Toni Kroos Thomas Muller Germany Poland European Championship 16062016Getty Images

DFB-Kommentar: Nicht schwarz, nicht weiß

Es ist teilweise schon aberwitzig, was bei der Ursachenforschung nach Misserfolgen so vonstattengeht. Was eben noch gut war, ist plötzlich schlecht. Mal wird das große Ganze in Frage gestellt, meistens ein einzelner Aspekt herausgezogen und als hauptursächlich benannt. Solche Urteile werden vorschnell gefällt, gerade im Fußball. Dabei gibt es nicht nur schwarz oder weiß, wie diese Europameisterschaft der deutschen Nationalmannschaft einmal mehr gezeigt hat.

Es wurde über fehlende Leader und falsche Neuner diskutiert, über Spielsysteme und taktische Varianten. Es wurde auf Mesut Özil und Mario Götze draufgehauen, genauso auf Joachim Löw und Thomas Müller. Im nächsten Moment wurden der Bundestrainer und Özil nacheinander abgefeiert. Spieler wurden in den Himmel gehoben, um sie dann wieder fallenzulassen. Viel schwarz. Viel weiß. Wenig grau.

Die EM war aus deutscher Sicht eine gute, keine sehr gute. Auf der einen Seite waren da die berauschenden Auftritte, die dominanten Demonstrationen, wie die gegen Nordirland und die Slowakei, phasenweise auch gegen Italien und Frankreich. Auf der anderen war Deutschland nicht in der Lage, die starken Teams in der regulären Spielzeit zu bezwingen. Weder Polen noch Italien oder Frankreich. Was nützt da all die spielerische Überlegenheit? Nordirland und die Slowakei sind schließlich nicht der Maßstab.

Dass es dreimal nach 90 Minuten nicht zum Sieg reichte, hatte allerdings mehr mit individuellen Fehlern und vor allem mit der Chancenverwertung, dem größten Problem der Deutschen bei diesem Turnier, zu tun - nicht mit spielerischem oder taktischen Versagen. Deutschland gehört zu den besten Mannschaften der Welt, Deutschland ist aber nicht das absolute Nonplusultra auf dem Erdball. Titel sind auf höchstem Niveau nicht planbar, wenngleich sie für ein Team wie das deutsche der Anspruch sein müssen. Der Anspruch, aber nicht die Pflicht. Es verhält sich ähnlich wie die teilweise vermessene Forderung an den FC Bayern München, doch bitte Jahr für Jahr die Champions League zu gewinnen, wenn nicht das Triple.

Die ganzen Probleme, die Deutschland vor und während des Turniers hatte, werden in der Nachbetrachtung teilweise unter den Tisch gekehrt. Dabei sind mit Ilkay Gündogan und Marco Reus zwei potenzielle Stammspieler ausgefallen. Mats Hummels, Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger reisten angeschlagen nach Frankreich. Und im Spiel gegen den Gastgeber fehlten schließlich mit Hummels, Khedira und Mario Gomez drei Stammspieler. Das darf gewiss keine Ausrede sein, sollte aber zumindest berücksichtigt werden.

Gute Lösungen für große Probleme

Mit all diesen Problemen sind Löw und sein Trainerteam hervorragend umgegangen, haben nie lamentiert, immer neue Lösungen gefunden. Trotz all der Besserwisser zog Löw sein Ding durch, und traf richtige Entscheidungen. Mit den Hereinnahmen von Joshua Kimmich und Gomez. Mit der Systemumstellung gegen Italien, und auch mit der gegen Frankreich.

Dass sich Boateng und Schweinsteiger haarsträubende Handspiele leisteten, ist ebenso bitter wie ärgerlich. Es ist aber nicht Löws Schuld, und selbst den Spielern kann man für ihre Ausrutscher kaum Vorwürfe machen. Wer mal auf dem Fußballplatz stand, weiß, dass solche Dinge passieren. Sie sollen nicht passieren, sie dürfen nicht passieren - aber: sie passieren. Es sind Reflexe. Schutz- oder Rettungsmechanismen, die kaum bis gar nicht zu kontrollieren sind.

Unter dem Strich hat die deutsche Nationalmannschaft auch im sechsten Turnier in Folge mindestens das Halbfinale erreicht. Von einer solchen Konstanz können andere Nationen nur träumen. Es war nicht alles gut, schon gar nicht alles schlecht. Nicht schwarz, nicht weiß.

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