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Die Pharaonen: Die Geschichte eines endlosen Traums

Von Abdelmaowgod Sameer

Wr reisen durch neun Jahrzehnte voller Triumphe, Herzschmerz, Wunder und Wiedergeburten – wir durchleben Abdelrahman Fawzis historische Tore, die stillen Jahre, die die Geduld einer Nation auf die Probe stellten, die unvergessliche Rückkehr 1990 und der Aufstieg eines Jungen aus Nagrig, der die Träume eines ganzen Kontinents auf seinen Schultern trug: Mohamed Salah.

Wir werden die Freuden, die Schmerzen, die knapp verpassten Chancen, die Legenden, die Generationen geprägt haben, und die neue Ära, die sich jetzt unter Hossam Hassan abzeichnet, noch einmal Revue passieren lassen. Dies ist die epische Geschichte der Pharaonen – eine Reise, die sich von den staubigen Straßen Kairos bis zu den größten Bühnen der Welt erstreckt und beweist, dass manche Träume zu hartnäckig sind, um zu verblassen.

Wir sind heute nicht hier, um ein Spiel zu analysieren, Taktiken oder Formationen zu diskutieren. Wir sind hier, um die Geschichte einer Reise zu erzählen, die vor mehr als 90 Jahren begann und bis heute andauert. Die Reise eines Traums, der sich trotz aller Rückschläge nicht zerstören ließ.

Vom ersten Freudenschrei 1934 in Rom bis zur letzten Träne, die 2018 in Russland vergossen wurde. Von den staubigen Spielfeldern der Straßen Kairos bis zu den Flutlichtern der größten Arenen der Welt. Dies ist die Geschichte Ägyptens bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

Geschichte geschrieben

WORLD CUP-1934-FRANCE-AUSTRIAGetty Images

Sie beginnt im Jahr 1934, in einer völlig anderen Welt. Keine Fernseher, keine Kameras – nur ein Radio, das vor lauter Störgeräuschen knistert und die Nachrichten in abgebrochenen Sätzen überträgt - und ein kleiner Traum, der in den Herzen von elf ägyptischen Spielern brannte.

Die ägyptische Nationalmannschaft reiste nach Italien, um als erstes arabisches und afrikanisches Land überhaupt an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen, der zweiten der Geschichte. Die Reise auf einem alten Schiff war lang, aber die Aufregung überwog die Müdigkeit nach den Qualifikationssiegen gegen Palästina.

In Rom traf Ägypten auf Ungarn, damals eine der stärksten Mannschaften Europas. Die Nordafrikaner verloren mit 2:4. Zwei ägyptische Tore, erzielt von Abdelrahman Fawzi, schrieben Geschichte. Er wird zum ersten Afrikaner, der jemals bei einer Weltmeisterschaft ein Tor schoss.

In den Gassen von Kairo versammelten sich die Menschen um die Radios herum, sie lächelten sicherlich, klatschten und ihre Augen strahlten vor Stolz.

Jahre der Stille

FBL-CAN-1986-EGYPT-CAMEROONGetty Images

Nach diesem ersten Aufschrei folgte eine lange Stille. Der Zweite Weltkrieg brach aus und die Sprache der Waffen übertönte die Sprache des Fußballs. Deutsche und italienische Truppen kämpften in Ägypten gegen die Briten, die Ägypten 1922 in die Unabhängigkeit entließen. Während Ägypten mit dem Wiederaufbau beschäftigt war, verfolgten die Fußballfans die Weltmeisterschaft ausschließlich über Zeitungen.

Es gab immer wieder neue Spielergenerationen – darunter Saleh Selim, Taha Ismail, Hassan Shehata und Mahmoud El Khatib – und in Afrika war Ägypten damals der Dominator. Aber die Weltmeisterschaft blieb fern, wie ein Stern, den man sehen, aber nie erreichen kann.

