Germany France Thomas Müller Sami Khedira EURO 2016 070716Getty Images

DFB-Team: Die Leere danach

Die Gesichter von Mesut Özil und Thomas Müller schilderten die Gefühlslage im Kreise der deutschen Nationalmannschaft am treffendsten. Ersterer schlich in der Mixed Zone des Stade Velodrome mit hängendem Kopf wortlos an den Journalisten vorbei und wirkte dabei mehr wie ein Junge, der gerade der Schule verwiesen wurde, denn ein hochbezahlter Fußballer und Weltmeister. Letzterer stand Rede und Antwort, die herbe Enttäuschung war aber auch ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Beide vereinte die Leere in ihren Augen. 

"Die ganze Arbeit, die wir reingesteckt haben, war umsonst, Wir stehen mit leeren Händen da", klagte Müller nach dem 0:2 gegen Frankreich im EM-Halbfinale. Wie seine Kollegen und Bundestrainer Joachim Löw befand auch der Münchner, die bessere Mannschaft müsse nach Hause fahren. "Das Glück war nicht auf unserer Seite", sagte Müller. Das Team habe "alles rausgehauen" und "gezeigt, was wir können". Letztendlich sei Fußball aber eben "auch ein Sport, in dem ein oder zwei Fehler das Spiel entscheiden können".

Nach druckvollem Beginn der Franzosen und einigen Problemen auf deutscher Seite, hatte die DFB-Elf nach gut fünf Minuten die Kontrolle über Spiel und Gegner übernommen, den Gastgeber bis kurz vor der Halbzeitpause tief in der eigenen Hälfte eingeschnürt. In Person von Emre Can setzte Löw wie schon in der heißen Phase der WM in Brasilien auf einen zusätzlichen zentralen Mittelfeldspieler und ein 4-3-3-System. Bastian Schweinsteiger agierte als eine Art Libero, die Außenverteidiger Joshua Kimmich und Jonas Hector schoben unheimlich weit vor, während vorne Müller als Ersatz für Mario Gomez flankiert von Julian Draxler und Mesut Özil wirbelte.

In dieser Konstellation fand Deutschland immer wieder den freien Mann, spielte kontrollierter und gedankenschneller als Frankreich. Nur in einer Szene ließ der bis dahin restlos überzeugende Bastian Schweinsteiger genau diese Attribute vermissen und verursachte durch ein unnötiges Handspiel kurz vor der Pause jenen Elfmeter, den Antoine Griezmann so sicher verwandelte. Der die deutsche Dominanz durchbrach, der Partie eine unvorhersehbare Wendung verlieh und Frankreich auf die Siegerstraße brachte.

"Ich habe versucht, alles zu geben, um noch zum Ball zu kommen", schilderte der Kapitän später die Szene: "Ich kann mir nicht erklären, warum die Hand noch hochging. Vielleicht geschieht das automatisch; ein Reflex, weil man den Ball irgendwie abwehren will." Schweinsteiger richtete die Augen gen Boden, während er zwei Minuten mit den Journalisten sprach. Auch ihm war die Leere anzusehen, die schon Özil und Müller verkörpert hatten. "Ich habe versucht, all die Energie, die ich habe, in dieses Turnier reinzulegen, nachdem ich so lange mit zwei Verletzungen zu kämpfen hatte", erklärte Schweinsteiger mit leiser Stimme, eigentlich danach gefragt, ob man ihn nochmal in der Nationalmannschaft sehen werde. Sein langes Schweigen vor seiner Antwort war vielsagend, und deutet nicht unbedingt auf einen Verbleib hin. 

Vielleicht sucht er selbst aktuell aber einfach noch nach einer Antwort. Dass der 31-Jährige nach einem solchen Spiel mit solch einer Situation keine Entscheidung treffen will - sofern er es nicht schon getan hat -, ist verständlich. Auch Löw vermied ein klares Bekenntnis, seinen bis 2018 gültigen Vertrag definitiv erfüllen zu wollen. Die Enttäuschung saß zu tief für eine geordnete Entscheidungsfindung. "Nach dem Ausscheiden zu fragen, wie es weitergeht, ist auch eine der unfairsten Fragen, die man stellen kann", befand Müller.

