Sein Lächeln hatte Arda Turan nicht verloren. Scheinbar hervorragend gelaunt schlenderte der türkische Mittelfeld-Star zum Mannschaftsbus - nach außen hin machte der 29-Jährige demonstrativ gute Miene zum bitterbösen Spiel. Obwohl die Fans ihn zum Sündenbock gestempelt und in der zweiten Halbzeit des 0:3 (0:2) gegen Spanien bei jedem Ballkontakt gnadenlos auspfiffen hatten.
Nicht einige Wenige, sondern der komplette Block der türkischen Anhänger machte den Profi des FC Barcelona für die deprimierende Niederlage gegen den Titelverteidiger verantwortlich. Die gesamte Enttäuschung über die zweite EM-Niederlage im zweiten Spiel und das fast sichere EM-Aus - Turan bekam sie um die Ohren gehauen.
Trost von Iniesta - Schutz von Mitspielern
"Das ist eine schwierige Situation für jeden Spieler, wenn er von den eigenen Fans ausgepfiffen wird. Das hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack", sagte sein spanischer Vereinskollege Andres Iniesta. Ausgerechnet der Star des Gegners hatte Turan als einer der Ersten noch auf dem Feld in den Arm genommen und getröstet. Es passte ins Bild. Denn während die türkischen Anhänger pfiffen, hallten "Arda Turan"-Sprechchöre aus dem gelb-roten Fanblock der Spanier. Kurios.
"Ich kann nicht verstehen, warum sie ihn ausgebuht haben. Er ist unser Kapitän und hat uns viele Siege beschert. Ihn für diese Niederlage verantwortlich zu machen, ist beschämend", sagte der Dortmunder Nuri Sahin. BVB-Neuzugang Emre Mor setzte sogar noch einen drauf: "Arda ist unser König - und wird immer unser König bleiben." Und der Leverkusener Hakan Calhanoglu verriet, dass Turan die Anfeindungen nicht so locker wegsteckte, wie es nach Außen den Anschein hatte: "Er ist natürlich sehr traurig, er ist emotional wie wir alle."
Fans und Medien sind gegen das Team
Während des Spiels hatte Turan mehrmals sarkastisch den Daumen in Richtung der "Fans" gehoben, sagen wollte er nach dem Schlusspfiff zu den Anfeindungen nichts. Das übernahmen andere. Und dabei zeigten seine Mitspieler mehr Geschlossenheit als zuvor über 90 Minuten auf dem Platz.
Am Sonntag berichteten dann türkische Medien auch noch von tiefen Gräben innerhalb des Teams. Es soll um Prämien gehen, um Grüppchenbildung, um Maulwürfe. Auch Trainer Fatih Terim sei bei Teilen der Mannschaft nicht wohlgelitten. Der Umgang der Fans mit Turan passt da zum bisher desaströsen Auftritt des so stolzen Landes bei der EM.
Türkei vor dem Aus
Gegen Spanien fiel die Mannschaft nach den Gegentoren in der ersten Halbzeit auseinander. "Wer mich kennt, weiß, dass ich so etwas nicht akzeptieren kann", sagte Terim. Konkrete Lösungen nannte der "Imperator" aber keine.
Null Punkte, null Tore: Am Dienstag geht es für die Türken in Lens zum Gruppenabschluss gegen Tschechien. Selbst bei einem Sieg ist das Weiterkommen eher unwahrscheinlich. Es drohen die nächsten Pfiffe gegen Turan.


