Johan Vonlanthen: Der Fluch der Karibik

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Er wächst in ärmlichen Verhältnissen in Kolumbien auf und ist bald die Jahrhundert-Hoffnung der Schweiz. Über das bewegte Leben des Johan Vonlanthen.


HINTERGRUND

Man kann dem Quecksilber des kleinen Thermometers, das lieblos an einer provisorisch zusammengezimmerten Strandhütte befestigt wurde, quasi dabei zusehen, wie es in die Höhe schießt. Bei 32 Grad verweilt es kurz, die einzigen Wolken, die am strahlend blauen Himmel zu sehen sind, haben sich vor die Sonne geschoben. Spiegelglatt und glasklar liegt das karibische Meer an diesem Sommertag im Jahre 1997 da, während der weiße Sandstrand von Santa Marta, Kolumbien, langsam zum Leben erweckt wird. Ein Dutzend einheimische Kinder stecken ein Fußballfeld ab, rammen auf jeder Seite jeweils zwei als Torpfosten fungierende Äste in den Boden. Um kurz darauf einem runden Konstrukt aus Plastik und Papier nachzujagen, weil sie kein Geld für einen richtigen Fußball haben.

Spaß haben sie trotzdem, lachen, necken sich untereinander, wenn die eine Mannschaft das unkonventionelle Spielgerät zwischen die Äste des Gegners bugsiert. Einem der Jungs gelingt dieses Kunststück besonders häufig, ragt er doch – nicht aufgrund seiner Körpergröße, sondern seines Talents – heraus. Die Rede ist von Johan Vonlanthen. Demjenigen, der nur sieben Jahre später als jüngster Torschütze der EM-Geschichte für Furore sorgen und von den Medien mit dem Siegel "Schweizer Jahrhunderttalent" versehen werden sollte.

Johan wird 1986 in Santa Marta geboren, wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Vater, damals selbst erst 18 Jahre alt, verlässt die Familie, noch bevor der Sohn das Licht der Welt erblickt. Zufällig lernt Johans Mutter während dessen Kolumbien-Urlaub Roger Vonlanthen kennen und verliebt sich, entscheidet sich dazu, in den Alpenstaat überzusiedeln. Fünf Jahre lang lebt ihr Sohn bei der Oma, hat lediglich telefonischen Kontakt zur Mutter, die ihn schließlich 1998 zu sich nach Flamatt, nahe der Hauptstadt Bern holt.

Aus Kolumbien in die Schweiz

Zwei Jahre lang kickt der Kolumbianer, der mittlerweile von seinem Stiefvater adoptiert worden war, beim dortigen Klub FC Flamatt, ehe er sich der Jugendakademie der Young Boys anschließt. Die Trainer des Schweizer Schwergewichts erkennen schnell, welch großes Talent da in den eigenen Reihen heranwächst, ziehen Johan in den Profi-Kader, wo er als 16-Jähriger debütiert. In seiner ersten Spielzeit kommt der Angreifer zumeist als Joker zum Einsatz, weiß aber stets zu gefallen, was die Presse zu enormen Lobeshymnen auf den Emporkömmling veranlasst.

GFX Johan Vonlanthen PSV Eindhoven

Ein Jahr, 27 Einsätze in der helvetischen Beletage und vier Tore später, wechselt Vonlanthen zum niederländischen Spitzenklub PSV Eindhoven, wo er sich allerdings mit Mateja Kezman, Jan Vennegoor of Hesselink und Arjen Robben extrem großer, extrem hochwertiger Konkurrenz ausgesetzt sieht. Robben, der zwei Jahre älter ist, wohnt mit Johan zusammen im PSV-Internat, die beiden liefern sich regelmäßig nicht nur Duelle auf dem Trainingsplatz, sondern auch auf dem virtuellen Feld. Im Interview mit Spox.com verrät Vonlanthen: "Wir lebten damals in Eindhoven gemeinsam im Internat und zockten oft Pro Evolution Soccer. Daher kenne ich ihn gut, letztlich ging jeder seinen eigenen Weg."

Wie schnell sich die Wege der beiden Ausnahmekönner trennen sollten, weiß Johan da noch nicht, vielmehr genießt er alle Annehmlichkeiten des Lebens als Fußballprofi: Sportwagen, Designerklamotten, Promi-Status. Der Werdegang Vonlanthens bleibt natürlich auch dessen Vater nicht verbogen, der die Spiele seines Filius in Kolumbien verfolgt. Champions League mit der PSV, die ganz große Bühne für einen, der von ganz unten kommt. Johan erklärt später gegenüber der Schweizer Zeitung Blick im Jahr 2016, dass er seinem Vater in jener Zeit finanziell unter die Arme griff, beteuert allerdings: "Heute steht er auf eigenen Füßen."

Ein Tor, das Geschichte schrieb

In Eindhoven kann sich der ambitionierte Offensivmann nicht durchsetzen, trotzdem profitiert er 2004 von einer Verletzung des etatmäßigen Nati-Stürmers Marco Streller und erhält einen Platz im Kader für die Europameisterschaft in Portugal, wo er beim 1:3 gegen den Titelverteidiger aus Frankreich seinen großen Moment erlebt, Star-Keeper Fabien Barthez überwindet und somit einen gewissen Wayne Rooney als jüngsten EM-Torschützen ablöst. PSV-Trainer Guus Hiddink gefällt die Einstellung des Youngsters allerdings nicht, Leihen zu Brescia Calcio und NAC Breda bringen ebenfalls nicht den erhofften Durchbruch.

