Alejandro ChumaceroGetty Images / Goal

Alejandro Chumacero: Volksheld und Schweini-Doppelgänger

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HINTERGRUND

Die ausgeprägten Gesichtszüge, das breite, verschmitzte Lächeln, die dunkelblonde Gelfrisur, das ist doch … Nein, nicht der junge Bastian Schweinsteiger. Gestatten: Alejandro Chumacero, genannt "Chumasteiger", bolivianischer Nationalspieler. Doch hinter Chumacero steckt noch viel mehr als nur ein vermeintlicher Doppelgänger des deutschen Weltmeisters, schließlich ist er momentan Boliviens wohl größte Hoffnung und der beste Schütze der laufenden Copa Libertadores. Doch wer ist dieser Mann, der der tz einen eigenen Artikel wert war und in Südamerika zum Publikumsliebling avanciert ist?

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Alejandro Chumacero wurde am 22. April 1991 in Boliviens Hauptstadt La Paz geboren und zeigte schon früh sein Talent am Ball, sodass ihn die Jugendabteilung des örtlichen Klubs The Strongest – der zweitgrößte und zweiterfolgreichste des Landes und seit der Jugend sein Herzensklub – aufnahm. Dort fiel der kleine Junge an Spieltagen regelmäßig auf, wenn er die Fans in der Halbzeitpause mit seinen Kunststücken unterhielt. Die technische Begabung des kleinen Chumacero fiel auch dem Trainer der ersten Mannschaft auf, und es sollte nicht lange dauern, bis er zu den Großen aufs Spielfeld wechselte:  Erst 16 Jahre und einen Monat war Chumacero alt, als er im Juni 2007 sein Debüt in der ersten Mannschaft gab.

Groß war die Verwunderung über den Einsatz dieses kleinen, schmächtigen Jungen, keine 1,60 Meter groß, der da im Mittelfeld auflief, doch schnell ließ er alle Unkenrufe verstummen – beim 2:1 über Universitario de Sucre war es der Debütant Chumacero, dem per Seitfallzieher das erste Tor seiner Mannschaft gelang. Und trotz seiner körperlichen Defizite – auch heute ist er nur 1,64 Meter groß, selbst für bolivianische Verhältnisse klein – sollte er nicht mehr aus der Mannschaft weichen. Er erkämpfte sich schnell einen Stammplatz beim bolivianischen Spitzenklub und wurde schon mit 18 Jahren erstmals in die Nationalmannschaft einberufen, auch wenn er sein Debüt erst über ein Jahr später feiern durfte.

Durchbruch und der Hype um "Chumasteiger"

Dazwischen lag die U20-Südamerikameisterschaft 2011, bei der Chumacero erstmals die internationalen Scouts auf sich aufmerksam machte. Trotz des frühen Ausscheidens war "Chumita" der klar beste Spieler der Bolivianer und zog alle Blicke auf sich. Angebote aus Israel und Peru flatterten ins Haus, doch The Strongest lehnte ab und behielt das Juwel in den eigenen Reihen. Das sollte sich als gute Entscheidung herausstellen, traf er 2012 doch achtmal in 20 Spielen und schoss die Tigres so zum zweiten Meistertitel.

Im Frühjahr 2013 setzte er mit dem dritten Titel in Folge sogar noch einen drauf – eine historische Leistung: Noch nie war das den Tigres im Profifußball gelungen. Gleichzeitig wurde er gemeinsam mit dem Ex-Bremer Marcelo Moreno zum wichtigsten Spieler der Nationalmannschaft. Der eigentlich eher introvertierte Chumacero wurde spätestens jetzt, mit gerade 21, zum Volkshelden, der stets von Fans umschwärmt wird und sogar für Haargel Werbung macht. Kleiner wurde der Hype nicht, als seine Ähnlichkeit mit Schweinsteiger auffiel und man ihn "Chumasteiger" taufte.

