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Robin Yalcin im Goal-Interview: "Quaresma und Nani sind beeindruckend"

17:00 MESZ 25.04.17
ONLY GERMANY // Robin Yalcin
Er spielte mit Can und Co. für Deutschland und galt als großes Talent. Heute spielt Yalcin in der Türkei und spricht mit Goal über seine Karriere.

Den Großteil seiner Jugend verbrachte Robin Yalcin beim VFB Stuttgart. Erste große Aufmerksamkeit erlangte er vor knapp sechs Jahren, als Yalcin zusammen mit Emre Can, Mitchell Weiser, Samed Yesil und Co. die U17-Weltmeisterschaft in Mexiko rockte und mit der DFB-Auswahl nur knapp den Titel verpasste. Im Sommer 2015 zog es den Mittelfeldspieler mit türkischen Wurzeln dann in die Süper Lig zu Rizespor. Dort hat er sich sehr gut eingelebt und ist auf Anhieb ein wichtiger Faktor im Spiel seiner Mannschaft geworden.

Im exklusiven Interview mit Goal spricht der 23-Jährige über den türkischen Fußball und welches Stadion ihm bislang von der Stimmung und Atmosphäre her am stärksten im Gedächtnis geblieben ist. Außerdem spricht er über einen besonderen Freund beim FC Bayern, welche Gegenspieler ihn bisher am meisten beeindrucken konnten, eine mögliche Rückkehr nach Deutschland und die bisherigen Highlights seiner jungen Karriere.

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Herr Yalcin, wie ist es damals zu Ihrem Wechsel in die Türkei gekommen und welche Faktoren haben bei dieser Entscheidung eine Rolle gespielt?

Robin Yalcin: Der Hauptfaktor war eigentlich der Trainer. Als ich 18 Jahre und noch in Stuttgart war, wollte er mich bereits in die Türkei lotsen. Damals war ich aber einfach noch nicht bereit dafür. Einige Zeit später habe ich mich aber dann doch mit ihm getroffen und hatte auch das Gefühl, dass er mich unbedingt haben wollte und dadurch, dass ich in Stuttgart ein halbes Jahr verletzt war und unsere Vorstellungen ein bisschen auseinander gegangen sind, bin ich dann eben hierher gewechselt.

Haben Sie denn auf Anhieb damit gerechnet, gleich Stammspieler in der höchsten türkischen Liga zu werden oder mit welchen Erwartungen sind Sie an die Sache rangegangen?

Yalcin: Natürlich war es keine leichte Situation. Mit 22 Jahren war ich der jüngste Spieler, aber den Anspruch zu spielen habe ich eigentlich immer. Der Trainer hat mir in den ersten Gesprächen ein ziemlich gutes Gefühl gegeben und vertraue auch in meine Qualitäten. Ich weiß, zu was ich fähig bin und die Saisonvorbereitung verlief auch ziemlich gut. Glücklicherweise hatte ich auch keine gesundheitlichen Probleme, was in den letzten Jahren leider nicht immer der Fall war. Somit war ich von Beginn an ein wichtiger Teil der Mannschaft.

Haben Sie vor Ihrem Wechsel überhaupt noch mit einem Durchbruch im Profifußball gerechnet? Oder haben Sie darin vielleicht sogar Ihre letzte Chance gesehen?

Yalcin: Dass ich das Zeug für den Durchbruch habe, war mir eigentlich immer klar. Ich glaube, dass viele mich einfach nicht mehr so auf dem Zettel hatten, dadurch dass ich eben viele Verletzungen hatte. Aber ich habe gewusst, welche Fähigkeiten und Qualitäten ich habe und es geht nur darum, diese abzurufen. Wenn ich dann mal verletzungsfrei bin, sieht man es auch. Der Fußball ist halt schnelllebig. Manchmal bist du schnell abgeschrieben und auf einmal bist du wieder interessant. Ich habe nie den Glauben verloren und war schon der Meinung, dass ich auf meine Einsätze kommen werde.

Was ist das für ein Gefühl, in der Süper Lig gegen Stars wie Podolski, Sneijder, Quaresma oder eben letztes Jahr Gomez oder Nani zu spielen?

