WM 1994: Als Dopingsünder Diego Maradona Argentinien in Schockstarre versetzte

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Bei der WM 1994 wollte es Diego Maradona noch einmal allen zeigen. Doch er griff dafür auf illegale Mittel zurück - und sorgte für Schockstarre.

HINTERGRUND

Auf dem Fußballplatz konnte Diego Armando Maradona nie etwas verunsichern. So war es auch an jenem 25. Juni 1994 in Boston, als er Hand in Hand mit einer Krankenschwester, die ihn zur Dopingkontrolle bringen sollte, ein irgendwie seltsames Bild abgab. Dennoch grinste Maradona breit, küsste die argentinische Flagge auf seinem Trikot und ballte voller Zuversicht die Faust in Richtung Fans.

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Als er den Rasen verlassen hatte, in den Katakomben, auf den letzten Schritten zur Dopingkontrolle, machte sie sich aber deutlich breit, die Verunsicherung. Sein Gesicht verriet: Sie haben mich, sie kriegen mich dran. Folgen sollten die vielleicht traurigsten Tage, die Argentiniens Fußball je erlebt hat.

Dabei schien doch eigentlich alles wieder gut zu werden. 1991 war der alternde Nationalheld, der die Albiceleste 1986 zum WM-Titel geführt hatte und in Argentinien ob seiner genialen Fähigkeiten am Ball wie ein Heiliger verehrt wurde, wegen Kokainmissbrauchs für 15 Monate gesperrt worden. Kaum jemand traute Maradona daher zu, noch einmal fit zu werden für einen letzten ganz großen Auftritt.

Maradona vor WM '94: "Habe die Leute satt, die sagen, ich sei fett"

"Ich habe die Leute satt, die sagten, dass ich fett sei und nicht mehr der wahre Maradona. Sie werden den wahren Diego bei der WM sehen", sagte er vor der Abreise in die Staaten vollmundig. Und griff dabei verhängnisvollerweise zu illegalen Mitteln.

Doch Genie kennt keine Grenzen - so glaubten es der Auserwählte und seine Verehrer im Juni 1994 zumindest. Trotz seiner bereits 33 Jahre und der zuweilen geschwundenen Sportlerfigur hatte es Maradona tatsächlich geschafft, in Top-Form bei der WM in den USA zu erscheinen. 

Zum Auftakt rollten die Argentinier, angeführt von einem überragenden Diego, über Griechenland hinweg. 4:0 hieß es am Ende, Maradonas Tor zum 3:0 war eines der schönsten der gesamten WM. Nach wunderbarer Kombination zirkelte er den Ball mit seinem linken Zauberfuß in den Winkel.

Maradona spielte auf, als habe es seine 15-monatige Sperre, die ja noch gar nicht so lang zurück lag, als habe es den ganzen Skandal um seinen Kokainmissbrauch nie gegeben. Fernando Redondo und Diego Simeone hielten ihm im Mittelfeld den Rücken frei, vorne hatte er Gabriel Batistuta oder Claudio Caniggia, mit denen er zaubern konnte.

Er, der Junge aus dem armen Arbeiterviertel von Buenos Aires, der schon mit 16 Jahren für die Nationalmannschaft debütiert hatte, der einer der besten Spieler aller Zeiten war. Sein unfassbares Talent verleitete Maradona aber eben auch mal dazu, sich unantastbar zu fühlen - und deshalb dumme Dinge zu tun.

Maradonas schwärzester Tag

Vor der WM 1994 hatte er so etwas getan. Noch fiel es aber niemandem auf. Stattdessen träumte ganz Argentinien vom nächsten WM-Titel, von Diegos nächsten Sternstunden. Im zweiten Gruppenspiel, gegen Geheimfavorit Nigeria, sollte es zunächst glanzvoll weitergehen.

Diego Maradona GFX

2:1 hieß es am Ende für die Südamerikaner, den Siegtreffer Caniggias bereitete Maradona mit einem geistesgegenwärtig schnell ausgeführten Freistoß vor. Der WM-Titel, da waren sich plötzlich alle einig, geht nur über dieses Argentinien mit seinem auf die alten Tage wiedererstarkten Idol.

Doch alles kam anders. Der Abgang aus dem Bostoner Foxboro Stadium, Hand in Hand mit jener blonden Krankenschwester, war der Anfang vom Ende. Am 30. Juni 1994, fast auf den Tag genau acht Jahre, nachdem Maradona die Albiceleste am 29. Juni 1986 im Finale gegen Deutschland zum WM-Titel geführt und den wohl glücklichsten Tag seines Sportlerlebens zelebriert hatte, erlebte er seinen schwärzesten Tag. Und nicht nur er, sondern der gesamte argentinische Fußball.

Fünf Formen von Ephedrin, einer leistungssteigernden Substanz, die auf der Doping-Liste der FIFA stand, wurden in Maradonas Dopingprobe nach dem Sieg gegen Nigeria am 25. Juni nachgewiesen. Sechs Stunden vor Anpfiff von Argentiniens drittem Gruppenspiel am 30. Juni gegen Bulgarien gab der Weltverband das auf einer Pressekonferenz bekannt.

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Dass Maradona das Ephedrin, das die Atmung verbessert, Adrenalin frei setzt und bei der Gewichtsabnahme hilft - Maradona hatte im Vorfeld der WM 1994 mehr als zehn Kilo in relativ kurzer Zeit abgenommen - versehentlich über medizinische Präparate eingeführt hatte, schloss man aus. "Er muss einen Doping-Cocktail zu sich genommen haben, denn die fünf nachgewiesen Substanzen finden sich in keinem einzigen Medikament wieder", erklärte Michel d'Hooghe, Arzt und seinerzeit Mitglied es Exekutiv-Komitees der FIFA.

Argentinien scheidet ohne Maradona im Achtelfinale aus

Es gab kein Zurück, Maradona wurde von der WM ausgeschlossen, durfte schon gegen Bulgarien nicht mehr mitwirken. Ohne ihren Superstar unterlagen die wie paralysiert wirkenden Argentinier den Bulgaren mit 0:2, in der gesamten Fußballwelt setzte kurzzeitig Schockstarre ein. Vor allem natürlich in Maradonas Heimat.

Die argentinische Tageszeitung Pagina/12 druckte tags darauf ein überdimensionales "Schmerz" auf ihrer Titelseite ab. Viele sagten zwar, sie hätten genau das kommen sehen. Und doch erstarrte mit Maradonas Aus gewissermaßen ein ganzes Land. Kein Wunder. Man stelle sich nur mal die Ausmaße vor, wenn in wenigen Wochen plötzlich Lionel Messi wegen Dopings von der WM in Russland ausgeschlossen würde.

"Sie haben mein Karriereende erzwungen", wetterte Maradona selbst. "Aber ich will keine weitere Revanche mehr. Meine Seele ist gebrochen." Nie wieder sollte der große Diego ein WM-Spiel bestreiten. Seine Mannschaftskameraden versuchten indes zwar, sich einzuschwören und für Maradona, der ihnen nicht mehr helfen durfte, den Titel zu holen. Doch nach der bedeutungslosen Niederlage im letzten Gruppenspiel gegen Bulgarien verlor Argentinien auch das Achtelfinale gegen Rumänien und schied aus. Nur drei Tage, nachdem ihr Anführer aus dem Turnier geflogen war.

Bis heute ist der 30. Juni 1994 der wohl schwärzeste Tag für Argentiniens Fußball. Und Maradona muss damit leben, dass neben all den Triumphen und Sternstunden auch dieser Tag für immer mit ihm in Verbindung gebracht wird.

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