Antonio Conte Italy Italien 02062016Getty Images

EM-Kadercheck Italien: Das Ein-Säulen-Modell

Andrea Pirlo, Mario Balotelli, Claudio Marchisio, Marco Verratti - die Ausfallliste der potentiellen Stammspieler in Italiens Nationalmannschaft ist lang. Und das nicht etwa in einem unwichtigen Testspiel gegen die Nummer 150 der FIFA-Weltrangliste, sondern für die anstehende Europameisterschaft in Frankreich.

War jenes Quartett bei der WM 2014 in Brasilien noch für die Startformation gesetzt und erzielte auch beide Tore beim unglücklichen Vorrunden-Aus, klafft nun eine riesige Lücke. Vor allem das zentrale Mittelfeld ist ohne Pirlo, Marchisio und Verratti ein Total-Ausfall, wobei einzig und alleine Daniele De Rossi übrig bleibt.

Während Marchisio und Verratti verletzt fehlen, wurde Pirlo in Absprache mit Trainer Antonio Conte nicht berücksichtigt - eine gewagte Entscheidung. Zwar hat der Mittelfeldmann mit 37 Jahren seinen Zenit längst überschritten, doch allein seine Erfahrung und seine Gefährlichkeit bei Standards hätten eine Berufung gerechtfertigt.

Der Glanz ist verloren gegangen

Fakt ist, dass der Squadra Azzurra der Glanz etwas verloren gegangen ist und vor allem mit Marchisio und Verratti zwei elementar wichtige Spieler fehlen, die nun je nach System durch Thiago Motta, Stefano Sturaro oder auch Alessandro Florenzi ersetzt werden könnten. Eine extreme Schwächung im Herzstück des italienischen Spiels.

Eigentlich wollte man weg vom klassischen Catenaccio, sich dem Zahn der Zeit anpassen und das Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen. Aber man kann es wenden wie man will, vor allem bei dieser EM wird man nach Analysen der Stärken und Schwächen wieder beim defensiven Fußball landen und eher reagieren denn agieren.

Mit Leonardo Bonucci, Andrea Barzagli und Giorgio Chiellini verfügt Italien wohl mit über die beste defensive Dreierreihe, die der Weltfussball so zu bieten hat. Gianluigi Buffon komplettiert das Juventus-Quartett dahinter im Tor - und angesichts der personellen Lage wird es auch dieses Mal vor allem auf die Defensive ankommen.

Denn während diese getrost zur Weltklasse gezählt werden darf, lichten sich die Reihen, je weiter man gen Norden schaut. Neben dem bereits angesprochenen gesprengten WM-Mittelfeld, fehlt es auch im Angriffszentrum an der dringend benötigten Durchschlagskraft - mehr als Mittelmaß ist auch dort nicht zu finden.

Balotellis Fehlen: Gerechtfertigt?

Zwar hätte der rein sportliche Aspekt eine Nominierung von Balotelli nicht unbedingt gerechtfertigt, blickt man aber auf die Statistik, wird deutlich, welchen Wert der extravagante Stürmer für die Mannschaft hat. Acht Tore erzielte Italien bei den letzten beiden großen Turnieren, alleine vier davon gehen auf das Konto von Balotelli.

Jeweils einen weiteren Treffer erzielten Pirlo und Marchisio, wobei auch die anderen beiden Torschützen - Antonio Di Natale und Antonio Cassano - nicht mehr dabei sind. So ist es De Rossi, der die Fahne mit seinem Treffer bei der WM 2010 beim 1:1 gegen Paraguay als letzter Torschütze bei einem großen Turnier im aktuellen Kader hochhält.

Die Vorzeichen sind nach dem vorzeitigen Ausscheiden in Brasilien auch dieses Mal alles andere als rosig und nicht wenige Experten prophezeien den Azzurri erneut ein schweres Turnier. Mit Belgien, Schweden und Irland hat man unangenehme und starke Gegner erwischt, wobei das Team von Conte von der Neu-Regelung für das Achtelfinale profitieren konnte.

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So könnte sich Italien rein theoretisch auch als einer der vier besten Gruppendritten für die K.-o.-Phase qualifizieren. Angesichts der aktuellen Lage wohl eine willkommene Turnier-Modifikation - für eine stolze Fußballnation wiederum ein schwacher Trost, wenn nicht sogar eine blamable 'Gnaden-Konstellation'.

Defensiv nach wie vor stark

Doch wie heißt es so schön: "Die Defensive gewinnt Meisterschaften". Und in dieser ist die Squadra nach wie vor unschlagbar. Auch wenn man sich aktuell fragt, wer die Tore schießen soll: Ein Konter, ein Standard oder ein Fehler des Gegners - und ja, es darf auch mal ein eigener genialer Moment sein - können immer noch schnell zum Erfolg führen.

Italien ist nicht für schönen Zauberfußball bekannt, und das wird man auch dieses Mal nicht sein. Am Ende zählen jedoch die Erfolge und Resultate, und dabei gilt es für Conte und Co., wieder an alte Zeiten anzuknüpfen. Italien ist und bleibt ein unangenehmer Gegner, der sich aktuell mehr denn je auf die eigentlichen Stärken besinnen muss.

Es wird jene eine defensive Säule sein, die Italien stark macht - oder auch nicht. Mittelfeld und Angriff zählen im Moment nur zum europäischen Mittelmaß. Eine positive Überraschung wie bei der EM 2012, als man Italien auch nicht so wirklich für das Finale auf dem Zettel hatte, ist aber freilich nicht ausgeschlossen. Wenn jemand überraschen kann, dann die Squadra.

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