Es war der 24. April 2013. Da stahl einer Cristiano Ronaldo im Champions-League-Halbfinale gewaltig die Show - Robert Lewandowski erzielte im Trikot von Borussia Dortmund gegen Ronaldos stolze Madrilenen alle vier Tore beim 4:1-Sieg des BVB. Vielleicht wird sich der Pole vor dem Viertelfinale seiner Mannschaft gegen Ronaldo und Co. am Donnerstag (21 Uhr im LIVE-Ticker) an diesen magischen Abend erinnern. Denn Lewandowski, vor dem Turnier einer der heißesten Anwärter auf den EM-Torschützenkönig, ist in Frankreich noch torlos.
31 Tore schossen die Polen in den Qualifikationsspielen zur Europameisterschaft und stellten mit Lewandowski den besten Torschützen - ganze 13 Treffer steuerte der Bayern-Star auf dem Weg nach Frankreich bei. Bei der EM ist das polnische Offensiv-Feuerwerk verflogen. "Wir haben kein einziges Problem damit, dass er hier noch kein Tor geschossen hat", stärkte Polens Coach Adam Nawalka seinem Superstar vor dem Achtelfinale gegen die Schweiz den Rücken und verwies auf seine "herausragende Arbeit für die Mannschaft".
Torloser Lewandowski mit nur acht Schüssen
Tatsächlich arbeitet Lewandowski in einer Art Sonderrolle unermüdlich für das Team. Nicht er, sondern Arkadiusz Milik ist Polens eigentliche Sturmspitze. Das führt dazu, dass Lewandowski seltener als gewohnt dort auftaucht, wo er am gefährlichsten ist. Im Strafraum. Besonders deutlich wird dies, wenn man seine Offensivwerte mit denen von CR7 vergleicht. Der Madrilene hat nicht nur zwei Tore mehr auf dem Konto als der torlose Bayern-Stürmer, er gab auch fast viermal so viele Schüsse ab.

Sowohl Lewandowski als auch Ronaldo standen über die komplette Distanz auf dem Feld (je 390 Minuten). Das heißt: CR7 suchte knapp alle 13 Minuten den Abschluss, Lewy benötigte im Schnitt länger als eine Halbzeit dafür (alle 49 Minuten). Aus der Bundesliga kennt man den Polen ganz anders, in der Vorsaison feuerte er im Schnitt alle 17 Minuten einen Schuss ab (152 insgesamt).
Dass Lewandowski in seiner Kernkompetenz nicht glänzt, liegt also nicht an ihm, sondern an seiner Rolle unter Nawalka. Einen weiteren Beweis liefern seine Ballaktionen, die er zumeist außerhalb des Strafraums hat. Im zweiten Gruppenspiel gegen Deutschland berührte Lewandowski das Leder sogar kein einziges Mal im gegnerischen Sechzehner.
Wie es ist, sich für die Mannschaft zu "opfern", musste auch Portugals Superstar unlängst erfahren. Im Achtelfinale verzweifelte Kroatien an der Defensivtaktik von Trainer Fernando Santos, die Ronaldo in eine andere Rolle schlüpfen ließ. Bis zur 117. Minute musste er auf seinen ersten und einzigen Torschuss warten, in den 90 Minuten der regulären Spielzeit hatte er den Ball nur einmal im Sechzehner berührt. "Ich sehe auch am liebsten schönen Fußball, genau wie die Zuschauer. Aber so gewinnt man keine Turniere", erklärte Portugals Coach nach dem Spiel. Gegen die defensiv ausgerichteten Polen dürfte Ronaldo wieder von der Leine gelassen werden. Und vielleicht darf sich auch Lewandowski mal wieder im gegnerischen Strafraum austoben.
