Ched EvansGetty

Ched Evans: Die langsame Rückkehr ins Leben


HINTERGRUND

Mitte August 2016 sahen die gut 5000 Zuschauer bei der Drittligapartie zwischen dem FC Chesterfield und dem FC Walsall die Wiederauferstehung des Ched Evans. Der damals 27-Jährige war der überragende Mann auf dem Platz, schoss beim 2:0-Sieg der Gastgeber beide Tore und war nie zu halten. So befreit, wie er auf dem Rasen jubelte, hätte man als neutraler Beobachter denken können, er sei nach langer Verletzung zurückgekehrt. Die Wahrheit ist eine andere: Die vier Jahre zuvor spielte er keine Sekunde Fußball, weil er im April 2012 wegen Vergewaltigung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

"In den frühen Morgenstunden des 30. Mai 2011 kam es in Nordwales zu einem Vorfall, der mein Leben und das Leben anderer für immer verändern sollte", schreibt Evans in einem online abrufbaren Statement. Was war geschehen: Mit seinem Bruder und zwei langjährigen Freunden war Evans im walisischen Rhyl feiern. Es floss Alkohol, sein Jugendfreund Clayton McDonald kam an einer Dönerbude mit einer 19-Jährigen ins Gespräch. Später hatten McDonald und Evans in einem Hotelzimmer Sex mit ihr. Ihr fehlt jegliche Erinnerung.

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"Wir sind Fußballer. Fußballer sind reich, sie haben Geld und deshalb stehen Frauen auf uns. An diesem Abend hätten wir jede Frau haben können", sagte Evans später. Der Hintergrund: Zu dieser Zeit war er einer der besten Stürmer der zweiten Liga und Publikumsliebling bei Sheffield United. Er war walisischer Nationalspieler. In der Folgesaison kam er nach dem Abstieg in 42 Pflichtspielen auf 46 Scorerpunkte. Er erinnerte als Spieler an Wayne Rooney, war gefürchtet für seinen Antritt und seine beidfüßigen knallharten Abschlüsse. Als junger Spieler stand er bei Manchester City mit Größen wie Vincent Kompany oder Robinho auf dem Platz.

Das Mädchen ging nach jenem Morgen zur Polizei und erstattete Anzeige. Nur wenig später flatterte ein Brief in Evans Haus. Eine Vorladung zur Gerichtsverhandlung. Evans wurde zu fünf Jahren Gefängnis wegen Vergewaltigung verurteilt – ein Urteil, das die ganze Insel spaltete. Denn auf der einen Seite gab es da seine Fürsprecher, zu denen auch die Vereinsführung und die Fans von Sheffield United gehörten. Der Anhang besang ihn in der neunten Minute (seine Rückennummer) und in der 35. (aufgrund der Anzahl seiner erzielten Tore). In den sozialen Medien wurde mobil gemacht. Für den so sympathischen Angreifer, später aktiv gegen das mutmaßliche Opfer.

Das Mädchen wurde als "Schlampe" bezeichnet, jemand veröffentlichte ihren Namen auf Twitter. Später musste sie diesen ändern und umziehen. Öffentlich wandten sich Prominente von Sheffield ab, es gab aber auch eine breite Masse, die sich für ihn stark machte, sich darauf bezog, dass sich das Mädchen nicht erinnern würde. Auch Evans' Freundin stand zu ihm, tut das bis heute.

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Evans spaltete die Fußball-Welt

Im Oktober 2014 wurde er wegen guter Führung vorzeitig entlassen, 25 war er da. Und erneut entstand ein tiefer Spalt in der Fußball-Welt. Zwei Lager standen sich gegenüber, die über allem schwebende Kernfrage: Sollte ein Vergewaltiger eine zweite Chance bekommen? Als Sheffield ihm signalisierte, er könne zurückkehren, unterschrieben mehr als 100.000 Menschen eine Petition. Der Inhalt: Evans darf nicht zurückkommen. Der Verein gab nach.

Und so trainierte er privat, kämpfte für seinen Ruf, für den Traum seiner Rückkehr. Er nahm sich erneut juristischen Beistand, sorgte für eine Neu-Verhandlung. Neue Zeugen wurden befragt, im April 2016, fast zwei Jahre nach seiner Entlassung, wurde er von jeglicher Schuld freigesprochen. Der Weg zurück in den Fußball war frei und wurde ihm vom Drittligisten FC Chesterfield bereitet, einem Drittligisten mitten in England.

"Wir haben keinen Zweifel, dass Evans nach der Entscheidung des Gerichts zurück im Fußball willkommen geheißen werden sollte", sagte Präsident Dave Allen damals. Gegner dagegen blieben standhaft, starteten eine neue Petition, schrieben einen Artikel gegen den Wechsel Evans'. Zu Beginn erhielten er und seine Verlobte Natasha Morddrohungen, sie musste sich als "Nutte" bezeichnen lassen, weil sie mit einem "Vergewaltiger" zusammen sei. Die Millionärstochter glaubte immer an seine Unschuld. "Ich kenne Ched und ich wusste, dass er nicht fähig ist, ein solches Verbrechen zu begehen", sagte sie der Sun.

Evans selbst sagt: "Ich danke meiner Familie und meinen Freunden und all denen, die immer hinter mir standen. Vor allem meiner Verlobten Natasha, die mich in meiner dunkelsten Stunde unterstützte. Jeder, der in den fünf vergangen Jahren damit zu tun hatte, hat nun das Recht, weiterzuleben."

Und genau das will er tun, das alles endlich hinter sich lassen. Er hat bereits den Medizincheck bei Sheffield absolviert, er will an den Ort zurück, an dem sie ihn so innig liebten. Er will abschließen mit der Vergangenheit und endlich nach vorne blicken und nicht mehr auf seinen Fall, der das Grausame im Menschen zeigte. Denn sowohl er als auch das walisische Mädchen erhielten Morddrohungen. Und das hat niemand verdient. Ganz unabhängig davon, was passiert ist. Ohnehin wissen nur die Beteiligten selbst, was in jener Nacht genau geschah.

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