2006 fällt Vonlanthen auch im Nationalteam in Ungnade, weil er trotz einer Oberschenkelverletzung seinen Platz im Team für die Weltmeisterschaft in Deutschland nicht räumen will. Johan reicht ärztliche Atteste ein, die seine Teilnahmefähigkeit bescheinigen sollen, sorgt innerhalb der Mannschaft für Unruhe. "Ich war verzweifelt und wollte die WM auf keinen Fall verpassen. Es war immer mein Ziel, einmal an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen", sagt er später der Berner Zeitung. Im Anschluss an das verpasste Turnier entschließt sich der Rechtsfuß, für eine Ablöse von 800.000 Euro zum österreichischen Erstligisten RB Salzburg zu wechseln.

Johan Vonlanthen 2004 EURO SwitzerlandJohan Vonlanthen nach seinem Tor bei der EM 2004 gegen Frankreich 

In der Mozartstadt findet er zunächst zurück in die Spur, entlockt selbst dem ehemaligen Weltmeister und –fußballer Lothar Matthäus, damals Assistenztrainer bei RB, überschwängliche Lobpreisungen. Anstatt von den Zusprüchen seiner Förderer zu profitieren, wächst Vonlanthens Selbstgefälligkeit, immer wieder wird er zudem von diversen Verletzungen zurückgeworfen. "Es war eine schwierige Phase. Es war nicht einfach, zu verarbeiten, dass ich es in Eindhoven nicht geschafft hatte", lässt er seine Zeit in Österreich Revue passieren.

Am Ende stehen für Johan 102 Einsätze, zwölf Treffer, 22 Vorlagen sowie zwei Meistertitel mit Salzburg zu Buche. Er heuert erstmals seit seinem Abgang im Jahr 2003 wieder in der Wahlheimat, diesmal beim FC Zürich, an. Dort macht er ein letztes Mal sportlich auf sich aufmerksam. In der Saison 2009/10 markiert Vonlanthen zehn Tore für seinen neuen Verein, wird aber dennoch nicht von Eidgenossen-Trainer Ottmar Hitzfeld für die WM in Südafrika berücksichtigt. Das einstige Wunderkind hadert, zweifelt an sich selbst und reist während dieser Zeit immer wieder nach Kolumbien, wo er seine spätere Ehefrau kennenlernt. Eine Begegnung, die Johans Leben nachhaltig verändern sollte.

"Gott kann man nicht ausdribbeln"

Sie ist Priesterin bei den Siebenten-Tags-Adventisten, einer protestantischen Freikirche, die bisweilen als Sekte angesehen wird. Eben jene Glaubensgemeinschaft hat den Samstag als Ruhetag auserkoren, an dem Arbeiten strengstens untersagt ist. Problematisch, wenn man bedenkt, dass samstags das Gros der Ligaspiele absolviert wird. Vonlanthens Begehren, an besagtem Tag nicht mehr spielen zu müssen, stößt beim FCZ auf wenig Verständnis. Es kommt zum Bruch zwischen Spieler und Verantwortlichen. 2011 zieht es Vonlanthen zu Itagüi Ditaires nach Kolumbien, wo seine Begeisterung für Gott und die Kirche wächst. Aussagen wie "Jesus ist jetzt mein Captain", "Jesus hat die totale Kontrolle über mich" oder "Gott kann man nicht ausdribbeln" unterstreichen den beinahe fanatisch anmutenden Glauben des vormaligen Super-Talents. Er selbst schwört darauf, nie aktives Mitglied der Freikirche gewesen zu sein.

Nach einem unspektakulären Jahr bei Itagüi schreibt die kolumbianische Presse, Vonlanthen habe seine Karriere als 26-Jähriger beendet. Meldungen, die sich – im Nachhinein betrachtet – als falsch herausstellen sollten. "Ich wollte es noch einmal wissen, auch wenn mir klar war, wie sehr ich nach einem Jahr bezüglich Wettkampfrhythmus in Rückstand geraten war“, macht er in der Berner Zeitung mit Hinblick auf sein Comeback in der Schweiz 2013 deutlich. Bei den Grasshopers Zürich, zu denen Vonlanthen nach seinem kolumbianischen Fußball-Exil geht, kann er sich nicht durchsetzen, dafür setzt er sich beim zweitklassigen FC Schaffhausen auf der Stelle durch, reift dort zum Leistungsträger, ehe sein Weg weiter zu Servette Genf und seit 2016 zum – ebenfalls in der zweiten Liga aktiven - FC Wil führt, für den er bis heute die Fußballschuhe schnürt.

Das schnelle, große Geld, die Prise etwas zu sehr ausgeprägter Selbstgefälligkeit und der Druck, als Jahrhunderttalent Bäume ausreißen zu müssen, haben den ganz großen Schritt Vonlanthens verhindert. Ein Junge, der unter Palmen mit selbstgebauten Fußbällen den Traum eines unbekümmerten Lebens als Star verfolgte und letztlich erst in Gott seinen Meister fand. Ein Junge, der heute über sich sagt, dass er mit sich im Reinen ist, bei dem aber immer wieder mitschwingt, sich mehr von allem erhofft zu haben. Ein karibischer Fluch? Wer weiß.

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