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Ex-Nationalspieler Sidney Sam exklusiv: "Ohne Altach hätte ich meine Karriere beendet"


EXKLUSIV

Auf der Suche nach einem neuen Verein ist Sidney Sam in Österreich fündig geworden. Der fünffache deutsche Nationalspieler unterschrieb Anfang Oktober beim SCR Altach. Die Vorarlberger bieten Sam so etwas wie eine ultimative Chance, denn Sam dachte schon an sein  Karriereende.

Drei Monate lang war Sam vereinslos, nachdem sein Vertrag beim Zweitligisten VfL Bochum im vergangenen Sommer nicht verlängert worden war. "Wenn ein Spieler vereinslos ist, ersehnt er sich nichts mehr, als Fußball zu spielen, anstatt nur zu Hause herumzuhängen", sagt Sam im Gespräch mit Goal undSPOXüber den vergangenen Sommer.

Einst kickte der Rechtsaußen für Bayer Leverkusen, Schalke 04, Darmstadt und den HSV in der deutschen Bundesliga, nun ist er das Aushängeschild des SCR Altach. Der 32-Jährige unterschrieb einen Vertrag bis Saisonende. Es soll im Sommer ein Angebot von RSC Anderlecht gegeben haben, auch Anfragen aus der Türkei lagen vor. Ein Engagement scheiterte allerdings an den Vertragsdetails.

"Mein Ziel war die deutsche Bundesliga, das ist kein Geheimnis. Das hat nicht funktioniert, andere Angebote aus dem Ausland waren nicht interessant. Dann kam das Angebot aus Österreich", erklärt Sam seine Vereinssuche. "Ich habe mir eine klare Deadline gesetzt: Wenn ich bis zum Winter vereinslos geblieben wäre, hätte ich aufgehört. Ohne Altach hätte ich meine Karriere beendet."

Sam wollte nicht "ewig auf einen Verein warten" und machte sich im Spätsommer 2019 bereits konkrete Gedanken über die Zeit nach der Profikarriere. Er pflegte Kontakte, um Optionen für eine weiterführende Tätigkeit im Fußball auszuloten. "Am Ende sollte es doch so sein, dass ich weiter Fußball spiele. Und das im Moment gar nicht so schlecht."

Sidney Sam: "Altach ist ehrgeizig und professionell"

Altachs Sportdirektor Christian Möckel kannte Sam aus seiner Zeit als Scout bei TSG Hoffenheim und dem 1. FC Nürnberg. Der Deutsche überzeugte seinen Landsmann mit dem Versprechen, in Altach Spielzeit zu bekommen. Sam kam in seinen ersten neun Einsätzen auf neun Scorer-Punkte: Drei Treffer stehen sechs Assists gegenüber.

"Mir war es wichtig, in einer höchsten Spielklasse zu spielen. Ich habe einfach meine Koffer gepackt und bin hergeflogen", sagt Sam. "Ich weiß, dass Altach ein überschaubarer Verein mit kleineren Mitteln ist. Aber der Klub ist sehr ehrgeizig und arbeitet äußerst professionell. Die Bedingungen als Profi sind richtig gut. Ich will meine Kollegen mitziehen, vorangehen und so gut es geht ein Leader sein."

Sidney Sam now at FC Schalke 04Getty

Dies tut er erstmals außerhalb seiner Heimat, Altach ist seine erste Station als Legionär. "Vorarlberg ist eine richtig schöne Ecke", sagt Sam, der die Nähe zum Bodensee, aber auch zu den Skigebieten hervorhebt. So oft es geht, besucht er seine Frau und seine zwei Kinder in Düsseldorf, in der Winterpause legte die Familie aber einen Kurzurlaub in Ischgl ein. "Ich konnte zwar wegen der Fußballkarriere nicht Skifahren, aber es war eine sehr schöne Zeit."

