Mit leuchtenden Augen standen sie vor der Kurve. Obwohl sie mächtige Bärte trugen und eigentlich eher zum Fürchten aussahen, hatte das Bild der isländischen Nationalmannschaft vor ihren Fans etwas Rührendes.
Denn sie, die Männer, die gleich den großen Wikinger-Krieger unter ihren Vorfahren, den haushohen Favoriten England niedergerungen hatten, sahen aus wie Kinder an Weihnachten. Sie waren überwältigt. Vom Support ihrer Fans und natürlich vom Erreichten.
Denn bei der allerersten EM-Teilnahme, die allein schon einer Sensation glich, stürmten die Männer aus dem 323.000-Einwohner-Land gleich ins Viertelfinale. Sie stehen für all das, was man in Zeiten von Kommerz und Milliarden so schätzt am Fußballsport: Teamgeist, Leidenschaft und den absoluten Willen.
Pure Entschlossenheit
Bezeichnend waren nicht etwa die entschlossenen Gesichter nach den beiden brachial erzwungenen Toren, sondern die nach dem frühen vermeintlichen Schock, dem Elfmeter-Gegentor durch Wayne Rooney. Da war keine Angst, keine Panik ob der Kulisse und den millionenschweren Weltstars bei den Three Lions. Sondern nur Entschlossenheit.
Torwart Hannes Halldorsson, der bis 2013 neben der Fußball-Karriere als Filmregisseur und beim Zwergenklub Bodö spielt, trieb sein Team sofort wieder nach vorne. Obwohl er den Strafstoß verschuldet hatte und der Torschütze jemand gewesen war, den er eigentlich nur aus dem Fernsehen kennt.
Oder Kapitän Aron Gunarsson, jener bärtige englische Zweitliga-Kicker, der immer so aussieht, als käme er gerade vom Holzhacken in dichtem Schneetreiben. Er rief seinen Teamkollegen Kommandos zu, klatschte in die Hände und wiegelte die tollen Fans mit kreisenden Armbewegungen auf, sodass sie die jubelnden Engländer beinahe übertönten.
Huth wäre stolz gewesen
Und sechs Minuten später konzentrierte sich dieser Wille, bis zum Schlusspfiff nicht aufzugeben, in einer einzigen Szene zum Wendepunkt der Partie: Ragnar Sigurdsson setzte sich durch und beförderte den Ball im Rücken der verdutzten England-Abwehr ins Netz.
Was folgte, war ein Musterbeispiel des Kampfes füreinander, auf den die Leicester-Spieler stolz gewesen sein dürften. Jamie Vardy natürlich nicht. Der wurde eingewechselt, um mit seinem Antritt und seinem Riecher das Ruder herum zu reißen.
Und tatsächlich: Der Foxes-Senkrechtstarter tauchte plötzlich halblinks im Strafraum der Isländer auf und holte zum Schuss aus. Da kam etwas Blaues von rechts herangeflogen und trennte ihn den Willensstürmer Nummer eins so spektakulär vom Ball, dass es selbst Vardys Hauruck-Teamkollegen aus dem Verein Robert Huth und Wes Morgan schwer gefallen sein dürfte, nicht freudig zu johlen.

Wie einst die Wikinger
Und das alles gegen England, das wieder einmal bei einem großen Turnier die Segel streicht. Dabei sollte dieses Mal alles anders werden. Ohne Punktverlust war das von Roy Hodgson verjüngte Team durch die Quali gestürmt, hatte in Berlin Deutschland geschlagen. Und dennoch reichte es nicht. Die Gründe mögen verschiedener Natur sein, an diesem Sommerabend in Nizza aber reicht ein einziger: Ihnen fehlte die Gier, mit der die Männer in Blau jedem Ball nachjagten.
Auch deshalb ersparen wir Ihnen an dieser Stelle einen naheliegenden Brexit-Vergleich: Denn der Austritt aus der EU war der Wille des Volkes. Das Aus bei der EURO aber lag genau am fehlenden Willen. Es wirkte eher, als sei England weit in die eigene Geschichte zurückgefallen.
Im Jahr 789 eroberten Wikinger plündernd und mordend nach und nach die Insel. Sie waren gnadenlos, furchterregend und sie wollten ihn unbedingt, den Sieg über die Inselbewohner. Jahrhunderte später feiern sie wieder, die Wikinger. Dieses Mal nicht mit Äxten und Schilden, sondern mit Fußballschuhen und Laufbereitschaft bewaffnet.
Das "Allerbeste" kommt noch
Nach dem Spiel blieb es nicht lange rührselig. Für Sentimentalitäten ist keine Zeit. Die bärtigen Krieger wischten sich verstohlen die Tränen aus dem Gesicht. Und schauten dann wieder drein, als stünde direkt die nächste Schlacht bevor. Sie klatschten entschlossen und synchron mit ihren Fans, von denen in die Hände und feierten die Sensation mit dem Ritual, das fast dem neuseeländischen Haka ähnelt.
Im Viertelfinale wartete nun in Paris Gastgeber Frankreich. Angst haben diese Isländer freilich nicht. Warum auch? So wie ihre Vorfahren wissen, wie man sich die britische Insel zu Eigen macht, wissen sie auch, wie man die französische Hauptstadt in Angst und Schrecken in Angst und Schrecken versetzt: Im Jahr 885 fielen sie in Paris ein.
Ihr scheint alles zuzutrauen, dieser isländischen Truppe von Lars Lagerbäck und Heimir Hallgrimsson. Auch, dass sie nach dem Spiel am Sonntag in Saint-Denis wieder vor ihren Fans stehen, mit den leuchtenden Augen derer, die die nächste Sensation geschafft haben. Denn wie sagte Hallgrimsson gleich noch nach dem Spiel? “Aber das Allerbeste von uns haben Sie noch nicht gesehen.“ Das Kuriose: Man glaubt es ihm sofort.