Yalcin: Diese Begegnungen haben natürlich eine gewisse Brisanz, weil du in diesen Spielen mit deiner Mannschaft der Underdog bist. Aber ich glaube, das Niveau in der Türkei wird oft unterschätzt und es geht nicht nur um diese Spieler mit großen Namen, sondern auch um Talente, die man in Europa vielleicht noch nicht kennt. Da sind wirklich viele Teams dabei, wo man eine gewisse Qualität einfach erkennen kann. Aber wenn du gegen solche großen Namen spielst, ist das natürlich schon noch einmal was Besonderes. Man hat Respekt vor den Jungs, genau wie vor den anderen Spielern auch. Dass sie ohne Zweifel mehr erreicht haben als andere ist auch logisch, aber ich habe in den 90 Minuten keine Angst oder Ehrfurcht vor ihnen.

Wer war der härteste Gegenspieler, gegen den Sie jemals gespielt haben?

Yalcin: Also ich muss schon sagen, Thiago Alcantara ist für mich einfach ein Ausnahmespieler. Als ich noch beim VFB war, habe ich es live miterleben dürfen. Das war eines der ersten Bundesliga-Spiele, bei dem ich im Kader war. Passenderweise entschied er dieses Spiel dann mit einem grandiosen Seitfallzieher in der 94. Minute, aber auch seine Bewegungsabläufe sind schon sehr beeindruckend. Da kann man diese Barca-Schule einfach erkennen. Allgemein ist Bayern in Deutschland das Maß aller Dinge, da gibt es nichts zu diskutieren. Hier in der Türkei sind ein Quaresma oder ein Samuel Eto’o auch trotz ihres Alters beeindruckend. Da lässt sich schon noch erkennen, warum sie bei so großen Vereinen gespielt haben, weil sie einfach eine unglaubliche Qualität und Erfahrung haben. Ich freu mich auch für Jo (Kimmich; Anm. d. Red.).


Robin Yalcin (u., M.) im DFB-Trikot. Mitspieler waren damals Mitchell Weiser (u., l.) und Emre Can (o., r.)

Wie kommt es denn dazu?

Yalcin: Er ist eigentlich mein bester Freund, weil wir uns schon seit sieben oder acht Jahren kennen und jetzt auch immer noch sehr oft Kontakt haben. Für den freut es mich einfach ungemein, dass er es in München gepackt hat, auch wenn er in den letzten Wochen wohl nicht ganz so zufrieden war. 

Wie kam es zu dieser Freundschaft?

Yalcin: Das ist noch aus Stuttgarter Zeiten. Als ich mit 15 nach Stuttgart gegangen bin, war er bereits in der Jugend. Wir waren dort zusammen auf dem Internat und seitdem kennen wir uns eigentlich. Einige Jahre haben wir miteinander gespielt und durch die Tatsache, dass wir auch im Internat immer zusammen waren, kennen wir uns einfach schon ziemlich lange. Selbst als er dann zu Leipzig gegangen ist, ist der Kontakt nie abgebrochen.

Wie darf man sich das genau vorstellen? 

Yalcin: Wir schreiben nicht jeden Tag, aber wir hören uns schon ziemlich oft per SMS oder FaceTime. Bei der Europameisterschaft habe ich ihm zum Beispiel vor dem Spiel noch kurz geschrieben und ihm viel Glück gewünscht. Wenn wir Chaoten mal telefonieren, dauert das eh mindestens 45 Minuten. Das ist meistens schon ziemlich lustig. Man sagt ja immer, manche Personen sind arrogant, aber ich sage immer, man muss die Person kennen. Ich kenne Jo einfach bereits sehr lange und da hat sich in unserer Beziehung, egal wer jetzt wo spielt, eigentlich nie etwas verändert.

Kommen wir wieder zurück zur Süper Lig. Welche Spiele sind für Sie die absoluten Highlights der Saison?

Yalcin: Im neuen Stadion von Besiktas, der Vodafone Arena, herrscht schon eine außergewöhnliche Atmosphäre, das muss man einfach sagen. Die Fans dort sind völlig verrückt. Gegen uns war es mit 30.000 ausverkauft und jeder einzelne Fan sorgt für Stimmung. Das ist schon ziemlich beeindruckend. Auch bei Galatasaray war eine ziemlich gute Stimmung, aber die für mich beeindruckendste Kulisse war schon Besiktas. Sie sind für mich spielerisch die beste Mannschaft in der Türkei und zusammen mit ihren Fans bilden sie eine unglaublich feste Einheit.

