HINTERGRUND
Es ist ein denkwürdiger Tag, jener 24. April 2007. Der AC Mailand gastiert zum Halbfinale der Champions League im Theater der Träume. Ein Hauch von Magie weht durch das weite Rund, als Kaka einen langen Abstoß von Keeper Dida annimmt, den Ball gekonnt über Gabriel Heinze hinüberlupft, das Leder per Kopf perfekt an Patrice Evra vorbei legt und anschließend eiskalt einschiebt. Manchmal ist Fußball einfach mehr als nur Sport. Die Welt staunt über diesen unfassbaren Treffer des damals besten Akteurs des Erdballs.
Große Spieler werden über große Spiele definiert. Über diese besonderen Szenen, die den Zuschauern in Erinnerung bleiben. Kaka hatte es mit Sicherheit auch und vor allem diesem einen Tor zu verdanken, dass er von den 109 wahlberechtigten Journalisten am Ende des Jahres 2007 mit dem Goldenen Ball zum besten Fußballer der Welt gewählt wurde. Es sollte bis heute das letzte Mal sein, dass der Weltfußballer nicht auf den Namen Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi hört. In den vergangenen neun Jahren machten die beiden Koryphäen das Rennen ausschließlich unter sich aus.
Ein Platz in der Weltspitze
"Ich war der letzte Weltfußballer, der von diesem Planeten stammt", sagt Kaka rückblickend. Die vergangene Dekade war schließlich geprägt von der Rivalität der beiden Kontrahenten. Nun schreiben wir das Jahr 2017, die Karrieren der beiden fußballerischen Supermächte gehen langsam aber sicher ihrem Herbst entgegen. Der Tag wird kommen, an dem sie ein kolossales Vakuum hinterlassen werden.
Erlebe Paulo Dybala in der Serie A live und auf Abruf auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!
Einer der Spieler, die sich berechtigte Hoffnungen machen, dieses Vakuum zu füllen, heißt Paulo Dybala. Der Argentinier gilt zurecht als eines der größten Talente des Weltfußballs. "Innerhalb von zwei Jahren wird er besser sein als Ronaldo, Messi und Ibrahimovic. Er ist der beste Stürmer der Serie A", kündigte Maurizio Zamparini, Präsident von Dybalas Ex-Klub Palermo, bereits im Jahr 2014 an. So ganz hat sich seine Prophezeiung bis heute nicht erfüllt. Die Tendenz stimmt jedoch.
Auch vor dem großen Duell mit dem FC Barcelona (Di., 20.45 Uhr im LIVE-TICKER) ruhen die Hoffnungen der Tifosi wieder auf den schmalen Schultern des 23-Jährigen. Ob er schon bereit ist, diese zu erfüllen?
Vielseitigkeit als großes Plus
In der laufenden Saison konnte er seine starken Leistungen aus dem Vorjahr noch nicht erfüllen. "Er tut sein Bestes, aber letztes Jahr war er noch besser", sagt Romeo Agresti, Juventus-Korrespondent von Goal Italien, betont jedoch auch, dass diese Entwicklung fortwährenden Verletzungsproblemen geschuldet sei. Das Potenzial Dybalas sei dennoch unzweifelhaft.
Im 4-2-3-1-System von Juve-Coach Massimiliano Allegri kommt dem Argentinier eine essenzielle Rolle zu. Als zentraler Mann vor der Doppelsechs Khedira und Marchisio ist er der wichtigste Kreativposten in der Offensive des italienischen Serienmeisters. Mit ihm steht und fällt das Angriffsspiel der Alten Dame. Dabei kommt ihm vor allem seine enorme Vielseitigkeit zugute.
Schuster vermisst bei Ronaldo "absoluten Hunger"
Dybala erfüllt das Anforderungsprofil eines kompletten Angreifers wie nur wenige andere in diesem Alter. Er ist technisch stark, trickreich und mit einer guten Übersicht gesegnet. Zusätzlich ist er beweglich, unheimlich schnell und verfügt über eine großartige Schusstechnik. Durch seine Vielseitigkeit nimmt er so eine Mischung aus hängender Spitze und Spielmacher ein, wobei er sich der gegnerischen Bewachung häufig geschickt entzieht, indem er sich auf die Flügel fallen lässt.
Seine Vielseitigkeit lässt sich auch statistisch belegen. In der laufenden Saison kommt er in 34 Partien auf insgesamt 22 Scorerpunkte, welche sich auf 14 Tore und acht Vorlagen aufteilen. Bereits in seiner Debütsaison im Piemont wusste er mit 23 Toren und neun Vorlagen in 46 Spielen zu überzeugen. Grund für die verschobene Aufteilung der Torbeteiligungen ist eine veränderte taktische Rolle im System der Bianconeri.
Im Windschatten des Rekordeinkaufs
In der vergangenen Saison wurde der Argentinier meist im Sturmzentrum an der Seite des zum Saisonende zu Real Madrid abgewanderten Alvaro Morata eingesetzt. Die größere Nähe zum Tor hatte eine bessere Torquote zur Folge. Mit der Verpflichtung des mit 90 Millionen Euro Ablöse teuersten Transfers der Vereinsgeschichte wurde Dybala schließlich auf die Position der hängenden Spitze zurückgezogen, agiert nun im Windschatten seines Landsmannes Gonzalo Higuain.
Hier kann er mit seiner Schnelligkeit und Dribbelstärke stets selbst in den Strafraum vordringen und zum Abschluss kommen. Eine altbekannte Kombination im Piemont: Mit dem Duo Roberto Baggio und Gianluca Vialli feierte die Alte Dame große Erfolge, später folgten Alessandro Del Piero und David Trezeguet. Nun also das argentinische Duo.
Ein Gegner von der Spielweise des FC Barcelona scheint im Grunde wie geschaffen für einen Spieler mit den Kompetenzen Dybalas. Gegen die Katalanen wird es auch auf ihn und seine Tagesform ankommen, seine Leistungskurve zeigte zuletzt nach oben. "Paulo muss weiter regelmäßig spielen, um in Top-Form zu kommen", sagte Allegri vor dem Duell am Samstag gegen Chievo Verona. Mit seiner Vorlage auf Higuain zahlte der 23-Jährige das Vertrauen seines Trainers postwendend zurück.
In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob Paulo Dybala schon bereit ist, in die Fußstapfen der Messis und Ronaldos zu treten. Juventus Turin gegen den FC Barcelona, es verspricht ein großes Spiel zu werden. Eines jener Spiele, über die sich große Spieler definieren.


