Joshua Kimmich Jerome Boateng Germany EURO 2016Getty

DFB-Team: Ein Hoch auf die Zukunft

Ob man als Weltmeister eine Pleite wie die im EM-Halbfinale leichter verdauen könne, wurde er gefragt. Mats Hummels schüttelte schon den Kopf, da hatte der Fragesteller kaum ausgesprochen. "Auf keinen Fall", sagte der Innenverteidiger, der das Duell mit Gastgeber Frankreich gelbgesperrt verpasst hatte: "Ich bin richtig sauer, weil es für mich jetzt nur noch eine Chance gibt, diesen Titel zu gewinnen. Ich glaube nämlich nicht, dass ich mit 35 noch irgendwo herumturne." Hummels ist 27 Jahre alt, und zählt damit zu den Etablierten in der deutschen Nationalmannschaft .

Der Jetzt-wieder-Münchner haderte in den Katakomben des Stade Velodrome von Marseille mit dem Aus, als er vor den Kameras, Mikrofonen und Aufnahmegeräten stand. Er wirkte enttäuscht, aber gefasst. Bloß einmal keimte etwas Euphorie auf - als er über die Zukunft sprach. "Es ist jetzt schon gegeben", meinte Hummels, "dass wir auch in den nächsten Jahren eine sehr gute individuelle Qualität auf den Platz bringen werden."

Die jungen Spieler seien "schon sehr weit", was gut ist, "aber noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung", was noch viel besser ist, befand Hummels. Hinzu komme, dass die Mannschaft altersbedingt in den kommenden Jahren kaum Spieler verlieren werde. "So viele sind noch nicht in den Dreißigern, die dabei waren. Und Manu kann sowieso spielen, bis er 55 ist. Kein Problem." Und er selbst hat ja auch noch ein paar gute Jahre vor sich.

Neben Manu, das ist Manuel Neuer, sind Mario Gomez und Lukas Podolski 30 oder älter. Letzterer kündigte nach 18 EM-Minuten, die ihm Joachim Löw im Spiel gegen die Slowakei geschenkt hatte, wohl auch als Dankeschön für längst vergangene Verdienste, überraschend an, weitermachen zu wollen. "Auch wenn ich eine Drei vorne habe, ich muss mich vor keinem verstecken. Der Trainer kann das bestätigen", sagte Podolski. Nun ja, der Trainer hat Podolski schon begleitet, da war er noch gar nicht der Trainer. Er kennt den liebenswerten Ur-Kölner, seit der 19 ist. Da kann eine Beziehung schon mal intensiver werden, als es im Geschäft Profifußball gesund ist. Anders jedenfalls ist nicht zu erklären, dass Löw Podolski und nicht Julian Brandt mit nach Frankreich nahm, wobei er doch angeblich Spieler mit Stärken im Eins-gegen-eins so schmerzlich vermisste. 

Podolski will also vom Ruhestand nichts wissen. Ob er auch weitermachen darf, wird sich zeigen. Weitaus interessanter war für Journalisten und Fans die Zukunft von Bastian Schweinsteiger, der im Gegensatz zu seinem langjährigen Weggefährten eine ungleich wichtigere Rolle einnimmt. Ob's das nun war mit ihm und der Nationalelf, das schien der Kapitän selbst nicht zu wissen. Begleitet von einem DFB-Delegierten trat er vor die Journalisten. "Drei Fragen", seien erlaubt, "mehr nicht", machte der Offizielle klar. Mehr wollte er dem tragischen Helden, der ganz offensichtlich am liebsten gar nicht gesprochen hätte, wie er es nach den meisten Spielen dieser EM gehalten hatte, nicht zumuten. 

Top-Talente in den Startlöchern

"Ähm", stammelte Schweinsteiger, als er nach seiner Zukunft gefragt wurde. Einige Sekunden hielt er inne, ehe er mit leiser Stimme sagte: "Darüber habe ich noch nicht nachgedacht." Mit der Frage dürfte er gerechnet haben, zumindest sollte er das. Froh sei er, überhaupt dabei gewesen zu sein, erklärte Schweinsteiger. Er habe sich darauf konzentriert, all seine Energie ins Turnier zu legen, um sich nach zwei Verletzungen zurückzukämpfen. Aber wie viel Energie hat der Mann mit den grauen Haaren noch?

"Der Weg der Mannschaft", sagte der 31-Jährige, "geht auf jeden Fall weiter." Mit oder ohne Schweinsteiger, die Zukunft soll rosig aussehen. Bei der EM stellte Deutschland das jüngste aller Teams. Die Ersatztorhüter Bernd Leno und Marc-Andre ter Stegen sind 24 Jahre alt, genauso wie Mario Götze. Noch jünger sind Jonathan Tah (20), Joshua Kimmich (21), Julian Weigl (20), Emre Can (22), Julian Draxler (22) und Leroy Sane (20).

Akteure wie Brandt (20) oder Mahmoud Dahoud (20) waren gar nicht dabei, könnten aber bald zum Team hinzustoßen. Womöglich auch Davie Selke (21), dem vielleicht einzigen jungen deutschen Mittelstürmer mit genügend Potenzial, um in Zukunft das Dress mit dem Adler zu tragen.

Die Mittelstürmer- und die Außenverteidiger-Positionen sind die zwei großen Baustellen beim DFB. Mit Hochdruck wird in allen Abteilungen daran gearbeitet, diese bis zur WM 2018 zu schließen. In allen anderen Bereichen werden derweil in beeindruckender Regelmäßigkeit Top-Talente produziert, insbesondere im Mittelfeld. "Da wird noch einiges nachkommen. Um gute Spieler müssen wir uns wirklich keine Sorgen machen", ist sich Hummels sicher.

"Unserer Art von Fußball eine der weltbesten"

Teammanger Oliver Bierhoff freute sich ein paar Meter weiter, dass "viele junge Spieler wichtige Erfahrungen sammeln konnten". Auch er weiß: Deutschland ist gerüstet. Kimmich machte zwar gegen Italien und Frankreich individuelle Fehler, zeigte aber während des Turniers genauso, welch ein herausragender Spieler er jetzt schon sein kann. Can und Weigl indes sind in der Lage, in der Schaltzentrale ernsthafte Alternativen zu den Arrivierten darzustellen, Sane und Tah brauchen wohl noch Zeit, könnten aber durchaus in einigen Jahren die neuen Reus' und Boatengs verkörpern.

Trotz Verletzungsproblemen hat Deutschland erneut Konstanz auf hohem - wenn auch nicht auf allerhöchstem - Niveau unter Beweis gestellt: Zum sechsten Mal in Folge erreiche das DFB-Team mindestens das Halbfinale, zum fünften Mal unter Cheftrainer Löw. "Dass wir wieder so weit gekommen sind, ist absolut hoch anzurechnen und keine Selbstverständlichkeit. Ich gehe erhobenen Hauptes aus dem Turnier", sagte Benedikt Höwedes auf Goal-Nachfrage.

Was nun bleibt von der EM, wurde Hummels gefragt? "Wir haben gesehen, dass wir mit unserer Art von Fußball definitiv zu den weltbesten Mannschaften gehören und sich das hoffentlich auch in den nächsten Jahren nicht ändern wird." Die Chancen stehen gut, die kommenden Top-Spieler in den Startlöchern.

Folge Niklas König auf

Goal-Journalisten werden ausgestattet mit dem Samsung Galaxy S7 und Gear 360

Werbung