Sie haben die Stimmung und Atmosphäre bereits angesprochen. Gibt es für Sie da irgendwelche besonderen Unterschiede im Vergleich zu Deutschland?

Yalcin: Ja, es gibt schon Unterschiede. Das Stadion bei Darmstadt 98 beispielsweise ist trotz der Tabellensituation in der Regel ausverkauft. Das ist in der Türkei nicht immer so. Hier ist vieles davon abhängig, wie es bei einer Mannschaft sportlich läuft. Das finde ich persönlich ein bisschen schade. In Deutschland pfeifen die Fans vielleicht, wenn sie nicht zufrieden sind, aber die Stadien sind trotzdem immer ziemlich voll und die Mannschaft wird von ihren Fans unterstützt. Ansonsten ist die Süper Lig in den letzten Jahren vom Niveau her immer stärker geworden. Besiktas hat zwar einen kleinen Vorsprung, aber dahinter reihen sich viele Teams eng aneinander.

Wie darf man sich dann den Tagesablauf eines Spielers, der aus Deutschland in die Türkei gewechselt ist, vorstellen? 

Yalcin: Hier in Rize gibt es nicht wirklich viel. Du lebst am Meer, es ist ruhig und schön hier, aber du kannst es nicht mit einer Großstadt vergleichen. Man kann an den Strand gehen oder einen Kaffee trinken bei schönem Wetter, aber wenn die Sonne mal nicht scheint, gibt es nicht zu viele Möglichkeiten. Dadurch kannst du dich aber auch voll und ganz aufs Kicken konzentrieren und ich glaube für Spieler, die gerne durch Eskapaden auffallen, wäre es hier sicherlich kein schlechter Ort (lacht). Oft treffe ich mich mit Mannschaftskollegen und  wir gehen in ein Cafe oder Restaurant. Manchmal werden auch Fußballspiele privat zusammen geschaut. Ansonsten bin ich überwiegend  im Trainingszentrum, weil jeder Spieler hier sein eigenes Zimmer hat. Hier habe ich eigentlich alles. W-LAN, Playstation, meinen Fernseher und den Rest. Morgens versuche ich nach dem Frühstück noch täglich eine Stunde Türkisch zu lernen, aber ansonsten unternehme ich viel mit meinen Kollegen.

Wie sehen denn Ihre persönlichen Ziele in Zukunft aus?

Yalcin: Momentan fokussiere ich mich nur darauf, dass wir mit Rizespor den Klassenerhalt schaffen. Längerfristig gedacht will ich schon wieder irgendwann nach Deutschland zurück und dann auch wieder Bundesliga spielen, diesen Reiz habe ich auf jeden Fall. Aber derzeit konzentriere ich mich zu 100 Prozent auf den Abstiegskampf.

Mit welchem Anspruch denken Sie an eine Rückkehr nach Deutschland? Soll es dann auf jeden Fall die Bundesliga sein und gab es bereits erste Anfragen?

Yalcin: Damit möchte ich mich im Moment nicht beschäftigen. Derzeit geht es hier wie in allen anderen Ligen um alles, also würde ich mir auch keine Angebote anhören. Danach hätte ich natürlich schon den Anspruch an mich selbst, dass ich wenn dann in eine erste Liga wechsle. Wenn ich hier erste Liga spielen kann, dann kann ich das in Deutschland auch. Der Unterschied zwischen der Türkei und Deutschland ist nicht zu groß, da darf man die Süper Lig nicht unterschätzen.

Um dieses Thema vielleicht abzuschließen, Sie waren jahrelang bei Stuttgart. Hat es da in den letzten Jahren Kontakt gegeben oder ist dieses Kapitel für Sie beendet?