Zurück, wo sie hingehören

Tony Cascarino of Eire and Hesham Yakan of EgyptGetty Images

1990, nach 56 Jahren Abwesenheit, kehrten die Pharaonen endlich zur Weltmeisterschaft zurück. Unter der Führung von Mahmoud El Gohary schrieb Ägypten ein neues Kapitel in seiner Sportgeschichte.

Die Qualifikationsspiele waren hart. Hossam Hassan schoss Ägypten mit seinem Treffer gegen Algerien zur WM. Dieser Novemberabend, an dem die Straßen mit Menschen überfüllt waren, von jedem Balkon Fahnen wehten und Gesänge den Himmel erfüllten, war für alle damaligen Zeitzeugen sicherlich unvergesslich.

Im Juni 1990 kehrte Ägypten nach Italien zurück – genauer gesagt nach Palermo –, um gegen den Europameister aus den Niederlanden anzutreten. Die erste Halbzeit endete torlos, doch in der 58. Minute erzielte Wim Jonk nach einer Flanke Marco van Bastens den Führungstreffer für die Niederlande. Doch dann kam die unvergessliche 83. Minute, als Hossam Hassan im Strafraum zu Fall gebracht wurde und der Schiedsrichter auf den Elfmeterpunkt zeigte.

Magdy Abdelghany trat an, holte tief Luft und schoss hart ... Tor! Der Kommentator schrie: “Tor für Ägypten!” Jahre später wurde dieser Moment sowohl zu einem Grund für Stolz als auch für Humor, da Abdelghany die Fans in jedem Interview daran erinnerte - fast so, als wäre es Ägyptens einzige fußballerische Errungenschaft gewesen.

Aber in diesem Moment war es mehr als nur ein Tor. Es war eine Brücke aus der Vergangenheit, von Abdelrahman Fawzi zu Magdy Abdelghany, von einer Generation zur nächsten. Das Spiel endete 1:1, aber in den Herzen der Ägypter fühlte es sich wie ein Sieg an.

Die Mauer von Palermo

1990 FIFIA World Cup Finals England v EgyptGetty Images

Im zweiten Spiel traf Ägypten dann auf Irland. Das Spiel bot Spannung, Schweiß und Lautstärke, die ägyptische Abwehr stand wie eine Mauer, Torwart Ahmed Shobeir hielt einen Ball nach dem anderen.

Dieses Spiel ist aufgrund von Shobeirs absichtlichen und provokativen Zeitspiels jedoch vor allem in negativer Erinnerung geblieben. Viele Fußballfans auf der ganzen Welt brachten das Verhalten des ägyptischen Torhüters in diesem Spiel mit der anschließenden Einführung der Rückpassregel durch die FIFA in Verbindung. Das Spiel gegen Irland endete jedenfalls mit einem torlosen Unentschieden.

Die Welt begann sich zu fragen: “Wer sind diese Afrikaner, die wie Löwen kämpfen?”, während die weltweiten Medien sie als “die solide ägyptische Mannschaft” bezeichneten.

Dann kam England. Ein hartes Spiel, in dem Ägypten unter ständigem Druck stand und mit 0:1 verlor. Aber die Mannschaft sah dies nicht als Niederlage an. Wie El Gohary es ausdrückte: “Wir haben heute den Samen gesät ... Morgen wird ihn jemand ernten.”

Die nächste lange Abwesenheit

Algeria's Rafik Halliche (R) challengesGetty Images

Doch dann wieder Stille. Jahre voller gescheiterter Versuche, knapp verpasster Qualifikationen. Ägypten dominierte Afrika weiterhin mit zahlreichen Siegen beim Afrika-Cup, doch die Tür zur Weltmeisterschaft blieb verschlossen.

Generationen kamen und gingen, doch das Tor öffnete sich nie. 2010 war man so nah dran, verlor aber das Entscheidungsspiel gegen Algerien im Sudan. Die ganze Nation weinte, aber Ägyptens Traum starb nicht – er wartete nur auf einen neuen Helden, der ihn wiederbeleben würde.

