Bei Hertha BSC dürfte sich noch heute so manch einer die Augen reiben, wenn der Name Maximilian Mittelstädt fällt. Für eine inzwischen lächerliche Summe von 500.000 Euro wechselte der gebürtige Berliner vom gerade in die 2. Bundesliga abgestiegenen Hauptstadtklub im Sommer 2023 zum in der Relegation geretteten VfB Stuttgart und avancierte innerhalb eines Jahres zum Stammspieler in der deutschen Nationalmannschaft.
GettyErfolgsgeschichte mit einem bittersüßen Ende? Beim VfB Stuttgart bahnt sich eine brisante Transfer-Entscheidung an
Wenige Monate vor der Heim-EM adelte ihn Bundestrainer Julian Nagelsmann Mittelstädt anhand dessen Statistiken sogar zum "mit Abstand besten Linksverteidiger in der Bundesliga und einem der Top-4-Linksverteidiger der Welt". Im Laufe des Turniers verlor Mittelstädt zwar seinen Stammplatz, doch allein die Nominierung stellte den vorläufigen Höhepunkt seiner bis dato eher durchwachsenen Karriere dar - nochmal getoppt vom Pokalsieg im darauffolgenden Sommer nach einer ereignisreichen Saison gespickt mit Auftritten in der Champions League gegen Größen wie Real Madrid oder den späteren Sieger PSG.
Mittelstädts Werdegang steht sinnbildlich für den Stuttgarter Aufstieg. Das hob unlängst auch Trainer Sebastian Hoeneß hervor. "Sein Wert für die Mannschaft ist sehr groß - quasi seit ich hier beim VfB begonnen habe", sagte der Urvater des Erfolgs nach dem 4:1-Sieg des VfB bei Celtic Glasgow im Playoff-Hinspiel der Europa League. Dennoch ließ er Mittelstädt in dem wichtigen Duell erstmals in der laufenden Spielzeit für volle 90 Minuten auf der Bank schmoren und deutete damit eine kleine Zeitenwende an, die sich zuletzt immer mehr verdichtete: In wichtigen Spielen ist die Instanz der vergangenen Jahre nicht mehr gesetzt!
Zwar betonte Hoeneß nach dem Celtic-Spiel auch, dass der 28-Jährige "bis zum heutigen Tage eine wichtige Rolle" spielen würde. Im Achtelfinal-Hinspiel gegen den FC Porto bekam aber zum wiederholten Male Shootingstar Ramon Hendriks den Vorzug. Beim 1:0-Sieg über RB Leipzig am Sonntag setzte der VfB-Coach wie schon Anfang März gegen den VfL Wolfsburg - dem zweiten Spiel ohne Mittelstädt-Einsatz - obendrein auf eine Dreierkette mit Chris Führich auf der linken Schiene. Hendriks präsentierte sich dahinter erneut bärenstark und brachte kurzerhand den pfeilschnellen Ausnahmekönner Yan Diomande zur Verzweiflung. Im Hintergrund halten sich derweil Gerüchte, wonach Mittelstädts Erfolgsgeschichte beim VfB ein bittersüßes Ende finden könnte.
Imago Images / EibnerVfB Stuttgart: Ramon Hendriks hat Maximilian Mittelstädt den Rang abgelaufen
Mittelstädt spielt keineswegs eine schlechte Saison, ein leichter Abwärtstrend im Vergleich zu seinen ersten beiden Jahren im Trikot mit dem Brustring ist jedoch zu erkennen. Zehn Torbeteiligungen in bislang 39 Einsätzen lassen sich freilich sehen und überflügeln seine Premierensaison beim VfB (sieben) sogar schon jetzt. Vier seiner fünf Treffer erzielte Mittelstädt allerdings vom Elfmeterpunkt. Abgesehen von den reinen Offensiv-Aufgaben hat ihm Hendriks aber in vielerlei Hinsicht den Rang abgelaufen. Der 24-Jährige glänzt nicht nur als besserer Zweikämpfer (69,2 Prozent) und Passgeber (87,2 Prozent), sondern ist auch noch deutlich schneller auf den Beinen. Gegen Leipzig knackte er trotz seiner 1,89 Meter (!) abermals die 35 km/h-Marke, während sich Mittelstädts Topspeed auf rund 33 km/h beläuft. Ebenso glänzt der gelernte Innenverteidiger als Vorbereiter (drei Assist), wie zum Beispiel bei seiner mustergültigen Hereingabe beim wichtigen Treffer von Ermedin Demirovic zum zwischenzeitlichen 2:1 gegen den 1. FC Köln.