Yalcin: Stuttgart ist ein Herzensverein von mir und wird es auch immer bleiben, egal ob ich mal zurückkehre oder nicht. Ich habe dort meine ersten Bundesligaspiele gemacht. Es ist einfach ein außergewöhnlicher Verein mit außergewöhnlichen Fans ist. Auch heute schaue ich teilweise noch die Spiele und kenne ein paar Jungs. Glücklicherweise sind sie ja nach dem Abstieg wieder auf dem besten Weg nach oben, wo der Verein auch hingehört, mit der Arena und diesen Fans. Es hat sich in letzter Zeit auch vieles verändert, deswegen wären es ja, falls mich jemand kontaktieren würde, größtenteils auch neue Leute für mich. Wenn da eine Anfrage kommen sollte, würde ich wahrscheinlich nicht Nein sagen, weil es nicht nur fußballerisch sondern auch wegen meiner persönlichen Verbundenheit interessant wäre.

Trotz Ihres jungen Alters haben Sie als Fußballer bereits einiges erleben dürfen. Was waren dabei bisher Ihre persönlichen Highlights?

Yalcin: Da muss ich kurz überlegen (lacht). Ich hatte das Glück mit 17 Jahren eine Europameisterschaft und Weltmeisterschaft zu spielen. Der ganze Weg mit der Qualifikation und dann auch den Turnieren war ein Erlebnis. Wenn man dann mit 17 bei einer WM vor 100.000 Leuten im Azteken-Stadion spielt, dann bleibt einem das für immer im Kopf. Ich hatte das Glück, 50 Junioren-Länderspiele für Deutschland zu machen und die Mannschaft teilweise auch als Kapitän aufs Feld führen zu dürfen. Das war schon eine Ehre für mich und wird immer eine Ehre bleiben. Ein weiteres Highlight war natürlich mein erstes Bundesliga-Spiel für den VFB. Das ist natürlich auch eine Sache, die immer in meinen Erinnerungen bleiben wird.

Sie haben die U17-WM in Mexiko bereits angesprochen. Für ein Jugendturnier war das Interesse an diesem Ereignis durchaus groß, als Sie mit Spielern wie Can, Weiser oder Yesil ein beeindruckendes Turnier gespielt haben. Inwieweit hat man sich seitdem und auch dadurch als Spieler weiterentwickelt?

Yalcin: Das ganze Turnier war einfach eine unglaubliche Erfahrung. Es ist nur logisch, dass man sich über die Jahre hinweg weiterentwickelt. Vor allem körperlich ist das eine andere Welt von Jugend- zu Männerfußball. Ich bin ein Typ, der sich ständig verbessern will. Meine Stärke war schon immer, Verantwortung zu übernehmen und das gelingt mir denke ich ganz gut. In den letzten Jahren ging es vor allem darum, eine gewisse Konstanz in meine Leistungen zu bringen, auch wenn es aufgrund der Verletzungen nicht immer leicht war.

Was sagen Sie zu dieser These: "Robin Yalcin hat einen gewissen Anteil am Weltmeistertitel von Deutschland 2014 in Brasilien."

Yalcin: (lacht). Vielleicht haben wir als U20-Mannschaft einen kleinen Anteil und haben den Jungs von Jogi Löw in der Vorbereitung als eine Art Sparringspartner beim Training weiterhelfen können, weil sie dadurch einfach gewisse taktische Sachen testen konnten. Uns wurde im Vorfeld gesagt, mit welchem System und welcher taktischen Ausrichtung wir im Trainingsspiel agieren sollen. Wenn du ein Länderspiel organisierst, wird sich das keine Mannschaft vorschreiben lassen. Deshalb waren wir schon eine kleine Hilfestellung, aber unser Anteil daran, was die Mannschaft dann in Brasilien erreicht hat, ist im Vergleich wahrscheinlich relativ gering.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Aufgrund Ihrer türkischen Wurzeln könnten Sie theoretisch auch für die türkische Nationalmannschaft auflaufen. Käme das für Sie überhaupt in Frage oder schließen Sie das von vornherein aus?

Yalcin: Diese Diskussion gab es ja früher bereits häufiger, weil wir damals in der Nationalmannschaft viele Spieler mit deutsch-türkischem Hintergrund hatten. Wenn mal eine Anfrage kommen würde, muss man sich das vernünftig überlegen. Deshalb kann man das in beide Richtungen offen lassen. Aber ich habe dem DFB sehr viel zu verdanken und es war immer eine Ehre den Adler auf der Brust zu tragen.