Seine Ruhe und seine positive Ausstrahlung sind bemerkenswert. Zwei Tage nach dem dramatischen Erfolg gegen Italien wollte sich Joachim Löw die gute Laune auch von den personellen Hiobsbotschaften nicht verhageln lassen. Mit einem Lächeln auf den Lippen trat der Bundestrainer im EM-Quartier der deutschen Nationalmannschaft in Evian-les-Bains vor die Journalisten. Und verkörperte dabei das Selbstbewusstsein eines Weltmeisters.
"Die Verletzungen", sagte der 56-Jährige, "registieren wir, stecken aber deshalb nicht den Kopf in den Sand." Im EM-Viertelfinale gegen Gastgeber Frankreich muss Löw neben dem gelbgesperrten Mats Hummels auf Mario Gomez und Sami Khedira verzichten. Für Ersteren ist das Turnier mit einem Muskelfaserriss im Oberschenkel vorzeitig beendet. Letzterer laboriert an einer Adduktorenverletzung und wird am Donnerstag im Stade Velodrome von Marseille (21 Uhr im LIVE-TICKER) "auf keinen Fall" auflaufen können. Und dennoch heißt es: kein Grund zur Panik.
"Ich werde neue Namen reinbringen müssen", meinte Löw und erklärte mit großer Überzeugung: "Ich habe Vertrauen zu allen Spielern, natürlich auch zu denen, die bisher nicht gespielt haben. Da habe ich überhaupt keine Bedenken." Kein Wunder, schließlich wird er einen eben dieser Spieler voraussichtlich bringen müssen. Denn auch Bastian Schweinsteiger droht das Duell mit der Equipe Tricolore mit einer Außenbandzerrung zu verpassen. Zwar hofft Löw, dass sein Kapitän spielen kann, er stellte aber unmissverständlich klar: "Spieler, die angeschlagen sind, lasse ich definitiv nicht spielen. Den Fehler habe ich einmal gemacht, vor vielen, vielen Jahren. Das wird es nicht nochmal geben." Welchen Fall er konkret meinte, verriet er nicht.
Sollte Schweinsteiger nicht rechtzeitig fit werden, stehen für die vakante Position neben Toni Kroos im zentralen Mittelfeld zwei Optionen parat: Julian Weigl und Emre Can. Joshua Kimmich dagegen spielt in den Überlegungen des Bundestrainers keine Rolle. "Nein, das ist keine Lösung. Er hat bei uns überwiegend als Rechtsverteidiger gespielt", stellte Löw klar und kündigte an, mit dem Bayern-Youngster auch gegen Frankreich rechts in der Abwehrreihe zu planen.
Im Duell mit Can dürfte Weigl derweil die Nase vorn haben. "Er hat ein unglaublich sicheres Passspiel und stellt Passwege sehr clever zu", lobte Löw den Senkrechtstarter von Borussia Dortmund. Can wurde zwar auch verbal getätschelt - er habe im Training immer überzeugt, "er ist sehr wuchtig, auch technisch stark und würde unserem Spiel sicher gut tun". Bei der Entscheidung sei jedoch "die Ballkontrolle ein ganz wichtiges Kriteritum", denn "die Zeit der Abräumer ist vorbei". Diese Ballkontrolle, diese Aussage spricht für Passmaschine Weigl, der im Gegensatz zum mitunter noch immer kopflos agierenden Can schlicht über die reifere, weil weniger fehlerbehaftete Spielanlage verfügt.
"Wir werden Lösungen finden"
Ob die deutsche Auswahl erneut mit einer Dreierkette verteidigt wie gegen Italien, oder ob sie gegen Frankreich zur Viererkette zurückkehrt, wollte Löw nicht verraten. Letztere dürfte jedoch die wahrscheinlichere Variante sein. Benedikt Höwedes würde dann den Platz von Hummels einnehmen, im anderen Fall würde Skhodran Mustafi zusätzlich in die Mannschaft rücken.
Höwedes habe seine Sache "gegen Italien überragend gut gemacht", befand Löw: "Seine Stärken sind die Zweikämpfe. Er hat fast alle Duelle gewonnen, kann in verschiedenen Systemen verschiedene Positionen spielen, und ist für mich Gold wert." Der Schalker Kapitän sei "immer da, wenn man ihn braucht".
Im Stürm könnten gleich drei Akteure die Rolle in vorderster Front einnehmen: Julian Draxler wie gegen Italien, Mario Götze wie zu Turnierbeginn oder eben Thomas Müller. "Auch das wäre eine denkbare Variante, klar. Vielleicht spielen wir ja auch mit zwei Spitzen“, grinste Löw und erklärte, dass Müller "in die Tiefe" gehe, während sich Götze "in den Zwischenräumen" bewege und Bälle festmachen könne.
Es ist eine zentrale Achse, die Löw mit Hummels, Khedira und Gomez wegbricht, zudem bangt er um seinen Kapitän. Und trotzdem hat er zahlreiche Möglichkeiten. Diese Breite im Kader, diese Qualität ist beneidenswert und zeichnet die deutsche Nationalmannschaft aus. So verwundert es kaum, dass sich Löw seine gute Laune trotz der Hiobsbotschaften vom Sonntag nicht verhageln lässt. "Wir müssen Veränderungen vornehmen und werden Lösungen finden", lächelte Löw. So einfach ist das, kein Grund zur Panik.
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