Plötzlich wusste er ganz genau, was er zu tun hatte. Bastian Schweinsteiger marschierte. Er hob den rechten Arm und zeigte, wohin die Kugel kommen muss. Und die Kugel kam. Der Rest war Formsache. "Der Weg nach dem Tor war lang, jetzt bin ich ein bisschen außer Atem", lachte Schweinsteiger nach dem 2:0 (1:0)-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen die Ukraine vor dem ARD-Mikorfon und resümierte: "Es war unglaublich."
Es waren ein paar der wenigen Worte, die Schweinsteiger am späten Sonntagabend von sich geben sollte. In der Mixed Zone schüttelte er nur kurz den Kopf - der Kapitän verweigerte die Aussage. O-Töne lieferten also andere.
"Ein Bastian Schweinsteiger", schwärmte etwa Joachim Löw auf der Pressekonferenz, "ist Gold wert. Er ist wichtig mit seiner Persönlichkeit und seiner Erfahrung. Er kann einer Mannschaft unheimlich viel geben." Das Tor verleihe Schweinsteiger persönlich, aber genauso der gesamten Mannschaft Auftrieb.
Offensiv-Quartett blass
Es war kein glanzvoller und auch kein souveräner Auftritt des DFB-Teams, ob des Resultats aber sehr wohl ein gelungener. "Ein klassisches Auftaktspiel", wie Sami Khedira befand. Ein Auftaktspiel, für dessen positives Ende Schweinsteiger sorgte. Den positiven Ausgang allerdings hatten federführend drei andere zu verantworten.
Es waren Manuel Neuer und Jerome Boateng, die mehrfach klärten oder retteten. Und es war Toni Kroos, der das Spiel dirigierte und das Tempo diktierte. Mit klugen Verlagerungen sorgte der Mittelfeldmann von Real Madrid für die wenigen Überraschungsmomente, mit seiner Freistoßflanke bereitete er den Führungstreffer von Shkodran Mustafi vor. Die arrivierten Offensivkräfte Thomas Müller, Mesut Özil, Mario Götze und Julian Draxler blieben derweil blass.
In der Defensive indes hatte die deutsche Auswahl mitunter große Probleme, insbesondere bei Kontern und Standardsituationen, insbesondere in der Schlussviertelstunde des ersten Durchgangs. "Zwischenzeitlich war es einfach ein offenes Spiel, es ging von Strafraum zu Strafraum. Das ist nicht das, was wir spielen wollten", gestand Shkodran Mustafi auf Goal-Nachfrage. Und Sami Khedira monierte: "Was wir nicht gut machen, ist die Rückwärtsbewegung nach Ballverlusten. Wir müssen uns schneller organisieren. Das fängt vorne an und zieht sich bis nach hinten durch."
"Ein Marathon, kein Sprint"
Die deutsche Mannschaft hat noch reichlich Luft nach oben, das wissen auch Spieler und Verantwortliche. Was letztendlich aber zählt, sind allein die drei Punkte und der erfolgreiche Turnierstart. Was Mut macht, ist die Leistungssteigerung im zweiten Durchgang und die nahende Rückkehr Mats Hummels', der für mehr Stabilität sorgen wird.
"Die EM ist ein Marathon, kein Sprint", gab Khedira zu bedenken. Die erste Etappe ist gemeistert.