"Wenn wir gewinnen, beschwert sich kein Mensch"

Im deutschen Lager hatten sie einfach zu sehr zu knabbern am bitteren Ausgang, zumal man sich selbst unisono überlegen und als zu Unrecht ausgeschieden fühlte. "Wenn wir das Spiel gewinnen, beschwert sich kein Mensch. Dann sagen alle: Verdienter Sieg für Deutschland", meinte etwa Mats Hummels, der die Partie aufgrund seiner Gelbsperre von der Tribüne verfolgen musste. Das Viertelfinale gegen Frankreich in Brasilien vor zwei Jahren, gab er weiter zu bedenken, "war deutlich ausgeglichener als das Spiel heute".

In Rückstand zu geraten, sei indes das Schlimmste gewesen, was Deutschland passieren konnte. "Vor allem wenn man sieht, wie sehr wir das Spiel unter Kontrolle hatten, wie wir die Franzosen in die eigene Hälfte gedrängt haben, war das sicherlich eine sehr unglückliche Szene für uns", sagte Hummels: "Die Ecke muss es schon nicht geben, und aus der fast abgewehrten Ecke entsteht dann der Elfmeter. Ähnlich wie schon gegen Italien, beide Szenen ähneln sich extrem."

"In so einem Spiel entscheiden auf dem Niveau manchmal einzelne Aktionen, ein bisschen Glück oder ein bisschen Pech. Wenn man in der 45. Minute einen Elfmeter bekommt, ist das erstmal ein Schock", meinte Löw derweil auf Goal-Nachfrage und mutmaßte: "Ich denke, wenn wir in Führung gehen, haben wir das Spiel so dermaßen im Griff, dass es ganz schwierig für Frankreich wird." In der Halbzeitpause seien die Spieler aufgewühlt gewesen.

"Haben auch alle Gefühle und Emotionen"

"Wir hatten in dem Moment ein bisschen das Gefühl, benachteiligt worden zu sein, weil es den Elfmeter für Frankreich gibt und Toni ihn nicht bekommen hat, obwohl das aus unserer Sicht einer war", erklärte Benedikt Höwedes gegenüber Goal: "Vielleicht hat uns das im Unterbewusstsein beeinflusst. Natürlich wollten wir nicht rausgehen und erstmal Larifari machen, sondern hätten gerne weiterhin so druckvoll agiert und Torchancen herausgespielt. Es war ein bitterer Zeitpunkt, das tut weh, gehört aber zum Fußball. Wir sind Menschen, haben auch alle Gefühle und Emotionen, die manchmal vielleicht zu sehr ins Spiel einfließen.

Tatsächlich wirkte die deutsche Elf in den 20 Minuten nach dem Seitenwechsel gehemmt. Zwar kamen Joshua Kimmich mit seinem Pfostenschuss und auch seine Kollegen in der Schlussphase noch zu Torchancen. Das Gefühl, der Weltmeister könne die Partie im zweiten Durchgang noch drehen, kam aber nicht auf. Auch weil Antoine Griezmann die französische Führung mit seinem zweiten Treffer ausgebaut hatte.

Und weil Deutschland nicht konsequent genug auftrat, was die Chancenverwertung angeht. "Es hat jemand gefehlt, der den Ball reinschießt", resümierte Hummels, für den der Ausfall von Mario Gomez am schwersten wog - nicht sein eigener oder der von Sami Khedira. Defensiv habe Deutschland schließlich "keinen schlechten Job gemacht".

Definitiv, waren sich Hummels und Höwedes einig, gewinne nicht immer die bessere Mannschaft. Alle anderen deutschen Spieler, die sich vor die Mikrofone und Diktiergeräte wagten, hätten diese Aussage unterschrieben, mussten letztendlich aber anerkennen, dass es trotzdem nicht gereicht hat. "Frankreich war kaltschnäuziger", merkte Höwedes an, während Löw ergänzte: "Wenn man 2:0 gewinnt, dann hat man es auch verdient, ins Finale einzuziehen." Spielerische Überlegenheit allein ist im Ergebnissport eben nichts wert. 

"Es sollte nicht so sein. Wir haben alle Fehler gemacht. Die einen wurden bestraft, die anderen nicht. So hart ist der Fußball", fasste Höwedes zusammen, ehe sich auch er in Richtung Mannschaftsbus verabschiedete. Die Leere hatte nun auch ihn eingeholt.

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