"Ganz Legia schreit laut und deutlich: Nein zu der islamischen, wilden Horde", tönt es aus der berüchtigten Nordkurve des polnischen Spitzenklubs Legia Warschau. Sie trägt den einprägsamen Namen Zyleta, was übersetzt Rasierklinge bedeutet. Die Absender der antiislamischen Parolen: tätowierte und vermummte Ultras, die zu den gefürchtetsten der Welt gehören. Gewaltdelikte sind Alltag, Banner sowieso.
"Tod allen Kommunisten" oder "Polen den Polen. Raus mit den Schweinen", sind nur zwei der Parolen, die dort zu lesen sind. Die Ultras machen vor nichts Halt, auch nicht vor der UEFA. Beim 2:0-Sieg gegen FC Aktobe hatte die Kurve ein riesiges Transparent mit einem dicken Schwein ausgerollt, das vor einem UEFA-Logo posierte. Darunter stand: "Weil Fußball nicht zählt, Geld schon."
Erlebe die Top-Ligen live und auf Abruf auf DAZN. Hol' Dir jetzt Deinen Gratismonat!
Die Fans des polnischen Spitzenklubs verbreiten Angst und Schrecken, sind über Warschau hinaus gefürchtet. Vor dem Auswärtsspiel von Borussia Dortmund veröffentlichte der Verein deshalb eine Mitteilung, die BVB-Fans wie folgt für ihren Aufenthalt in der polnischen Hauptstadt warnt: "Die aktive Fanszene von Legia Warschau ist leider dafür bekannt, sowohl bei Heim- als auch bei Auswärtsspielen ein höheres Gewaltpotenzial zu zeigen als andere Fanszenen. Wir müssen leider dazu raten, keine Kleidung mit BVB-Bezug in der Stadt zu tragen und sich unauffällig und am besten nur in kleinen Gruppen dort aufzuhalten. Sowohl Vertreter von Legia Warschau als auch die polnische Polizei haben uns darum gebeten, dies an alle mitreisenden Fans zu kommunizieren."
Doch was steckt hinter den Schreckensmeldungen über Straßenschlachten mit der Polizei, Auswärtsfahrten nach Neapel mit einem Arsenal an Ausrüstung wie Mundschutze, Hämmer, Pyrofackeln, Schlagstöcke, Boxhandschuhe, Holzstöcke? Wer sind die Dauerkarteninhaber, die die Zyleta so berüchtigt machen? Sie sind mehr als tumbe Schläger - was sie noch allerdings gefährlicher macht.
Druck von Rechts
Besucht man die Webseite der Ultras, springt einem auf der den Legia-Farben Rot, Grün und Weiß gehaltene Webseite, sofort die altdeutsche Schrift ins Auge, die ihre Besucher begrüßen soll. "Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Polen keine einzige linke oder zumindest linksliberale Ultragruppierung. Die polnischen Ultras sind politisch konservativ bis rechts beheimatet", sagt Radoslaw Kossakowski, Soziologe aus Danzig gegenüber der Zeit.
Politik in der Kurve, das ist längst Alltag in Warschau. "Antisemitismus ist ein ständiger Reisebegleiter in Osteuropa, nicht nur im Fußball, aber dabei ganz besonders", bestätigt Olaf Sundermeyer, Autor des Buchs "Tor zum Osten", in dem er über die "wilde Fußballwelt" des Ostens schreibt. Vor dem Spiel des israelischen Erstligisten Hapoel Tel Aviv entrollte die Legia-Nordkurve ein Banner, auf dem "Jihad Legia" zu lesen war, eine Kriegserklärung an Juden. Was einige als die Verwirrtheit einiger Radikaler abtaten, war aber in Wirklichkeit eine groß angelegte Aktion tausender Beteiligter.
Unter einem Video, das die Aktion auf YouTube zeigt, entlädt sich der geballte Hass. "Heil Hitler", ist dort zu lesen oder "Banner reichen nicht. Alle Juden ins Gas!" Ähnliches ist auf der Zyleta-Homepage zu lesen. Der User "Piotr 8" schreibt dort: "Gemeinsam gegen den Abschaum. Als Armee werden wir alles Gesindel beseitigen. Juden, den Islam und Neger." Vor über einem Jahr verfasst, machen die Betreiber der Seite bis heute keinerlei Anstalten, den Beitrag zu entfernen.
Die sieben Regeln der Ultras
Die "Armee", von der Piotr schreibt, ist auf den ersten Blick zu erkennen. Schon auf der Startseite stehen sieben Regeln für die Ultras. "Jeder hat die Verpflichtung zu singen", steht da oder "Jeder muss den Anweisungen der Ultra-Entscheidungsträger in der Kurve Folge leisten" und: "Zyleta ist nicht Hollywood oder der Pariser Laufsteg. Deshalb sind Menschen, die Fotos machen oder filmen wollen, nicht willkommen." Klare Anweisungen in unmissverständlichen Worten verpackt.
