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Deutschland - Frankreich

Frankreichs offene Wunde

15:00 MESZ 07.07.16
GFX France-GER
Griezmann, Payet, Giroud - Frankreich feiert sein Offensiv-Dreieck. Sorge macht die wacklige Abwehr, die im Halbfinale gegen Deutschland erstmals richtig gefordert ist.

Die ganze Mannschaft habe "absolute Schwächen im defensiven Verhalten", urteilte Ottmar Hitzfeld bei Sky Sport News über Frankreichs Abwehr. Natürlich liegt ein Grund in den vielen Ausfällen: Der nominelle Abwehrchef Raphael Varane musste genauso verletzt passen wie Jeremy Mathieu, Liverpools Mamadou Sakho wurde kurz vor der EM positiv auf Doping getestet und nicht berufen. 

Die Hintermannschaft der Equipe Tricolore ist im Vergleich zur herausragenden Offensive eine klare Schwachstelle. Wie eine offene Wunde, in die man den Finger halten muss. Die endgültige Beurteilung wird aber erst nach dem Spiel gegen Deutschland möglich sein. Denn die DFB-Elf ist der erste Gegner auf absolutem Top-Niveau, den der Gastgeber vor der Brust hat.

Die Marschroute gab Didier Deschamps bereits vor: "Je mehr wir sie zum Verteidigen zwingen, umso besser", sagte der Nationalcoach auf der Pressekonferenz nach dem Island-Spiel zum nächsten Gegner. Der ehemalige defensive Mittelfeldspieler weiß genau, dass seine Offensive die Spiele entscheidet. Und die Defensive besser nicht zu sehr unter Druck gerät. Frei nach dem Motto: mehr Tore schießen als bekommen. 

Alle Gegentore resultierten aus Flanken

Bislang spielten die Franzosen - mit Ausnahme der Schweizer - gegen Mannschaften, die sich mehr oder weniger hinten rein stellten. Deutschland wiederum hat mit 67 Prozent den höchsten Ballbesitz im Turnierverlauf und wird versuchen, Frankreich so weit wie möglich in die eigene Hälfte zu drücken. Löws Ziel wird es also ebenfalls sein, Frankreich zum Verteidigen zu bringen. Flanken wären ein probates Mittel, denn alle vier Gegentore bei der EM resultierten nach Hereingaben aus dem Spiel heraus. Gegen Rumänien und Irland führten Flanken zu den Elfmetern, die jeweils verwandelt wurden. Gegen Island hatte die französische Hintermannschaft bei beiden Gegentreffern ebenfalls das Nachsehen nach diesen Situationen.

Die deutsche Mannschaft flankte nach Portugal am häufigsten aus dem Spiel heraus bei dieser EM (109), jedoch kam man zu selten in den Rücken der Abwehr. Mit dem Ergebnis, dass nur 17 Hereingaben einen Mitspieler fanden - eine der schwächsten Quoten aller Mannschaften. 

Lloris nicht der große Rückhalt

Les Bleus ließen mit 41 Schüssen insgesamt nicht viel mehr zu als Deutschland (33), darunter waren allerdings sieben gegnerische Großchancen. Zum Vergleich: Jerome Boateng und Co. ließen nur drei Großchancen zu. Ein weiteres Problem: Hinter Abwehrchef Laurent Koscielny, der starke 82 Prozent seiner Zweikämpfe gewann, steht Hugo Lloris zwischen den Pfosten, der sich nach einem herausragenden Reflex im Eröffnungsspiel gegen Rumänien erst wieder gegen Island auszeichen konnte. Lloris patzte nicht, zeigt sich aber keinesfalls so sicher wie auf der anderen Seite Manuel Neuer (siehe Grafik).

Im Halbfinale kann Didier Deschamps immerhin wieder auf Innenverteidiger Adil Rami und Sechser N'Golo Kante zurückgreifen, die nach Gelb-Sperren wohl in die Startelf zurückkehren werden. Das dürfte auch eine taktische Änderung nach sich ziehen: Kante rückt wieder zwischen die beiden defensiven Mittelfeldspieler Paul Pogba und Blaise Matuidi, sodass Deschamps mit dem defensiveren 4-3-3 agiert. Gegen Island hatte er sich für das 4-2-3-1 entschieden, mit dem zusätzlichen Offensivspieler Moussa Sissoko.

Ein Wechsel im taktischen System, den der Coach nicht zum ersten Mal vollzog bzw. vollziehen musste. Das Achtelfinale gegen Irland war nur ein Beispiel: Les Bleus war mit einem 4-3-3 ins Spiel gegangen, zur zweiten Halbzeit kam Kingsley Coman für Kante in die Partie und Frankreich agierte fortan im 4-2-3-1. Und machte aus einem 0:1-Rückstand ein 2:1. 

Hat Deschamps also sein optimales System noch nicht gefunden oder ist er taktisch so flexibel, dass er je nach Bedarf variieren kann? Wie man das Gleichgewicht zwischen Defensive und Offensive findet, weiß er nur zu gut. Als Spieler war der heute 47-Jährige schließlich der defensive Stabilisator im Mittelfeld, mit dem die Goldene Generation um Zinedine Zidane Welt- und Europameister wurde. Damals wusste er allerdings Weltklassespieler wie Laurent Blanc, Marcel Desailly oder Lilian Thuram hinter sich in der Abwehrkette.