Porto-Talent Ruben Neves zu den Wolverhampton Wanderers: Der kurioseste Transfer des Sommers

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2015 schielte noch halb Europa auf das Porto-Juwel. Nun steht Ruben Neves vor einem Wechsel zu den Wolves und keiner weiß, warum.

HINTERGRUND

Im Oktober 2015 waren die Zuschauer im Estadio do Dragao Zeugen eines historischen Moments, es stand die Champions-League-Partie zwischen dem FC Porto und Maccabi Tel Aviv auf dem Programm: Als beide Mannschaften unter dem Jubel der Fans einliefen, staunten viele nicht schlecht, als mit Ruben Neves ein 18-Jähriger die Blau-Weißen aufs Feld führte. Genauer gesagt, war er 18 Jahre und 221 Tage alt. Nie zuvor hatte ein jüngerer Spieler in der Champions League die Kapitänsbinde getragen.

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Auch wenn er an diesem Abend nur der Ersatz des legitimen Spielführers Jackson Martinez war, ist diese Geschichte bemerkenswert, stand mit Welt- und Europameister Iker Casillas beispielsweise eine aktive Legende ebenfalls in der Startelf. Die Binde ging an jenem Abend jedoch an das Supertalent Neves. Knapp zwei Jahre später ist von der Euphorie um ihn wenig übrig geblieben, doch auch in diesen Tagen sorgt er wieder mächtig für Schlagzeilen. Angeblich soll ein Wechsel für knapp unter 20 Millionen Euro zu den Wolverhampton Wanderers kurz bevor stehen. Doch wie konnte es soweit kommen, dass ein Talent mit diesen Anlagen in der zweiten englischen Liga landet?

Neves legte einen kometenhaften Start in seine Profikarriere hin. Bereits mit 17 Jahren durfte er sein Debüt für den Klub feiern, bei dem er den Großteil seiner Jugend verbrachte. Sein 1:0-Führungstreffer und der damit verbundene Rekord als jüngster Torschütze Portos war an jenem Tag nur die Kirsche auf der Torte. Im weiteren Verlauf der Saison kam er in 37 Pflichtspielen zum Einsatz. Da schien es nur folgerichtig, dass mit Arsenal, Chelsea, Real Madrid und dem FC Barcelona einige Top-Klubs ein Auge auf ihn warfen. Doch Präsident Pinto da Costa schob jeglichen Abwerbeversuchen gnadenlos den Riegel vor.

"Wir wollen ihn unbedingt bei Porto halten", sagte Pinto da Costa damals zu O Jogo. "Er soll hier zu einer Legende werden, wie es Joao Pinto ist." Neves selbst fühlte sich von den Worten seines Bosses geschmeichelt. "Wie es sich anfühlt, zu hören, dass man zu einer Symbolfigur des Klubs werden soll? Einfach fantastisch. Das hat mich sehr stolz gemacht", sagte er in jenen Tagen.

In der Tat zeigte sich der Portugiese äußerst frühreif. Überschwängliches Lob von allen Seiten war da nur die logische Folge. Sein früherer Jugendtrainer Luis Castro bescheinigte ihm "unglaubliche mentale Stärke und eine außergewöhnliche Abgeklärtheit" für sein junges Alter.  Doch egal, wen man zu seiner Meinung über den portugiesischen Frühstarter fragte, ein Wort fiel fast immer: Reife.

Ruben Neves Porto

Unabhängig von den oben genannten Punkten war das für seinen ehemaligen Förderer Castro der Hauptgrund für die nicht vorhandenen Anpassungsprobleme an den Profifußball. "Die Leute sprechen viel über Technik und taktisches Verständnis, aber ohne die nötige Reife sind diese Dinge wertlos", sagte er. Mit Vitor Baia schlug ein ehemaliger Porto-Keeper gegenüber O Jogo in eine ähnliche Kerbe: "Ich bin stolz, einen so jungen Spieler mit einer derartigen Reife und Qualität erleben zu dürfen. Ich wünsche ihm viel Erfolg."

Auch Cristian Tello, der einen Großteil seiner Jugend in der weltberühmten Barca-Akademie 'La Masia' verbrachte und dort einige außergewöhnliche Talente miterleben durfte, zeigte sich während seiner Leihe nach Porto begeistert. "Für einen 17-Jährigen ist Ruben Neves einfach fantastisch. Er trifft sehr oft die richtigen Entscheidungen", so Tello damals. "Er erinnert mich an Sergio Busquets", ergänzte er.