Die Umgebung in Altach, rund 1.000 Kilometer flussaufwärts von Düsseldorf am Rhein gelegen, bietet einen idealen Kontrast zum Großstadtleben. "Die Berge sind wunderschön, die Leute sind ausgeglichener, entspannter. Man hat Ruhe und kann dadurch sehr gut arbeiten. Für meine aktuelle Situation ist das hervorragend, ich genieße die Zeit sehr."

Sidney Sam: Bundesliga? "Soll keineswegs despektierlich sein"

Vor dem Start der Rückrunde ließ Sam mit einer Aussage in einem Interview mit der SportBild aufhorchen. "Die österreichische Liga ist perfekt, um sich als abgestürzter Star aus der Versenkung zu holen und neu anzufangen. Den Schritt hierher kann ich allen Profis, die bei deutschen Bundesligaklubs aufs Abstellgleis geraten sind, nur empfehlen", wurde er zitiert.

"So in der Art habe ich es gar nicht gesagt", beschwichtigt Sam nun bei Goal und SPOX. "Das soll man nicht falsch interpretieren. Ich will nicht, dass die Leute glauben, die österreichische Liga ist nicht gut genug. Für Spieler, die einen Karriereknick oder wenig Spielpraxis haben, kann Österreich perfekt sein, um wieder in Form zu kommen. Das soll aber keineswegs despektierlich gegenüber der Liga sein."

Es gebe neben ihm selbst ja auch weitere Spieler in seinem Alter, die mit reichlicher Erfahrung aus der deutschen Bundesliga nach Österreich gewechselt sind. "Das macht die Liga attraktiver und hebt das Niveau an, wenn ich an Milos Jojic, Lukas Schmitz (beide WAC, Anm.) oder Zlatko Junuzovic (Salzburg, Anm.) denke", sagt der Offensivspieler.

Sam, der in den letzten zwei Saisons beim VfL Bochum angestellt war, will das Engagement in Altach auch nicht zwingend als Rückschritt bezeichnen. Mit Ausnahme des HSV und des VfB Stuttgarts sei die österreichische Bundesliga "vermutlich besser", auch wenn die Spielklassen schwer zu vergleichen seien. Für Österreichs Bundesliga spreche die Möglichkeit, ein Ticket für den Europacup zu ergattern.

Sidney Sam Bochum 21122018Getty

"In der 2. Bundesliga dominiert der beinharte Kampf, nicht abzusteigen. Als junger Spieler ist es gut für die Entwicklung, wie auch bei mir früher. Vielleicht gibt es einmal alle heiligen Zeiten die Chance auf den Aufstieg für kleinere Vereine. Paderborn war ein Einzelfall, in der Regel trifft es aber große Vereine, die nach dem Abstieg gleich wieder raufgehen", meint Sam.

Sidney Sam über Ligaformat: "Beinhart"

Mit Altach hat Sam in Österreich aktuell sechs Punkte Luft auf den Abstiegsplatz. In zwei Wochen werden allerdings die Punkte geteilt, durch den Spielmodus wird die Liga in zwei Hälften geteilt. "Im Tagesgeschäft befassen wir uns noch nicht damit. Ich blicke da noch gar nicht bis ins letzte Detail durch, wenn ich ehrlich bin", sagt Sam angesprochen auf das Ligaformat, präzisiert aber: "Die Halbierung der Punkte ist beinhart, besonders für die unteren Klubs. Aber gut, das betrifft ja alle Vereine. Es ist unser erklärtes Ziel, am Ende den siebten Tabellenplatz zu erreichen."

Gelingen soll dies mit den Anweisungen von Alex Pastoor, den Sam als einen "taktisch überragenden Trainer" bezeichnet. "Er schafft es, die Mannschaft exzellent auf den Gegner einzustellen. Er ist jemand, der Fußball spielen will, anstatt auf eine destruktive Spielweise zu setzen. Er wird seinen Weg gehen, davon bin ich überzeugt."

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