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Eine eigentliche Stärke könnte ihm zum Verhängnis werden: Kostet der neue Bundesliga-Innovator einem DFB-Star das WM-Ticket?

Mit der Ankunft von Albert Riera als neuem Trainer von Eintracht Frankfurt Anfang Februar - als Nachfolger des entlassenen Dino Toppmöller - gingen unmittelbar tiefgreifende Veränderungen einher.

Angesichts einer außergewöhnlich angespannten Verletzungssituation war der Spanier gezwungen, kreativ zu werden. Er strukturierte den Kader neu und setzte mehrere Spieler auf ungewohnten Positionen ein. So lief der etatmäßige Sechser Mahmoud Dahoud gegen Borussia Mönchengladbach überraschend im Sturm auf, während der defensive Mittelfeldspieler Ellyes Skhiri in der Innenverteidigung aushelfen musste. Auch Hugo Larsson agierte phasenweise als alleiniger Sechser.

Am meisten profitiert bislang jedoch Nathaniel Brown vom großen Innovator an der Seitenlinie. Der gelernte Linksverteidiger, der sich auf der Außenbahn sowohl defensiv als auch offensiv wohlfühlt, kam unter Riera vor Kurzem erstmals als Rechtsverteidiger und sogar im zentralen Mittelfeld zum Einsatz. Mit Blick auf die anstehende Weltmeisterschaft im Sommer könnte diese neu gewonnene Vielseitigkeit für Brown jedoch sowohl Fluch als auch Segen sein.

  • Nathaniel Brown Eintracht FrankfurtGetty Images

    Die WM in den USA, Mexiko und Kanada (11. Juni bis 19. Juli) rückt immer näher, hinter den Kulissen laufen die Planungen bereits auf Hochtouren. Sportlich ernst wird es jedoch schon Ende März, wenn die deutsche Nationalmannschaft in zwei Testspielen auf die Schweiz (27. März) und Ghana (30. März) trifft. Wer es dabei in den Kader schafft, darf sich berechtigte Hoffnungen auf ein Ticket für das Turnier machen. Bundestrainer Julian Nagelsmann machte im Interview mit dem kicker deutlich, wie der grundsätzliche Plan aussieht: "Der Kader wird dem, mit dem wir zur WM reisen wollen, schon sehr ähneln. Natürlich kann sich auch danach noch etwas ändern, aber generell ist die Grundidee, dass der März-Kader und das WM-Aufgebot artverwandt sind."

    Seit Wochen und Monaten wird daher intensiv spekuliert, wer es in den endgültigen Kader schaffen könnte, auf welche Spieler Nagelsmann keinesfalls verzichten darf und welche Namen neu ins Rennen geworfen werden. Einer davon ist zweifelsohne auch Nathaniel Brown. Der 22-Jährige wechselte erst im Januar 2024 vom 1. FC Nürnberg nach Frankfurt, wurde zunächst zurück verliehen und ist seit der Saison 2024/25 fester Bestandteil der Hessen. In den vergangenen eineinhalb Jahren hat er eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Sein Marktwert stieg rasant und wird mittlerweile von transfermarkt.de auf 35 Millionen Euro geschätzt. Bereits jetzt soll Interesse von Manchester United, Manchester City und sogar Real Madrid bestehen.

    Das blieb auch Nagelsmann nicht verborgen: Im Oktober nominierte er Brown erstmals für die A-Nationalmannschaft und setzte ihn in den WM-Qualifikationsspielen gegen Luxemburg und die Slowakei insgesamt 26 Minuten ein. "Von der A-Nationalmannschaft, davon träumt man einfach. Das Debüt konnte ich so wirklich gar nicht glauben. Es fühlt sich bis heute noch surreal an. Es hat einen sehr großen Stellenwert bei mir", sagte Brown.

    Sowohl bei seinem Debüt als auch bei seinem zweiten Länderspiel kam er auf seiner angestammten Position als linker Verteidiger zum Einsatz. Durch seine variable Nutzung unter Riera in den vergangenen Wochen könnte Brown künftig jedoch auch für weitere Rollen im DFB-Team infrage kommen - oder eben nicht.