Chumacero selbst nahm all die Aufregung gelassen und freute sich über die Vergleiche, auch wenn er selbst eher Xavi und Iniesta nacheifern will. Um ihnen sportlich ein kleines Stück näher zu kommen, traf er 2013 die Entscheidung, seinem Heimatklub den Rücken zu kehren. Ein exzellent dotiertes Angebot des Erzrivalen Bolivar lehnte Chumacero ab, stattdessen wählte er unter einigen Auslandsangeboten das von Sport Recife aus Brasilien.

Lauffreudig, dynamisch und torgefährlich

Dort aber war er weg, der Hype um seine Person, die Liebe der Fans. Er hatte Heimweh und kehrte nach nur einem Jahr zurück zu seiner großen Liebe The Strongest. Wieder in seiner Heimat, übernahm Chumacero sofort wieder eine Führungsrolle, im Verein und in der Nationalmannschaft, die er schon häufiger als Kapitän aufs Feld führte.

Besonders auffällig im oft behäbigen bolivianischen Fußball sind Chumaceros Geschwindigkeit und Lauffreude. Der kleingewachsene, dynamische Mittelfeldspieler deckt enorm viele Räume ab und kommt stets auf Spitzenwerte in der Laufleistung. Gleichzeitig hat er Stürmerblut in sich: 22 Tore gelangen ihm in den ersten 79 Ligaspielen nach seiner Rückkehr. Seine vielleicht beste Saison spielt er aber aktuell: Vor Größen wie Fred, Robinho oder Lucas Barrios führt er aktuell mit acht Treffern die Torjägerliste der Copa Libertadores – Lateinamerikas prestigeträchtigster Wettbewerb – an.

Und das ist alles andere als ein Zufall: Eine gute Schusstechnik, vor allem aber exzellente Bewegungen ohne Ball zeichnen ihn insbesondere dann aus, wenn er wie meist in der Copa Libertadores als Rechtsaußen (und nicht als zentraler Mittelfeldspieler) beginnt. Insbesondere in den Heimspielen in La Paz ist er von seinen Gegnern selten zu halten und erzielte bereits mehrere Traumtore.

Auch vor Messi kein Respekt

Mit Chumacero wuchs auch die ganze Mannschaft von The Strongest, die in der zweiten Qualifikationsrunde startete und es bis ins Achtelfinale schaffte, obwohl man den Tigres wenig zugetraut hatte. Doch mit technisch ansehlichem Fußball und dem brandgefährlichen Chumacero hat man viele Kritiker verstummen lassen, demontierte Gegner wie die Montevideo Wanderers (4:0), Union Española (5:0) und Sporting Cristal (5:1). Selbst das jüngste Achtelfinalhinspiel gegen die Argentinier von Lanus hätte man eigentlich gewinnen müssen, dominierte den Favoriten spielerisch klar (am Ende stand ein 1:1).

So ist es umso bitterer, dass das Rückspiel mit 0:1 verloren ging und der historische Viertelfinaleinzug verpasst wurde. Und dennoch hat Chumacero weiter viel vor. Er, der Techniker, der mittlerweile 26 ist und auf dem Platz längst nicht mehr der schüchterne Knabe ist. Mit der Drei auf dem Rücken macht er mittlerweile nicht einmal mehr Halt vor Superstars wie Lionel Messi. Beim Länderspiel gegen die Albiceleste begrüßte er die Barca-Ikone, während noch die argentinische Hymne lief. Ein sichtlich irritierter Messi ignorierte Chumacero, erst nach dem Spiel wurde das Missverständnis ausgeräumt.

Gegen Chile mit den Superstars Vidal und Sanchez holte er sich kurz vor Ende Gelb-Rot ab. Weil er inzwischen nicht mehr nur Flügelspieler mit überragender Technik ist, sondern einer, der auch da hingeht, wo es weh tut. Eine Entwicklung, wie sie ein junger Deutscher einst ebenfalls hinlegte, und die im WM-Finale 2014 darin endete, dass er sich in jeden Zweikampf war, als ginge es um Leben und Tod. Sein Name: Bastian Schweinsteiger. 

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