Statistik Maximilian Mittelstädt Ramon Hendriks Spiele (Einsatzminuten) 39 (2.836) 39 (2.534) Tore 5 0 Assists 5 3 Erfolgreiche Dribblings (Bundesliga) 64,7 Prozent (11/17) 100 Prozent (7/7) Passquote (Bundesliga) 82,3 Prozent 87,2 Prozent Zweikampfquote (Bundesliga) 64,5 Prozent 69,2 Prozent klärende Aktionen (Bundesliga) 2,73 pro Spiel 3,22 pro Spiel Balleroberungen (Bundesliga) 1,89 pro Spiel 0,59 pro Spiel Topspeed ≈ 33 km/h 35,04 bis 35,24 km/h Deshalb sondieren die Verantwortlichen um Sportvorstand Fabian Wohlgemuth dem Vernehmen nach den Transfermarkt nach Alternativen für die linke Abwehrseite. Dahingehend wurde zuletzt häufiger über eine Verpflichtung von Cercle Brügges Nazinho spekuliert, für den wohl rund zehn Millionen Euro Ablöse fällig wären. Zumal auch Hendriks Zukunft offen zu sein scheint. Der Niederländer soll bei mehreren Topklubs hoch im Kurs stehen.
Mittelstädt hat Berichten zufolge ebenfalls hochkarätiges Interesse auf sich gezogen. Demnach verfolge wie schon im vergangenen Sommer die SSC Neapel seine Situation genau, in Juventus Turin habe ein weiteres Team aus Italien angeklopft. Mittelstädt selbst deutete kurz vor Weihnachten außerdem an, dass trotz seines Vertrags bis 2028 in nicht allzu ferner Zukunft eine Luftveränderung anstehen könnte: "Vielleicht ist es irgendwann möglich, den nächsten Schritt zu gehen."
Ein Blick auf Mittelstädts Marktwert von kolportierten 18 Millionen Euro verrät, dass dem VfB bei einem Verkauf ein gewaltiges Transferplus winken würde. Der Nationalspieler im besten Fußballeralter könnte indes einen letzten großen Vertrag unterschreiben. Rein finanziell gesehen wäre eine Trennung in einem derartigen Szenario also für beide Seiten nachvollziehbar. Allerdings hätte ein jähes Ende von Mittelstädts Zeit im Schwabenland auf diese Art und Weise auch ein gewisses Geschmäckle.
WM-Nominierung von Maximilian Mittelstädt? Sebastain Hoeneß widerspricht sich selbst
In Mittelstädt verlöre der VfB nicht nur einen Publikumsliebling, sondern auch einen Führungsspieler. Schon bei der Hertha stach er als Mann der klaren Worte heraus. Dementsprechend deutlich kommunizierte er Ende Februar auch sein Ziel, bei der WM dabei sein zu wollen. Für den Lehrgang im November hatte ihn Bundestrainer Julian Nagelsmann nicht nominiert. Stattdessen bekamen David Raum und Nathaniel Brown den Zuschlag. "Es gab Ende des letzten Jahres einen Austausch mit dem Bundestrainer. Dort hat er mir die Gründe für meine Nicht-Nominierung erklärt und gesagt, was ich zu tun habe. Das hat mich noch mehr motiviert, Gas zu geben. Es ist mein Ziel, mich für die WM zu empfehlen und wieder in die Nationalelf zu rutschen. Dafür muss ich viel spielen und gute Leistungen zeigen."
Wenige Wochen später ist er im internen Duell mit Hendriks beim VfB aber endgültig ins Hintertreffen geraten, was seine Chancen auf eine Berufung für die Weltmeisterschaft nochmal geschmälert haben dürften. Ohnehin deutet derzeit vieles daraufhin, dass eine Reihe von Stuttgartern nicht von Nagelsmann berücksichtigt wird. Umso mehr wird sich in den eigenen Reihen und im VfB-Umfeld darum bemüht, die Spieler für die anstehende Nominierung am Donnerstag für die Testspiele Ende März zu positionieren.
Während Deniz Undav mit einem aufsehenerregendem Interview selbst die Initiative ergriff und dieses sportlich auch absolut untermauerte, legte Hoeneß höchstpersönlich für Mittelstädt ein gutes Wort ein. "Ich halte ihn für einen Spieler, den du sehr gut gebrauchen kannst bei der WM", sagte er nach dem Celtic-Spiel und betonte widersprüchlich zu seinen Taten: "Julian muss natürlich noch ein paar mehr Dinge beachten, in die ich keinen Einblick habe. Aber Maxi hat bereits gezeigt, dass er auch gegen sehr gute Gegner ein hohes Level erreichen kann."
Beweisen durfte sich Mittelstädt gegen die "sehr guten Gegner" seitdem jedoch nicht. Stattdessen stand er in der Startelf, als ihm Spieler von Heidenheim, Mainz und Celtic (Rückspiel nach dem 4:1-Sieg) gegenüberstanden. So muss Mittelstädt vermutlich auch in der kommenden Länderspielpause die ihm nun immer bekanntere Zuschauerrolle einnehmen, wenn es unter anderem ausgerechnet vor heimischer Kulisse in Stuttgart gegen Ghana (30. März) geht.
Getty Images SportVfB Stuttgart, Termine: Die nächsten Spiele im Überblick
Datum (Uhrzeit) Wettbewerb Gegner (Ort) 19. März (21 Uhr) Europa League FC Porto (A) 22. März (19.30 Uhr) Bundesliga FC Augsburg (A) 4. April (18.30 Uhr) Bundesliga BVB (H) 12. April (17.30 Uhr) Bundesliga HSV (H) 19. April (18.30 Uhr) Bundesliga FC Bayern (A)
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