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  • Riera & BrownIMAGO / Revierfoto

    Riera über Brown: "Er ist noch viel besser, als er selbst denkt"

    Bereits bei Rieras Debütspiel gegen Union Berlin waren deutliche taktische Veränderungen erkennbar. Brown, auf dem Papier als linker Schienenspieler aufgestellt, tauchte im Spielverlauf auffallend häufig im Zentrum auf. Dort bot er sich im Aufbau aktiv an, übernahm phasenweise die Rolle des Taktgebers und setzte seine Mitspieler gezielt in Szene.

    Rieras Plan ging auf. In den vier Partien, die er bislang leitete, stabilisierte sich die Defensive spürbar - ein Problem, das die Frankfurter die ganze Saison über schon plagt. Mit 49 Gegentoren stellt die Eintracht weiterhin die drittschwächste Abwehr der Liga. Nur die Abstiegskandidaten VfL Wolfsburg und der 1. FC Heidenheim sind mit jeweils 53 Gegentoren schlechter. Zwar kassierte die Eintracht gegen Tabellenführer FC Bayern München erneut drei Gegentore, doch gegen Union Berlin, Borussia Mönchengladbach und dem SC Freiburg musste man dafür insgesamt nur einmal hinter sich greifen.

    Auch offensiv zahlte sich die Umstellung für Brown aus - insbesondere mit Blick auf seine Torgefahr. Gegen Union und Gladbach traf er jeweils einmal. Zuvor war ihm in 19 Bundesligaeinsätzen in der laufenden Saison lediglich ein Tor gelungen. Riera erklärte seine Herangehensweise so: "Ich liebe es, Spieler in verschiedenen Positionen einzusetzen, denn je mehr Spieler du hast, die unterschiedliche Rollen spielen können, desto weniger Masse musst du holen. Auch für sie ist es gut, denn sie lernen dazu und kommen auf ein anderes Level. Das ist gut für ihre Zukunft."

    Exemplarisch für Browns neue Rolle war sein Treffer gegen die Fohlen: Im zentralen Mittelfeld erhielt er im Spielaufbau den Ball von seinem Verteidiger, behauptete sich unter dem Druck zweier Gegenspieler, zog sie dadurch auf sich und leitete nahe der Seitenlinie auf Jean-Matteo Bahoya weiter, der auf der linken Seite extrem dadurch viel Raum hatte. Bahoya zog Richtung Tor und legte in den Rückraum auf den nachgerückten Brown ab. Dessen Direktabschluss schlug präzise im langen Eck ein.

    Auch gegen den FC Bayern überzeugte Brown in einer weiteren neuen Rolle. Nicht nur führte er die SGE erstmals als Kapitän aufs Feld. "Nicht wegen seiner beiden Tore gegen Union und Mönchengladbach, sondern weil er ein riesiges Potential hat und ein ruhiger und bescheidener Charakter ist. Er ist noch viel besser, als er selbst denkt, er hat kein Limit. Mit meiner Unterstützung kann er ein noch viel besserer Spieler werden", begründete Riera seine Entscheidung.

    Zudem verteidigte Brown in dieser Partie phasenweise auch auf der rechten Seite. Im darauffolgenden Spiel gegen den SC Freiburg stand er sogar von Beginn an als Rechtsverteidiger auf dem Platz. "Daran wachse ich auf jeden Fall. Es ist etwas Neues. Es macht sehr, sehr viel Spaß, weil ich einfach öfter am Ball bin, mehr Aktionen habe", sagte Brown über seine neue Rolle.

  • Brown & Raum 2025getty

    Nominierung für den DFB-Kader: Nathaniel Brown kämpft mit starker Konkurrenz

    Doch könnte Browns Flexibilität bei der Nationalmannschaft für ihn sogar auch zum Nachteil werden? Besonders umkämpft ist im DFB-Team derzeit nämlich die Sechser-Position. Mit Spielern wie Aleksandar Pavlovic, Felix Nmecha, Leon Goretzka, Anton Stach, Angelo Stiller, Nadiem Amiri und Robert Andrich ist die Konkurrenz enorm. Nagelsmann sucht auf dieser Position zudem eher einen kopfballstarken Abräumer, der "eine gewisse Physis mitbringt". Dieses Profil passt wohl kaum zum 1,76 Meter großen Brown, der zudem nicht gerade für seine Kopfballstärke bekannt ist.

