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Adel Taarabt: Burger King statt Panna King

Ganze 713 Zuschauer fanden den Weg in den Caixa Futebol Campus. Provinz-Klub Famalicao war an jenem tristen Sonntag Ende November 2015 zu Gast bei der B-Mannschaft von Benfica. Portugals Hauptstadt sollte für Adel Taarabt ein Neuanfang sein. Stattdessen erlebte er in Lissabon seinen bis dato tiefsten Tiefpunkt.

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Lediglich sieben Spiele bestritt Taarabt während seines eineinhalbjährigen Intermezzos bei Benfica. Für die B-Elf, versteht sich. Bei den Profis kam er kein einziges Mal zum Einsatz. Zweite portugiesische Liga also statt Champions League. Der heute 27-Jährige war angekommen. Ganz unten.

Vor rund zehn Jahren stand Taarabt die Tür zur ganz großen Fußball-Welt noch scheinbar sperrangelweit offen. Anfang 2007, mit 17, wechselte er vom RC Lens, seinem Jugendklub, zu Tottenham. In die Premier League. Da, wo die besten Spieler der Welt zaubern. Da, wo auch Taarabt nach eigenem Selbstverständnis hingehörte.

Bei den Spurs machte er zunächst Eindruck. Und wie. Jermaine Jenas, seinerzeit englischer Nationalspieler und Stammkraft in Tottenhams Mittelfeld, erinnerte sich gegenüber BBC Radio 5 Live an Taarabt. "Als er zu den Spurs kam, dachte ich mir nur: 'Wir haben Zidane gefunden, wir haben ihn, ich kann es nicht glauben. Wir werden unfassbar gut sein'", so Jenas.

"Unmöglichste Dinge"

Die Art und Weise, wie Taarabt mit dem Ball umging, nahm ihn gefangen. "Ich habe ihn die unmöglichsten Dinge mit einem Fußball anstellen sehen, die ich je in meinem Leben gesehen habe", schwärmte Jenas. Und nicht nur er war begeistert. Die Vergleiche mit Zidane hatte Taarabt desöfteren erfahren.

In Frankreich galt er, der mit seinen Eltern aus deren Heimat Marokko im Alter von neun Monaten ins Land von Les Bleus kam, als der prägende Spielmacher der nächsten Jahre. Er, der mit 15 von der Cote d'Azur in den rauen Norden Frankreichs ging, weil ihn die Talentspäher des RC Lens entdeckten.

In der Akademie blieb er dort aber nicht lange. Schon mit 17 debütierte er für die Profis in der Ligue 1, ein halbes Jahr später für Tottenham in der Premier League. Der Weg zur Weltkarriere schien vorgezeichnet. Weil er den Ball so schön streichelte wie kaum ein anderer, seine Bewegungsabläufe so sehr an den großen Zidane erinnerten, Taarabt in punkto Kreativität und Eins-gegen-Eins-Intelligenz neue Maßstäbe setzen konnte.

Seine Spezialität: Beinschüsse. Instinktiv weiß er, wann und wie er die Kugel berühren, welchen Touch er ihr geben muss, um den Gegner zu tunneln, ihn im besten Fall bloßzustellen. Resultat der unzähligen Stunden, die er tagtäglich damit verbrachte, an seinen fußballerischen Fähigkeiten zu feilen. Er kickte nicht gegen einen Gegenspieler, am liebsten waren Taarabt gleich drei, vier oder fünf Jungs, die ihm den Ball abluchsen wollten.

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Taarabts Potenzial war enorm, schier unerschöpflich. Was er daraus machte, gleicht jedoch einer Verschwendung. So richtig sollte seine Karriere niemals Fahrt aufnehmen. 2009/10 und vor allem 2010/11 hatte er zwei gute Spielzeiten in Englands zweiter Liga für QPR, behauptete sich später auch in der Premier League, erzielte 2013/14 während eines Leihgeschäfts vier Serie-A-Tore für den ruhmreichen AC Milan.

Offenbar gab er sich damit aber schon zufrieden. Obwohl er zu so viel Höherem berufen war. Taarabt stand sich lieber selbst im Weg. So imposant, wie er Gegenspieler narren konnte, narrte er viel zu oft auch seine eigenen Ambitionen.

"Ich hoffe, dass ich bald für einen der Topklubs in Spanien spielen werde – Real, Barcelona, Valencia oder Sevilla", sagte Taarabt während seiner Zeit bei QPR. Um derlei Ziele zu realisieren, tat er jedoch viel zu wenig. Er ließ sich gehen, ernährte sich nicht angemessen, feierte statt zu trainieren, genoss das "süße Leben".

2014 gab ihn Harry Redknapp, damals Coach bei den Queens Park Rangers, entnervt auf. Taarabt habe Übergewicht, klagte er. "Leider ist er nicht fit genug, um Fußball zu spielen", so Redknapp. Taarabt machte dem Trainer daraufhin Vorwürfe, gab sich trotzig. Das Tischtuch war zerschnitten.

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Das Sprungbrett QPR hatte sich zur Zwischenstation auf der Leiter nach unten gemausert. Für Marokko spielte der frühere französische Junioren-Nationalspieler längst nicht mehr, für QPR bestritt Taarabt 2014/15 nur noch acht Pflichtspiele.

Benfica nahm ihn auf, ablösefrei. Ein Einsatz für die Portugiesen blieb ihm aber bekanntlich verwehrt. Im Januar lenkte Taarabt ein, wechselte zum FC Genua, wurde dort zuletzt sogar zweimal eingesetzt, legte beim 3:3 gegen Florenz zwei Tore auf.

Statt in Lissabon, wo er jenes Spiel vor 713 Zuschauern gegen Famalicao zu allem Überfluss auch noch mit 1:3 verlor, könnte Taarabt nun in Genua den Reset-Knopf drücken. Doch selbst, wenn ihm das gelingt, ist das ob seines riesigen Talents eher Schadensbegrenzung. Wie schrieb es ein User unter einem von Taarabts unzähligen Youtube-Skill-Videos so passend: "Panna King? Burger King vielleicht ... welch eine Verschwendung von fantastischem Talent."

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