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Emanuele Giaccherini: Aufstieg mit Hindernissen

Wenn man Emanuele Giaccherini nach dem größten Moment seiner Karriere fragen würde, dürfte sein Führungstreffer vor einigen Tagen zum 1:0 gegen die Belgier im ersten EM-Gruppenspiel wohl am ehesten genannt werden. Einen traumhaften Pass von Leonardo Bonucci über den halben Platz nahm der Offensiv-Allrounder gekonnt im Strafraum an und schob die Kugel schulbuchmäßig an Thibaut Courtois vorbei ins Netz. 

Für den 31-Jährigen und seine Italiener war das Tor der Startschuss zu einer bislang bärenstarken EM, die nun am Samstag (21 Uhr im LIVE-TICKER)  beim Viertelfinale im Länderspiel-Klassiker gegen die deutsche Mannschaft gipfelt. Der Startschuss in die Karriere des Bologna-Angreifers verlief hingegen alles andere als rund. 

Im Alter von 15 Jahren prallte Giaccherini in einem Jugendspiel so unglücklich mit dem gegnerischen Torwart zusammen, dass ihm anschließend die Milz entnommen werden musste. Die Folgen dieses Sportunfalls reichen bis in die heutige Zeit. Seit seiner Operation braucht er alle vier Monate neue Injektionen, um sich vor möglichen Infektionen und Krankheiten ausreichend schützen zu können. 

Doch die Beeinträchtigung hinderte Giaccherini nicht daran, den Traum Profi-Fußballer Wirklichkeit werden zu lassen und er kämpfte sich wieder zurück auf den Platz. Sein Weg zum Nationalspieler war jedoch auch in den folgenden Jahren äußert steinig und von Rückschlägen geprägt. 

Odyssee durch vierte Liga

Als er 19 war, wurden Scouts des AC Cesena auf den Jungspund aufmerksam und holten ihn aus der italienischen Provinz in die Serie B. Doch Giaccherini konnte sich dort nicht durchsetzen und so begann eine lange Odyssee durch die vierte Liga. In vier Jahren spielte er bei drei verschiedenen unterklassigen Vereinen (Forli, Bellaria, Pavia), doch gelang ihm auch dort nicht der erhoffte Durchbruch. Seine Trainer warfen ihm vor, dass er zu leicht vom Ball zu trennen sei und aufgrund seiner Größe nicht das Potenzial für den Profi-Fußball habe.

Nach einem doppelten Knöchelbruch stand seine Karriere 2008 daraufhin kurz vor dem Scheitern und er überlegte wieder in seinen alten Job zurückzukehren, in dem er Betonteile fertigte. Doch das Schicksal meinte es gut mit dem 31-Jährigen und so konnte er in einem Testspiel Cesenas den neuen Teammanager Pierpaolo Bisoli von sich überzeugen und bekam einen neuen Vertrag in der dritten Liga.

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"Ich habe keinen Ausweg gesehen. Aber ich wollte es bis zum Ende versuchen, um nicht alle zu enttäuschen, die immer an mich geglaubt hatten. Das Freundschaftsspiel in diesem Sommer änderte mein Leben", resümierte Giaccherini. Nach zwei Aufstiegen in Folge mit Cesena, holte der heutige Nationalcoach Antonio Conte den flinken Techniker für die stolze Summe von 7,25 Millionen Euro zu Juventus. Kein Wunder, schließlich hatte er in seiner ersten Serie-A-TIM-Saison mit elf Scorerpunkten geglänzt und unter Beweis gestellt, dass er auch auf höchstem Level bestehen kann. 

Nach zwei Jahren als Ergänzungsspieler bei der Alten Dame (sechs Tore) zog er 2013 zum FC Sunderland nach England weiter, wo er körperlich und taktisch den nächsten Sprung machte. So weit, dass er in der vergangenen Saison bei seinem Leihverein FC Bologna im Alter von 30 Jahren die beste seiner Karriere hinlegte und die Norditaliener mit sieben Toren vor dem Abstieg bewahrte. 

Dennoch ist ungewiss, ob er dort in der kommenden Saison weiter auflaufen wird. Laut seinem Berater Furio Valcareggi sind neben Anfragen aus dem Ausland vor allem sein Leihverein Bologna und der FC Turin an einer Verpflichtung interessiert. Außerdem liebäugelt er mit einem Engagement beim neuen Arbeitgeber seines Förderers Antonio Conte, dem FC Chelsea: "Das ist wahrscheinlich der Karriere-Höhepunkt von Giaccherini. Falls Conte anruft, fliegen wir nach London", so Valcareggi.

Offensiv sehr variabel

Doch was macht den 28-fachen Nationalspieler eigentlich so stark? Mit seiner Körpergröße von nur 1,67 Meter bringt er ein enormes Tempo auf den Platz. Er ist äußert trickreich und gepaart mit seinem schnellen Antritt für gegnerische Verteidiger oftmals nur schwer zu halten. Eine weitere Stärke ist seine Variabilität.

Er kann problemlos jede Position im Mittelfeld bekleiden - auch weil er durch seine Zeit bei Juve und in England inzwischen auch als giftiger Balleroberer und Pressing-Spieler glänzt. Unter Conte spielt er deshalb bei der EM bislang durchgängig im linken zentralen Mittelfeld, wo er seine offensiven und defensiven Stärken kombiniert.

Der ehemalige italienische Nationalspieler Giuseppe Bergomi ist indes begeistert von Giaccherinis Fähigkeiten. "Giaccherini ist die wahre Überraschung dieser EM. Er ist diszipliniert und vielseitig einsetzbar. Zudem stellt er sich immer in den Dienst der Mannschaft. Er hat die Qualitäten eines echten Regisseurs. Sein technisches Talent ist beeindruckend", sagte er der Rheinischen Post.

Gegen Deutschland will Giaccherini seinen Lauf fortsetzen und den Weltmeister aus dem Turnier werfen. Wovor das DFB-Team sich fürchten sollte, ist für ihn völlig klar: "Wir haben nicht die Weltklassespieler aus der Vergangenheit. Aber das Wichtigste ist, ein Team zu sein, in dem jeder dem anderen hilft und weiß, was er zu tun hat."

Und Giaccherini weiß genau, was er zu tun hat: die Sqadra Azzurra mit seinen Toren zum EM-Titel schießen. Dann hätte er endgültig die Antwort auf die Frage nach dem größten Moment seiner Karriere - und wieder einmal alle Hindernisse überwunden. 

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