    Auch auf der rechten Abwehrseite ist klar, dass Nagelsmann weiterhin mit Joshua Kimmich plant. Dahinter wird es dann etwas dünner: "Da sind jetzt nicht alle top im Flow in der Liga. Benni Henrichs braucht noch ein bisschen nach der schweren Verletzung, zudem spielt er auch nicht regelmäßig. Ridle Baku ist noch nicht ganz auf dem Leistungsniveau der Hinrunde. Und wir haben noch Josha Vagnoman in der Verlosung, der körperlich gut drauf ist, fast immer spielt beim VfB und das auch ordentlich macht." Brown erwähnte der Bundestrainer in diesem Zusammenhang gar nicht. Nach nur einem offiziellen Einsatz als rechter Verteidiger ist es ohnehin äußerst unwahrscheinlich, dass er bei der WM direkt als Kandidat für diese Position in Betracht gezogen wird.

    Die besten Chancen hat Brown daher weiterhin als linker Außenverteidiger. Dort konkurriert er hauptsächlich mit David Raum von RB Leipzig und Maximilian Mittelstädt vom VfB Stuttgart. Das Trio ist in vielen Belangen auf einem ähnlichen Niveau - etwa bei den Bundesliga-Scorerpunkten (Brown 9, Raum 10, Mittelstädt 10). Dennoch gibt es Unterschiede in ihren Stärken: Raum überzeugt durch Offensivdrang, Flanken und Standards, Mittelstädt durch Laufbereitschaft und Defensivstabilität, Brown vor allem durch sein Dribbling und Tempo. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 35,78 km/h belegt er bundesligaweit Platz sieben. "Ich hab natürlich sehr große Konkurrenz, aber ich will einfach meine Spiele machen und zeigen, was ich kann. Dann hoffe ich, dass ich dabei bin", sagte Brown über seine WM-Chancen.

  • FBL-WC-2026-EUR-QUALIFIERS-GER-SVKAFP

    Fremde Position: Begründet es Julian Nagelsmann wie bei Anton Stach?

    Sollte Riera ihn weiterhin von seiner angestammten Position abziehen, könnte Nagelsmann dies bei einer Nicht-Nominierung ähnlich begründen wie im Herbst bei "Anti Wirtz" Anton Stach: "Er spielt nicht mehr die Position, die er vorher in Hoffenheim gespielt hat, die für uns super interessant gewesen wäre", erklärte er damals. 

    Auch im aktuellen Interview bewertete Nagelsmann Stachs Chancen nüchtern: "Er macht es dort gut, ist aber auch nicht enorm kopfballstark und auch nicht der Top-Zweikämpfer, sondern ebenfalls einer, der gerne das Spiel vor sich hat. Ich fand, seine Top-Position war in Hoffenheim die zentrale Rolle in der Dreierkette, von wo er auf die Sechs gekippt ist."

    Gleichzeitig machte Nagelsmann deutlich, dass die anstehenden Kaderentscheidungen nicht auf uneingeschränktes Verständnis stoßen werden - "nicht beim Spieler, aber auch nicht in der breiten Öffentlichkeit. Weil vielleicht ein Spieler bei uns nicht in der ersten Elf eingeplant ist, der bei seinem Verein aber Stammspieler und Leistungsträger ist."

    Man müsse "extrem darauf achten, wie ein Spieler damit umgeht, wenn er bei uns Kaderplatz 15 oder 16 ist, obwohl er bei seinem Verein als Top-6-Mann gilt, der immer spielt. Kann ein Spieler, der im Verein Stammspieler ist, bei uns in solch eine Rolle wachsen oder nicht?" Brown meistert seine Rolle beim Verein aktuell hervorragend, beim DFB-Team konnte er dies bisher in seinen zwei Kurzeinsätzen noch nicht voll unter Beweis stellen - einfach, weil er dafür zu wenig gespielt hat. Ob Nagelsmann dennoch auf ihn zählt, wird sich bald herausstellen.

  • Nathaniel Brown: Statistiken in der Saison 2025/26

    Spiele32
    Tore3
    Vorlagen6
    Einsatzminuten2.606
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