Der Junge, der den Traum wiederbelebte

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Mohamed Salah. Ein Junge aus dem kleinen Dorf Nagrig, der die Träume von Millionen Menschen trug. Von Al Mokawloon nach Basel, von Chelsea nach Florenz, von Rom nach Liverpool – jede Station hatte eine Bedeutung, jedes Tor erzählte eine Geschichte.

In der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2018 war Salah der Held Ägyptens. Seine Tore weckten neue Hoffnung, seine Magie ließ die Menschen glauben. Und in einer unvergesslichen Nacht im Borg El Arab Stadium verwandelte Salah diesen Glauben in Realität.

In der Nachspielzeit stand es zwischen Ägypten und Kongo 1:1. Die Stimme des Kommentators Medhat Shalaby wurde mit jedem Angriff lauter: “Gib uns ein Tor, ya akhil” Dann, in der 94. Minute, wurde Trezeguet gefoult. Elfmeter! 

Salah nahm den Ball, legte ihn auf den Punkt, lächelte schwach und schoss das Tor. Das Stadion explodierte, der Lärm erschütterte Alexandria. Die Menschen strömten auf die Straßen, Kinder weinten vor Freude. Nach 28 Jahren kehrte Ägypten zur Weltmeisterschaft zurück.

Schmerz in Kyjiw

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Einen Monat vor dem Anpfiff in Russland erstrahlte die ukrainische Hauptstadt Kyjiw im Glanz der größten Nacht des Fußballs: Real Madrid gegen Liverpool im Champions-League-Finale.

Alle Augen waren auf Salah gerichtet, dessen Spitzname “Egyptian King” vor dem Anpfiff in der ganzen Stadt zu hören war. Die Kameras folgten ihm, während die Kommentatoren seine rekordverdächtige Premier-League-Saison lobten. Dies sollte seine Nacht werden.

Doch dann, mitten in der ersten Halbzeit, brach alles zusammen. Nach einem Zusammenprall mit Sergio Ramos blieb Salah am Boden liegen, hielt sich die Schulter und verzog vor Schmerz das Gesicht. Er konnte nicht aufstehen. Als er ausgewechselt wurde, verwandelte sich sein Gesicht von Qual in Tränen.

In Kairo herrschte Stille. In den Cafes waren die Bildschirme eingefroren, die Menschen starrten ungläubig auf die Bildschirme. Kinder, die noch wenige Minuten zuvor getanzt hatten, saßen nun still da. Es war, als wäre ganz Ägypten mit Salah zu Boden gegangen.

Einige Wochen später kehrte Salah zurück - um bei der WM 2018 anzutreten: “Körper mögen zu Boden gehen ... Aber Träume niemals.”

Eine miserable Rückkehr

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Bei der WM 2018 in Russland waren die Pharaonen nach 28 Jahren wieder dabei. Aber der Start verlief nicht gerade optimal.

Salah mit seiner schmerzenden Schulter saß nur auf der Bank, als Ägypten gegen Uruguay in das Turnier startete. In der 89. Minute kassierte man dann das Gegentor durch José Maria Gimenez und verlor bitter mit 0:1.

“Wenn Salah zurückkommt, wird sich alles ändern”, lautete ein gängiger Refrain vor dem zweiten Spiel Ägyptens gegen den Gastgeber Russland. Salah stand in der Startelf und lächelte vor dem Anpfiff. Doch sein Körper schmerzte immer noch.

Ägyptens Starspieler erzielte in Sankt Petersburg einen Treffer vom Elfmeterpunkt, doch zu diesem Zeitpunkt lag Ägypten bereits mit drei Toren zurück. Das Turnier war für Ägypten bereits nach dem zweiten Spiel und einer 1:3-Niederlage vorbei.

Salah erzielte im letzten Gruppenspiel Ägyptens gegen Saudi-Arabien erneut einen Treffer, doch zwei Gegentore bedeuten eine 1:2-Pleite. Die Pharaonen mussten ohne einen einzigen Punkt nach Hause fahren.

