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Bastian Schweinsteiger bei der EM: Jetzt oder nie

Sechs Jahre ist es her, da verzückte ein deutsches Mittelfeld-Duo die Fußballwelt: Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira bildeten bei der WM in Südafrika die deutsche Doppelsechs und waren wenig später in aller Munde. Es war zugleich der erste Schritt in eine neue Ära. In die der Neuers, Özils, Müllers und Boatengs. Das DFB-Team spielte plötzlich berauschenden Fußball. Offensiver, gewiefter, dominanter. Heute sind all die Herrschaften Weltmeister, viele Champions-League-Sieger, die Rahmenbedingungen andere.

Am Kap noch Randfigur, ist Toni Kroos 2016 längst in der Schaltzentrale gesetzt. Jetzt heißt es offenbar: Khedira ODER Schweinsteiger?

Dabei konnten die beiden Mittelfeldspieler in der Vergangenheit auch so stark aufspielen, weil sie so gut miteinander harmonieren. Beide sind ballsicher und offensiv fokussiert, ohne dabei die defensiven Aufgaben zu vernachlässigen. Rückt der eine nach vorne, sichert der andere ab. Dieses blinde Verständnis, diese herausragende Koexistenz war außergewöhnlich. Und sie war anders als die von Kroos und Khedira bei der diesjährigen Europameisterschaft in Frankreich. 

Das liegt zum einen daran, dass sich Box-to-box-player Khedira mehr und mehr vom Sechser zum Achter entwickelt hat, vom primär absichernden zum in erster Linie nach vorn stürmenden Mittelfeldakteur. Zu einem Spieler, den Joachim Löw mit Paul Pogba vergleicht, der "eine ähnliche Qualität hat, in die Spitze zu gehen". Und zum anderen daran, dass Kroos im Abwehrverhalten zwar deutliche Fortschritte gemacht hat, den pflichtbewusst absichernden Gedanken zur defensiven Balance aber nicht so sehr verinnerlicht wie Schweinsteiger.

In der Gruppenphase setzte der Bundestrainer neben dem unumstrittenen Kroos auf Khedira - auch weil Schweinsteiger aufgrund von Fitnessrückständen keine Option für die Startelf darstellte. Pünktlich zur heißen Phase des Turniers scheint das nun anders zu sein. "Bastian ist in einem sehr guten Zustand", sagte Löw, während sein Assistent Marcus Sorg ergänzte, der bisher zu zwei Kurzeinsätzen gekommene Kapitän werde "immer stabiler und spielfreudiger" und komme "so langsam auf das Niveau, dass er uns auch wirklich von Anfang an helfen kann".

Jetzt oder nie

Und so muss Khedira plötzlich um seinen Platz bangen. In den ersten beiden Gruppenspielen performte der 29-Jährige von Juventus Turin bestenfalls solide - zu häufig verschleppte er das Tempo, sodass sich die ohnehin dicht gestaffelten Ketten der Ukraine oder Polens nach Ballverlusten rechtzeitig formieren konnten. Zudem leistete sich Khedira mitunter unbedrängt haarsträubende Fehlpässe. Gegen Nordirland war er schließlich Teil des funktionierenden Kollektivs, für die Glanzpunkte und Überraschungsmomente sorgten aber auch im letzten Gruppenspiel andere.

Khedira hatte "in den ersten beiden Spielen die höchste Laufleistung", erklärte Co-Trainer Thomas Schneider: "Er hat jetzt eine Pause bekommen, aber er ist in einem sehr, sehr guten Zustand. Ich glaube, dass er von Spiel zu Spiel besser wird." Heißt auch: Noch sind auch die Verantwortlichen des DFB-Teams keineswegs rundum zufrieden mit Khediras Auftritten. Auf die Frage, ob er im Achtelfinale gegen die Slowakei am Sonntag (18.00 Uhr im LIVE-TICKER ) womöglich auf der Bank sitzen wird, sagte Schneider: "Es ist vieles möglich."

Löw und seine Assistenten wissen: Wenn Schweinsteiger in diesem Turnier noch eine tragende Rolle spielen soll, muss er jetzt spielen. Sofern nicht von Beginn, dann zumindest deutlich länger als gegen Nordirland. Im Viertelfinale träfe Deutschland schließlich auf Spanien oder Italien. Und das wäre gewiss nicht die richtige Partie, um Schweinsteiger erstmals von Beginn an zu bringen, um herauszufinden, ob sein Körper einer solchen Herausforderung schon gewachsen ist. 

Statistisch besser als Kroos und Khedira

Somit könnte das Duell mit der Slowakei der richtige Moment für Schweinsteiger sein. Der Mittelfeldmann von Manchester United weiß ohnehin, wie man sich in Turniere hereinfuchst. In Brasilien gelang ihm das vor zwei Jahren vorzüglich und gipfelte in seiner herausragenden Leistung im Finale gegen Argentinien. Und zum Zuckerhut reiste der mittlerweile 31-Jährige nach eigener Aussage in deutlich schlechterem Zustand als zu dieser EM.

Statistisch gesehen überflügelt Schweinsteiger seine Kollegen Kroos und Khedira gar. Nach inklusive Nachspielzeit 29 absolvierten Turnierminuten - wohlgemerkt zwei Mal in der Schlussphase gegen bereits müde gespielte Ukrainer und Nordiren -, sind die Zahlen zwar nicht final aussagekräftig, sie sind aber sehr wohl beachtlich. 

Vielleicht heißt es gar nicht Khedira oder Schweinsteiger, womöglich ist der Plan für die heiße Phase des Turniers ein anderer. Einer, der wie in Brasilien Schweinsteiger, Khedira und Kroos gemeinsam in der ersten Elf vorsieht. In einer solchen Ausrichtung hat Deutschland den Gastgeber vor zwei Jahren mit 7:1 abgefertigt, und einmal mehr die Fußballwelt verzückt.

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