Thomas Müller hatte zahlreiche Chancen, tauchte letztendlich auf dem Spielberichtsbogen aber nur als Vorbereiter, nicht als Vollstrecker auf. Nach dem 1:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft im letzten EM-Gruppenspiel gegen Nordirland nahm sich Müller Zeit für ein ausführliches Gespräch mit den Journalisten.
Thomas, fühlt sich das 1:0 realistisch an? Immerhin hätten Sie auch gut und gerne 5:0 gewinnen können.
Thomas Müller: Es fühlt sich gut an, 1:0 gewonnen zu haben, vor allem weil es für den Gruppensieg gereicht hat. Der Sieg ist gut, schön, belebend, wenngleich er hätte höher ausfallen dürfen. Im Nachhinein ist es aber vielleicht ganz gut. So bleiben wir wachsam und glauben nicht, wir hätten den Fußball erfunden. Auch wenn der Gegner eben Nordirland war, der von der Qualität her nicht die ganz großen Möglichkeiten, aber defensiv und kämpferisch alles reingelegt hat, haben wir schönen, sauberen Kombinationsfußball gespielt. Auch die Wege in die Tiefe haben wir gefunden, wie wir es im Vorfeld angekündigt hatten. Also das erste Mal nicht nur leere Worthülsen - wir haben es sogar in die Tat umgesetzt. (grinst)
Trotzdem haben Sie nur einmal getroffen.
Müller: Dass wir nur so wenige Tore erzielt haben, ist vielleicht das nicht so Schöne. Wobei ich nicht das Gefühl hatte, dass es zu lässig war. Es hat irgendwie nicht sein sollen. Ich jedenfalls kann für meinen Teil sagen, dass ich mit aller Kraft versuche, das Ding über die Linie zu drücken, wenn ich eine Tormöglichkeit habe. Nur hat das heute irgendwie nicht geklappt.
War es spielerisch das beste EM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft?
Müller: Wenn man die Offensive und die Tormöglichkeiten betrachtet mit Sicherheit. Aber es war auch der vermeintlich kleinste Gegner. Nichtsdestotrotz war es spielerisch eine gute Leistung. Auch die mannschaftliche Geschlossenheit war wieder zu sehen. Dementsprechend gehen wir guter Dinge ins Achtelfinale. Um mit Lob überschüttet zu werden, hätten wir ein paar Tore mehr machen müssen. Ich kann damit aber gut leben. Wir müssen einfach weiter geil drauf sein, Tore zu erzielen.
Sie spielen mit Joshua Kimmich beim FC Bayern zusammen, dort hat er in der vergangenen Saison oft als Innenverteidiger gespielt, heute beim DFB-Team rechts in der Viererkette. Wie gut hat er es gemacht?
Müller: Er hat das gespielt, was ich erwartet habe. Und ich habe hohe Erwartungen. (lacht) Im Ernst, er hat gut gespielt. Er wurde aber defensiv auch noch nicht von einem Weltklasse-Linksaußen gefordert.
Benedikt Höwedes sagte, es sei die richtige Entscheidung von Joachim Löw gewesen, Kimmich zu bringen. Beachtlich, hat doch er seinen Startplatz an ihn verloren.
Müller: Davon lebt unser Erfolg. Dementsprechend haben wir auch Charaktere dabei, die das eigene Ego zurückstecken können. Das ist natürlich eine wahnsinnig gute Aussage von Bene.
Sie persönlich waren nach dem Polen-Spiel noch enttäuscht, dass Sie sich in zwei Spielen keine Torchance herausgespielt hatten. Diesmal waren Sie besser im Spiel. Woran lag das?
Müller: Ich war sehr gierig. Zudem haben wir von der taktischen Ausrichtung her ein bisschen anders gespielt, sodass ich ein Stück mehr im Zentrum war. Dann ist der Weg zur Gefahrenzone kürzer. Bei unseren Kombinationen hat alles gepasst, vom Timing und den Laufwegen. Wenn man dann die Torchancen hat und ohne Treffer nach Hause geht, ist es schon ein bisschen ärgerlich.
Vor allem aufgrund der Vielzahl an Chancen. Für Sie wären sogar drei Treffer drin gewesen - damit hätten Sie Gareth Bale einholen können. Haben Sie die Torjägerliste eigentlich noch auf dem Schirm?
Müller: Im Nachhinein schon. Ich hätte mich da sicherlich gut positionieren können, das stimmt. Aber das ist nicht mein Hauptansinnen. Ich bin nicht hierhergekommen, um Top-Torjäger, sondern um Europameister zu werden. Das kann man mir glauben, auch wenn ich gerne treffe.
Wie fällt nun Ihr Fazit nach der Gruppenphase aus?
Müller: Kein Gegentor, Gruppensieger, sicherlich ergebnistechnisch noch nicht brillant, aber auf dem richtigen Weg. Wir sind gut gerüstet für die K.o.-Spiele. Jetzt geht es eben mit jedem Spiel ums Weiterkommen beziehungsweise gegen das Ausscheiden. Da kann viel passieren.
Wo steht die deutsche Nationalmannschaft jetzt?
Müller: Wir haben vor vier Jahren 4:1 gegen Griechenland gewonnen. Danach hätte ich gesagt, wir stehen kurz vor dem Triumph, dann verlieren wir gegen Italien 1:2. Im Fußball kann man nie sagen, wo man steht. Wir sind jedoch gut unterwegs. Das Indiz, dass wir drei Mal zu Null gespielt haben, zeigt deutliche Verbesserungen im Vergleich zu der Phase davor, zu den Freundschafts- und Qualifikationsspielen, in denen wir immer wieder verwundbar waren. Wenn man die Standardsituationen anschaut, verteidigen wir mit einer ganz anderen Körpersprache und einem ganz anderen Zusammenhalt. Die Grundzutaten für Erfolg sind da.
Im ersten Spiel gegen die Ukraine hat die Defensive zwischenzeitlich bedenklich gewackelt, im Spiel gegen Polen kam offensiv zu wenig. Gibt es jetzt noch irgendetwas, das zwingend noch besser werden muss?
Müller: Ne, oder haben Sie etwas gesehen?
Nur die Chancenverwertung, über die wir bereits gesprochen haben.
Müller: Gut, das ist ja auch offensichtlich, wenn du 26 Chancen hast - wirklich klare Chancen - und nur ein Tor schießt. Man kann Abschlüsse trainieren, deswegen geht aber beim nächsten Spiel aber auch nicht jeder Schuss rein.
Slowakei und Albanien sind jetzt als Gegner im Achtelfinale möglich.
Müller: Warten wir erst einmal ab, wer es wird. Wir werden in jedem Fall vor dem Spiel wieder der Favorit sein und uns dann mit der jeweiligen Mannschaft beschäftigen. Wie man aber bei dem Turnier sieht, ist es gegen keine Nation leicht, viele Tore zu erzielen.
Was ist möglich bei dieser EM?
Müller: Alles! Die Basis für großen Erfolg ist da, wir arbeiten als Team gut zusammen. Wir sind keine Mannschaft, die von einem Spieler lebt, der geniale Momente versprüht und vier Mann schwindlig spielt - deswegen werden wir ja auch "Die Mannschaft" genannt und auf der ganzen Welt darum beneidet.
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