Neuer Frust

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Nach Russland begann für Ägypten das schwierigste Kapitel seiner Fußballgeschichte. Die gleiche Spielergeneration kehrte mit großen Hoffnungen nach Hause zurück, um die AFCON 2019 auszurichten. Doch die Freude wurde verschoben. Ägypten schied bereits im Achtelfinale überraschend gegen Südafrika aus, was Millionen Menschen schockierte.

Zwei Jahre später, 2021 in Kamerun, kämpfte Ägypten unter schwierigen Bedingungen erneut um Afrikas Krone. Die Leistungen waren nicht die besten, aber die Einstellung war eine stark. Salah führte eine Mannschaft an, die mit Herz spielte. Die Pharaonen erholten sich von ihrer Niederlage gegen Nigeria im Eröffnungsspiel und schalteten die Elfenbeinküste, Marokko und Kamerun auf dem Weg ins Finale gegen Senegal aus.

Zum dritten Mal im Turnier kam es für Ägypten zum Elfmeterschießen. Diesmal kam Salah jedoch nicht zum Zug. Bereits vor seinem möglichen Versuch hatte Senegal das Finale für sich entschieden.

Der Fluch des Senegals

Egypt v Senegal - FIFA World Cup Qatar 2022 QualifierGetty Images

Einige Wochen später trafen dieselben beiden Mannschaften erneut aufeinander, diesmal ging es um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar.

Wieder kam es zum Elfmeterschießen. Diesmal jedoch würde Salah seine Chance bekommen. Er wirkte ruhig und selbstbewusst, während Laserstrahlen aus den Zuschauerrängen über sein Gesicht huschten. Doch sein Versuch landete über der Latte und im Nachthimmel.

Ägypten erstarrte vor Ungläubigkeit. Der Traum von einer weiteren Weltmeisterschaft war mit einem Schlag zerplatzt. Aber selbst in diesem Schockzustand blieb Ägypten zuversichtlich für die Zukunft.

Ein neues Kapitel

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Dann kamen die Qualifikationsspiele für die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Diesmal war Salah nicht mehr der strahlende, einzige Superstar, der meilenweit besser war als jeder seiner Mitspieler. Um ihn herum war eine neue Generation entstanden, die mit ihm aufgewachsen war und seinen Aufstieg, seinen Fall und seinen erneuten Aufstieg miterlebt hatte. Sie sahen ihn nicht als Superstar, sondern als älteren Bruder - und befanden sich leistungstechnisch in seiner Nähe.

Der Teamgeist hatte sich verändert. Schon beim ersten Spiel gegen Dschibuti war klar, dass etwas anders war. Die Mannschaft war organisiert, hungrig und geschlossen. Salah schoss weiterhin Tore, aber an seiner Seite glänzten auch Omar Marmoush und Ahmed Sayed, alias Zizo.

Trainer Hossam Hassan lief an der Seitenlinie auf und ab und rief leidenschaftlich: “Pressing! Nicht zurückweichen!” Er war jedoch nicht nur Trainer – er lebte jeden Moment. Hassan stellte eine längst verlorene Identität wieder her. Die Angst war verschwunden, denn junge Spieler, die Salah einst im Fernsehen gesehen hatten, spielten ihm nun auf dem Spielfeld den Ball zu und unterstützen ihn defensiv wie offensiv.

Spiel für Spiel blieb Ägypten in der Quali ungeschlagen. Von den zehn Qualifikationsspielen gewann man acht und spielte zweimal unentschieden, sodass man souverän Gruppensieger wurde. Nach dem Schlusspfiff des letzten Qualifikationsspiels lächelte Hossam ruhig von der Seitenlinie aus. Die erste Mission war erfüllt. Die Spieler feierten unterdessen zurückhaltend, als wollten sie sagen: “Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit.”

Und nun richten sich alle Augen auf die Weltmeisterschaft 2026. Hassan schmiedet bereits Pläne, und Salah hat den Fans versprochen: “Dieses Mal geht es nicht nur darum, dabei zu sein.” In der Gruppenphase trifft Ägypten auf Belgien, Neuseeland und eventuell auf den Iran - falls sich dieser nicht noch zurückzieht.

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