Ich vergötterte Baggio und Cobain. Es ist an sich für einen 17-Jährigen nicht ungewöhnlich, aber die wenigsten spielen Fußball bei Inter Mailand. Ich veränderte meine Identität und es war für meine Umwelt sehr schwer, das zu verstehen. Und vielleicht ist es auch zu viel erwartet, dass man mich verstanden hätte. Fußball beruht vielerorts auf konservativen Ideen. Diese Grundgedanken besagen, ein Athlet zu sein und legen fest, wie sein Leben außerhalb des Platzes auszusehen hat. Ich glaube, dass viele Spieler später einen verschwenderischen Lebensstil pflegen und nicht mit sich selbst klarkommen, weil ihnen diese engstirnige Betrachtungsweise lange im Weg stand.

Die Situation eskalierte, als eine Putzkraft des Vereins Ihre selbstgeschriebenen Gedichte und Songs entsorgte?

Bengtsson: Es hat mich gebrochen, was vor allem daran lag, dass ich schon vorher verwirrt und teilweise gebrochen war. Ich hatte mich in jederlei Hinsicht verloren. Gedanken über Identität und Wege, sich auszudrücken, hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits seit Monaten.

Die Begründung war, das würde Sie ablenken.

Bengtsson: Ich war an einem Punkt, an dem ich wusste, dass die Kunst zu mir gehört. Dann auf diese Weise bezichtigt zu werden, nicht professionell zu sein, war verheerend und hat mir gezeigt, dass ich nicht in die Fußball-Welt gehöre. Mein neun Jahre bestehender Traum, Profi zu werden, wurde durch Gefühle des Schams, der Schuld und der Wut ersetzt. Diese schrecklichen Gefühle mündeten in dem Wunsch, mich umzubringen. Erst geistig, dann körperlich.

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Was ist das Hauptproblem an der Fußballbranche?

Bengtsson: Die Ideale der Gesellschaft, wie ein Sportler zu sein hat. Diese Eigenschaften sind eng verknüpft mit einer maskulinen Norm und stehen in Widerspruch zum menschlichen Freiheitsdenken. Wie Fußballmannschaften und alle Beteiligten eine homophobe, sexistische Umgebung schaffen, in der die mentale Gesundheit leidet. Das eigene Fühlen stirbt, weil die Idee vorherrscht, dass ein Mann nur stark ist, wenn er stumm ist."

Ihr Dilemma endete im Versuch, sich das Leben zu nehmen.

Bengtsson: Ich war jung und es war eine verwirrende Zeit. Viele Dinge geschahen in meinem Leben und viele Dinge in meinem Inneren. Es war ein Zusammenkommen einiger Umstände, die dort hinführten, wo sie hinführten. Es ist zu einfach zu sagen, dass ich schwach oder Inter schlecht für mich war. Es ist eine Kombination von Handlungen, Denkweisen, Tradition, Pädagogik, persönlicher Entwicklung und meiner Persönlichkeit, die mir im Badezimmer keinen anderen Ausweg ließen.

Wie reagierte der Verein?

Bengtsson: Inter war sehr besorgt und wollte, dass ich zurückkomme. Aber mir ging es zu schlecht. Ich war traumatisiert von dem, was ich mir angetan hatte. Ich hatte das Feuer, Fußball zu spielen, komplett verloren. Inter zeigte sich hilfsbereit und entließ mich aus meinem bestehenden Vertrag, wie mir mein Berater später erzählte.

Nachdem sie in Schweden Ihr Comeback für Örebro feierten, lasen Sie eine Überschrift, "Bengtsson ist zurück!", und beendeten am Tag darauf Ihre Karriere.

Bengtsson: Ich habe beim Lesen der Überschrift absolut nichts gefühlt und genau das war das Problem. Ich hatte meinen Traum verloren, Fußballprofi sein zu wollen. Gleichzeitig fingen andere Träume an zu gedeihen.

Wie verlief die Zeit, nach dem Entschluss, dem Fußball den Rücken zu kehren?

Bengtsson: Ich fing an, zur Therapie zu gehen. Dann ging ich zurück zur Schule, um aufzuholen, was ich verpasst hatte. Ich hatte dann verschiedene Jobs. In einem Musikgeschäft, als Journalist, im TV. Ich habe ein Buch über meine Erlebnisse geschrieben. Ich bin später nach Berlin gezogen, wo ich in Kreuzberg einen Kunstraum eröffnete. Schließlich gründete ich eine Band, tourte und schrieb Songs. Nach einigen Jahren ging es wieder nach Schweden und es begann die Phase, in der ich mich noch befinde und von der ich eingangs erzählte.

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Wie stehen Sie dem Fußball heute gegenüber?

Bengtsson: Neutral. Ich sehe vielleicht ein Spiel in einem halben Jahr.

Warum interessieren Sie sich so sehr für das Theater?

Bengtsson: Ich mag es, weil ich Dinge über mich und die Welt lerne. Über menschliche Handlungen, Träume und Bedürfnisse. Aber am allermeisten macht es Spaß. Etwas zu schaffen, macht Spaß. Und zu sehen, wie etwas, das du geschaffen hast, auf einer Bühne aufgeführt wird, sorgt für einen Nervenkitzel, wie ich ihn noch nie erlebt habe.

Ein Gefühl, das sie auch 2017 erleben werden.

Bengtsson : Richtig. Ich habe zwei Theater-Premieren im Frühjahr 2017. "Autobahn Tribune" im April und "The Mayakovsky Doctrine" im Mai. Ich werde weiter Stücke schreiben und im Sommer auch einige Songs. Ich habe derzeit keine Pläne für ein zweites Buch. Aber alles in meinem Leben kann sich vom einen auf den anderen Tag ändern. Ich weiß nie genau, was passieren wird, aber ich habe eine starke Intuition, auf die ich immer hören kann und der ich stets treu bleibe – wie ein Surfer seiner Welle. Sie gibt mir einen Sinn.

Glauben Sie, dass alles im Leben, auch Ihr Selbstmordversuch, einen Sinn hat?

Bengtsson: Ich schwanke zwischen zwei Positionen. Ein auf dem Zweck an sich beruhender Sinn koexistiert mit einer nihilistischen, sinnfreien Sichtweise. Ich versuche, neugierig zu bleiben und offen für andere Menschen und das Leben an sich. Das ist die Aufgabe, die ich mir gegeben habe. Wenn wir uns nicht länger selbst überraschen können, stagniert man. Leben ist für mich die ständige Produktion von Überraschungen.

Bildquelle: Rabea Edel und Winta Yohannes

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