Wie kommt es also, dass ein Spieler, der vor nicht allzu langer Zeit mit derartigen Lobeshymnen überschüttet wurde, nun vor einem Wechsel in die Championship steht? Neves hatte nach zwei für ihn persönlich grandios verlaufenden Spielzeiten kein leichtes Jahr in Portugal. In der abgelaufenen Saison kam er in der Liga lediglich 13-mal zum Einsatz und stand dabei nur sechsmal in der Startformation. Vor allem im Verlauf der Rückrunde hatte er sehr mit seiner Form zu kämpfen.

Lieber Wolverhampton als in die Premier League?

Dennoch waren vor wenigen Wochen noch Premier-League-Klubs wie Arsenal, Chelsea oder der FC Liverpool mit ihm in Verbindung gebracht worden, die sich aufgrund der veränderten Situation des Youngsters in Portugal wohl Hoffnungen auf eine Verpflichtung machten. Doch stattdessen steht der Wechsel zu den Wolverhampton Wanderers bevor.

Englische Medien nennen seinen Berater Jorge Mendes, der neben Neves unter anderem auch Superstars wie Cristiano Ronaldo oder James Rodriguez vertritt, als Hauptgrund dafür, dass der Zweitligist überhaupt die Chance auf einen derartigen Transfer hat. Im Juli 2016 wurde der Klub an die chinesische Investorengruppe "Fosun International" verkauft. Langfristiges Ziel bei diesem Engagement ist selbsterklärend die Rückkehr in die Premier League, der die Wolves zuletzt in der Saison 2011/12 angehörten.

Ruben Neves Porto

Jorge Mendes gilt als enger Vertrauter der Investoren, so tragen schon einige Verpflichtungen in letzter Zeit seine klare Handschrift. Schon im vergangen Jahr wurden mit Helder Costa und Ivan Cavaleiro für zwei Mendes-Klienten knapp 23 Millionen Euro bezahlt. Auch der jetzige Trainer Nuno Esperito Santo, welcher Neves bereits beim FC Porto trainierte, steht bei Mendes unter Vertrag. Doch mit der Vermittlung des mittlerweile 20-Jährigen nach Wolverhampton würde er für den wohl bemerkenswertesten Transfer dieses Sommers sorgen.

Vielen Fans, Journalisten und Experten sind die Gründe für Neves' Entscheidung ein Rätsel. In den Zeitungen und sozialen Netzwerken sind die Vokabeln 'shocking transfer' oder 'strangest move' seitdem gang und gäbe. Die Wolves dürfen sich bei diesem Glücksfall über einen Mittelfeldmann freuen, der eigentlich weit über ihrem Niveau spielen könnte. Doch aus der Sicht Portos und des Spielers selbst wirft der Wechsel viele Fragen auf.

Zuletzt tauchten im Internet Berichte auf, dass sich der portugiesische Top-Klub in großer finanzieller Not befände und in diesem Sommer wohl mehr als 115 Millionen Euro Transfereinnahmen vorweisen müsse. Doch selbst falls sich das bewahrheiten sollte, sind die kolportierten 18 Millionen Euro Ablöse für einen solch talentierten Spieler in der heutigen Zeit eher ein Schnäppchen.

Neves-Wechsel wohl eine Frage der Zeit

Noch viel unverständlicher ist jedoch der Entschluss des Spielers selbst. Wolverhampton musste sich in den beiden vergangenen Spielzeiten in der Championship eher nach unten orientieren, als dass man etwas mit dem Aufstieg in die Premier League zu tun gehabt hätte. Klar wird der Faktor Spielzeit nach einem enttäuschenden Jahr eine Rolle spielen, doch ob der ballsichere und spielerisch starke Mittelfeldspieler seine Karriere in dieser eher als rau geltenden und sehr konservativ geprägten Spielklasse wieder in die richtige Richtung lenken kann, darf zumindest angezweifelt werden.

Dennoch wird der Deal in den nächsten Tagen über die Bühne gehen. Wolves-Coach Santo äußerte sich am Donnerstag gegenüber Reportern vielsagend. "Ja, ich glaube, dass der Wechsel klappen wird. Ruben ist ein sehr guter Spieler, der unserem Team neue Impulse geben kann", sagte er. "Ich kenne ihn sehr gut, habe bereits mit ihm gearbeitet." Auf die Frage, ob es schwer war, ihn trotz des Interesses aus der Premier League zu überzeugen, antwortete der 43-Jährige: "Nein, er freut sich, zu uns zu kommen. Es ist auch für ihn eine gute Herausforderung."

Nach diesen Aussagen dürfte die Verkündung des wohl kuriosesten Transfers dieses Sommers also nur noch eine Frage von Stunden oder Tagen sein. Ob es sich für den zweifachen Nationalspieler Portugals auszahlen wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorhergesehen werden. Doch warum ein derart großes Talent diesen äußerst merkwürdigen Weg in die zweite Liga Englands einschlägt, ist vielen Fußballfans auch nach gründlichen Überlegungen immer noch schleierhaft.

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