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Deutschlands Auftakt: 2:0 trotz viel Sand im Getriebe

Der 2:0-Schlusspunkt von Comebacker Bastian Schweinsteiger wird nicht nur ihn selbst beflügeln, er könnte auch ein wichtiger Impuls für die Stimmung nach den umkämpften 90 Minuten gegen die Ukraine gewesen sein. Für Schweinsteiger, der mit Philipp Lahm als deutscher Rekordspieler bei EM-Endrunden gleich zog (je 14 Einsätze), war es übrigens das erste Tor im Dress der Nationalmannschaft seit Oktober 2011, als er beim 3:1 in der Türkei traf.

Aufstellung und Taktik

Vor dem Spiel wurde viel diskutiert, ob der Bundestrainer denn mit einer Viererkette beginnen oder auf drei Mann in der Kette setzen sollte. Eine Variante mit Jerome Boateng als Abwehrchef sowie Benedikt Höwedes (rechts) und Jonas Hector (links) wäre denkbar gewesen. Doch Löw setzte auf eine Viererkette, die bei genauer Betrachtung vor allem bei eigenem Ballbesitz eigentlich keine war. Boateng orientierte sich sehr weit nach rechts und kümmerte sich genauso um den Spielaufbau wie Toni Kroos, der sich als erste Anspielstation vor den Innenverteidigern weit zurückzog. Shkodran Mustafi agierte als Bindeglied zwischen den beiden Aufbauspielern.

Die Außenverteidiger Jonas Hector und Benedikt Höwedes spielten sehr offensiv, konnten dort aber wenige Akzente setzen. Vielmehr fehlten sie oftmals in der Rückwärtsbewegung. Ab Mitte der ersten Halbzeit wurde Deutschland immer anfälliger und es entstanden große Lücken nach eigenen Ballverlusten. In dieser Phase konnte sich die Mannschaft bei Manuel Neuer und "Kung-Fu-Boateng" bedanken, die einige Male in höchster Not retteten. Die Anfälligkeit bei gegnerischen Standards wird ein Thema bleiben. Gleich zwölf Ecken ließen Löws Schützlinge in den 90 Minuten zu, so viele wie in keinem EM-Spiel seit 1992 (damals 14 gegen Schottland).

In der zweiten Halbzeit fand das deutsche Team zur Passsicherheit zurück und konnte die ukrainischen Angriffe schon im Keim ersticken. Nach der 57. Minute hatten die Ukrainer keinen Abschluss mehr, bei dem der starke Manuel Neuer eingreifen musste. 12:2 lautete die Torschussbilanz zugunsten des Weltmeisters in der zweiten Halbzeit.

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Kroos war indes der Taktgeber und Chef der deutschen Mannschaft. Er wird von seinen Mitspielern permanent gesucht und tritt nebenbei noch die besten Standards. Zurecht wurde er von der UEFA zum "Man of the Match" gewählt. In der ersten Halbzeit baute er das Spiel tief aus der Defensive auf, nach dem Seitenwechsel tauchte Kroos öfter in der Offensive aus. Seine Heatmaps aus beiden Halbzeiten (links erste Halbzeit, rechts zweite) zeigen dies deutlich:

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Am Ende hatte Kroos mit 130 Ballaktionen mit Abstand die meisten. Und nicht nur das: Seine Pässe kamen zu 93% an (Bestwert auf dem Platz) und er gewann 60% seiner Zweikämpfe. Wie viele Akzente der frisch gebackene Champions-League-Sieger in der Offensive setzte, zeigte nicht nur sein Assist zum 1:0 - der 26-Jährige war in acht der insgesamt 18 Schüsse der DFB-Elf involviert. 

Was war mit der Offensive los?

Der Bundestrainer entschied sich für Mario Götze in vorderster Front und ließ Mario Gomez 90 Minuten auf der Bank schmoren. Betrachtet man nur die erste Halbzeit, müsste Gomez im zweiten Spiel seine Chance bekommen. Denn Götze war zwischen den körperlich überlegenen Ukrainern auf verlorenem Posten und hatte nur zehn Ballaktionen vor dem Seitenwechsel (drei davon im Strafraum). In den zweiten 45 Minuten konnte er besser ins Spiel eingebunden werden, hatte aber bis zu seiner Auswechslung nur zwei harmlose Abschlüsse.

Und die deutsche Allzweckwaffe Thomas Müller? Der "Raumdeuter" war in seinen 90 Minuten seltsam unbeteiligt, gab nur einen Schuss ab und fand nicht die Position, in der er seine Stärken voll ausspielen kann. Sorgen muss man sich um den Münchner sicher nicht machen, dennoch lief die Partie weitestgehend an ihm vorbei. Dies wird in der folgenden Grafik deutlich, die zeigt, über welche Seite die deutschen Angriffe initiiert wurden.

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Ein weiterer Spieler, der seine Leistung nicht abrufen konnte, war Mesut Özil. Bei der WM 2014 als Linksaußen sehr umstritten und unauffällig, durfte er gegen die Ukraine auf der nominellen Zehnerposition ran. Seine beste Aktion blieb jedoch die schöne Vorarbeit zum 2:0, ansonsten wählte er zu oft die kompliziertere Lösung, anstatt einfach mal den Abschluss zu suchen.

Fazit

Mund abputzen und weiter geht's - es gibt viel zu tun! In der ersten Halbzeit wackelte der Weltmeister bedenklich, doch dank der Maßnahmen in der Halbzeit und der deutlichen Leistungssteigerung gewann die deutsche Elf letztlich verdient. Ein Standard leitete wieder einmal den deutschen Sieg ein. Bereits bei der WM war Deutschland die gefährlichste Mannschaft nach ruhenden Bällen (sechs Tore). Gut, wenn man eine solche Waffe in der Hinterhand weiß.

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