Zudem wird dazu aufgerufen, die gleiche "Uniform" zu tragen, ein weißes T-Shirt und ein Schal mit Wappen und vor allem, Legia auch außerhalb des Stadions mit vollem Stolz zu repräsentieren und die Ehre des Klubs zu verteidigen. Überhaupt ist viel von Ehre die Rede. Etwa, dass man als ehrenvoller Ultra mit allen Mitteln die Fahnen in der Kurve verteidigen muss. Das führt dann zu Kämpfen mit der Polizei, wenn diese gegen antisemitische Banner vorgehen wollen. Spieltag ist Krieg!

Die Warschauer Ultras treten straff organisiert auf, fast wie ein Regime. Sie führen landesweit zu anderen Ultra-Gruppierungen Beziehungen und teilen diese in vier Kategorien auf: Freunde, Verbündete, Neutrale und Feinde. Wie in Kriegsgebieten bekämpft man sich, unterstützt Freunde und Verbündete und bündelt den Hass - neben den Feindbildern wie Juden und Fremdem versteht sich - auf die Feinde. Inzwischen sind sie so wichtig, dass ihr Einfluss bis in höchste Vereinskreise reicht.
"Diese Jungs wollen den Club am liebsten selbst managen", sagt der neue Legia-Präsident Piotr Zygo, dessen Hauptaufgabe es ist, den Verein von den Hooligans zu befreien. Sein Vorgänger ist daran gescheitert. "Die Leute haben Angst vor den Hooligans. So lange die das Sagen haben, trauen sich zu wenige normale Menschen hierher", beschreibt Zygo das Dilemma.
"Spiegelbild der Gesellschaft"
Bei der Verfolgung der Hooligans ist das Hauptproblem, dass es keine zentrale Datei gibt, in der straffällig gewordene Hooligans geführt werden. Hinzu kommen Korruption und Loyalität, denn auch in Polizeikreisen gibt es Legia-Fans und Gleichgesinnte mit rechter Gesinnung. Ein weiteres Problem ist ein Urteil aus dem Jahr 2014, in dem die Staatsanwaltschaft offensichtlich antisemitische Parolen als "nicht antisemitisch" einstufte, da sie erstens an die gegnerischen Fans gerichtet gewesen seien und sie zweitens auf einer Sportveranstaltung kundgetan wurden und nicht auf einer politischen Veranstaltungen. Dieser Fall zeigt nur eines von vielen Problemen des polnischen Rechtssystems, das undurchschaubar daherkommt und nicht selten mit kurios anmutenden Urteilen aufwartet. Ermittelt und verfolgt wird oft erst nach Druck der UEFA.
Die Ultras sind ein "Spiegelbild der Gesellschaft", wie die polnische Wochenzeitung Polityka schreibt. Symbol eines Rechtsrucks, vor allem bei jungen Leuten. Andrzej Duda wurde von vielen der Ultras offen unterstützt. Denn der im Mai 2015 zum Präsidenten Gewählte steht für die Probleme des "kleinen Mannes", setzt vor allem auf soziale Themen und bekräftigte immer wieder die Wichtigkeit nationaler Identität.
Medien werden gemieden
Themen wie diese schmücken auch immer wieder Banner in den Kurven. Man ist gegen die gesättigte Oberschicht der polnischen Städte, gegen das Fremde, das Polen "amerikanisiert" und die "Einwanderer-Hölle" ins Land holt, wie ein User auf der Zyleta-Seite schreibt. Gewalt ist dabei nicht nur eine Lösung, sondern die Lösung überhaupt. Auch deshalb lehnen die Ultras es ab, mit Medien zu sprechen.
Auf eine Goal-Anfrage antwortet eine anonymisierte Adresse: "Wir ziehen es vor, nicht mit Medien zu sprechen, da Unwahrheiten an der Tagesordnung sind. Wir werden Lügen nicht weiter tolerieren. Es lebe Legia!" Auch vonseiten des Vereins erhält man eine ablehnende Antwort: "Zum Thema Fans äußert sich Legia derzeit nicht. Wir bitten um Verständnis." Während Legia am liebsten wäre, die ständigen Berichte über die eigenen Fans würden aufhören, sprechen die Ultras nur mit rechtskonservativen Medien, die durchaus wohlwollend von den Machenschaften der "Rasierklingen" berichten.
Spieltag ist Krieg
Am Mittwochabend wird es unter strenger Beobachtung der UEFA und mit einem Sonderkontingent an Sicherheitskräften erst einmal um Sportliches gehen, wenn Borussia Dortmund im Stadion Wojska Polskiego gegen Legia Warschau spielt (20.45 Uhr im LIVE-TICKER). In der Zyleta-Kurve aber geht es um weit mehr: um Stolz, um Ehre und um den Kampf.
Den Kampf für Legia als Armee. Als die Auslosung bekanntgegeben wurde, schrieb ein gewisser Robert bei Facebook in den Kommentarbereich: "Egal ob mit Ticket oder nicht. Ich werde nach Dortmund fahren und dort gegen ein paar Deutsche kämpfen. Das wird ein Spaß!" Der Kommentar hat 38 Likes. Fünf mehr hat dieser: "Immerhin haben uns die Deutschen die Juden vom Hals geschafft."
Und so werden sie auch am Mittwoch in ihrer Kurve stehen, vermummt und gegen "wilde Horden hetzen". Dass auch sie selbst wie eine solche anmuten, spielt keine Rolle. Denn es ist Spieltag, es ist Krieg!
