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Confederations Cup: Löws unverhoffter Glücksfall


HINTERGRUND

Traurig wäre er "wahrscheinlich nicht", wenn der Confederations Cup abgeschafft würde. Man müsse aufpassen, das Rad nicht zu überdrehen, warnte Joachim Löw vor nicht einmal zwei Monaten ganz unverhohlen.

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Bedenken hatte der Bundestrainer vor allem hinsichtlich der hohen Belastung - auf physischer, psychischer und emotionaler Ebene. Primär ging es ihm dabei um seine Leistungsträger, um den Block des FC Bayern München also, und um jene Spieler, die bei Borussia Dortmund oder internationelen Top-Klubs unter Vertrag stehen und während der Saison ohnehin zigfach englischen Wochen ausgesetzt sind.

Er selbst zog seine ganz eigene Konsequenz aus der Ansetzung des Turniers. Während die Konkurrenz aus Chile oder Portugal mit dem A-Team und allen Starspielern anreiste, nominierte Löw "einen Perspektivkader mit Spielern, die in der Bundesliga gut gespielt haben". Den Confed Cup betrachtete er "als Warm-up" für die nächste Generation, als Testlauf, um "einige Spieler auf dem Weg in die Weltspitze weiterzubringen".

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Nicht nur in Deutschland wurde die Mini-WM auch deshalb als weitgehend bedeutungslos tituliert, als eher uninteressante Pflichtveranstaltung. So richtig Bock auf das Turnier hatte auch unter den Fans kaum einer, selbst viele der für gewöhnlich fußballfanatischen Urlauber aus dem Weltmeisterland lagen auf den Kanaren lieber am Strand, während die deutsche Nationalmannschaft mit ihrem B-Kader gegen Australien, Chile oder Kamerun antrat.

Überzeugende Neulinge und positive Entwicklungen

Im fast 7000 Kilometer entfernten Sotschi betonte Löw derweil wiederholt, wie "wichtig" dieses eigentlich überflüssige Turnier doch sei. Sätze, die zunächst nach Durchhalteparolen klangen, ergeben vor dem Halbfinalspiel gegen Mexiko am Donnerstag (20.00 Uhr im LIVETICKER ) plötzlich einen Sinn. Denn trotz der zusammengewürfelten Mannschaft, trotz der kurzen Vorbereitungszeit, zeigte die DFB-Elf bislang zumeist gute, manchmal sogar sehr gute Leistungen. Viele Kombinationen waren ansehnlich, Spieler, die ohne dieses Turnier vielleicht kaum oder gar keine Chancen bekommen hätten, rechtfertigten ihre Nominierung bereits mit ansprechenden Darbietungen. 

Lars Stindl etwa, der Kapitän von Borussia Mönchengladbach, der im Verein seit mindestens drei Jahren stark aufspielt, überzeugt in Russland nicht nur aufgrund seiner beiden Treffer. "Er ist ein sehr raffinierter Spieler mit Spielintelligenz und unglaublicher Orientierung im Raum", schwärmte Löw unlängst. Leon Goretzka und Julian Brandt bestätigen derweil ebenfalls den guten Eindruck, den sie in der abgelaufenen Saison hinterlassen haben. 

Und dann sind da noch die anderen, die jungen, aber bereits etablierten Spieler, die sich zum Teil auf bestem Wege befinden, den von Löw geforderten nächsten Schritt in Richtung Weltspitze zu machen. 

Julian Draxler zum Beispiel scheint seine zu Wolfsburger Zeiten stagnierende und bei PSG wieder aufblühende Entwicklung in neuer Rolle als Führungsspieler erfolgreich fortzusetzen, wirkt auch abseits des Platzes gefestigt. Joshua Kimmich indes knüpft nahtlos an seine Leistungen an. Nicht umsonst bezeichnet Löw den 22-Jährigen schon jetzt vor laufenden Kameras als eines der "allergrößten Talente, die ich in den letzten zehn Jahren gesehen habe", stellt seinem Schützling gar eine "Riesenkarriere" in Aussicht. Und auch Emre Can scheint sein neuer Part im Gesamtkonstrukt mit größerer Verantwortung zu beflügeln. "Ich will die Mannschaft mitreißen", sagte er neulich selbstbewusst, während Löw lobte: "Emre ist sehr wuchtig, körperlich stark, und auch technisch sehr gut. Er tut unserem Spiel gut."

Klinsmann prophezeit goldene Zukunft - Löw bremst

Keine zwei Monate nach der Kritik des Bundestrainers, keine zwei Wochen nach dem Eröffnungsspiel in Sankt Petersburg entpuppt sich der zunächst vielfach abfällig beäugte Confed Cup mehr und mehr als Löw'scher Glücksfall. Für das Problem der Belastung seiner Leistungsträger hat er durch seine Nominierungsstrategie eine galante Lösung gefunden. Und letztendlich ist seine ohnehin große Auswahl an Kandidaten für die Mission Titelverteidigung im kommenden Sommer auch dadurch noch einmal angestiegen.

"Kein anderes Land dieser Welt verfügt derzeit über ein ähnlich großes Potenzial im Bereich zwischen 21 und 26 Jahren. Und dazu kommen noch die erfahrenen Spieler", erklärte Löw-Vorgänger Jürgen Klinsmann gegenüber dem kicker . Einen Kreis von 50 Spielern, "aus denen Jogi Löw seinen Kader für die WM aussuchen wird", sieht der Ex-Stürmer derzeit. Dass Klinsmann mit seiner Einschätzung nicht völlig daneben liegt, zeigt allein der Blick nach Polen zur U21-EM, bei der die deutsche Elf ebenfalls groß aufspielt und am Freitag im Finale auf die nicht minder talentierte Auswahl Spaniens trifft (20.45 Uhr im LIVETICKER ).

Genau deshalb tritt Löw jedoch ein wenig auf die Bremse. "Mit der Anzahl junger Spieler können wir in Deutschland sehr zufrieden sein, da bin ich ein Stück weit ruhiger geworden", sagt er zwar. Er schiebt aber hinterher: "Frankreich hat einen unglaublichen Fundus, in Italien kommt einiges nach. Und was mich immer wieder beeindruckt, sind die U-Mannschaften von Spanien." Die deutsche Nationalmannschaft dürfe deswegen "auf keinen Fall stehen bleiben". Und genau deshalb ist der Confed Cup mit seinem testenden Charakter bei ernsthaften Wettbewerbsbedingungen ein so großer Glücksgriff für den kritischen Weltmeistercoach.

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